Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° Sprühregen

Navigation:
Ein Gotteshaus wird wieder eine richtige Kirche

Evangelisch-reformierte Gemeinde in Brandenburg/Havel Ein Gotteshaus wird wieder eine richtige Kirche

71 Jahre Ruine, 31 Jahre komplett nicht nutzbar – Sankt Johannis am Ufer der Havel in der Stadt Brandenburg lag lange im Dornröschenschlaf – bis die Bundesgartenschau kam. Die Kirche wurde vor dem Großereignis aufwendig für 3,5 Millionen Euro saniert. Ab Ostersonntag kehrt nun die Evangelisch-reformierte Gemeinde in das Gotteshaus zurück.

Voriger Artikel
Stadt und Stadtwerke weiter an einem Strang
Nächster Artikel
Hausgeburt scheitert – Neugeborener stirbt

Jörg Schulze (links), Irene Kluth und Malte Koopmann vor der Kirche Sankt Johannis.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Irene Kluth ist am 30. August 1930 in der Kirche Sankt Johannis getauft worden. Für die Ehrenpresbyterin der Evangelisch-reformierten Gemeinde Sankt Johannis ist die Rückkehr in die Kirche ein doppelter Grund zur Freude: „Ich bin froh, meine Jubelkonfirmation nach genau 70 Jahren wieder in der Kirche feiern zu können“, sagt die 85-jährige ehemalige Geschichtslehrerin.

Der 27. März, also der Ostersonntag, ist für die Gemeinde ein ganz besonderes Datum – nach mehr als 30 Jahren kehrt sie mit regelmäßigen Gottesdiensten in ihre Kirche zurück. Zwischenzeitlich war das Gemeindehaus in der Ritterstraße das Zentrum des Gemeindelebens. Die zu Kriegsende rund 1 000 Mitglieder zählende Gemeinde ist seitdem sehr viel kleiner geworden. Knapp 80 Mitglieder sind es noch, sagt Pfarrer Malte Koopmann. Mit den nun beginnenden regelmäßigen Gottesdiensten von Ostern bis Erntedank hofft er, dass wieder mehr Menschen den Weg in die Kirche am Salzhofufer finden. „Jeder ist herzlich willkommen.“

Ostersonntag als Start in neue Zeitrechnung

Die Evangelisch reformierten Gemeinden sind in mancher Hinsicht anders als andere Gemeinden. Sie entstanden aus der Reformation, die von Martin Luther in Wittenberg ausging, weiter westlich gab es Reformierte in den Niederlanden, in Frankreich oder der Schweiz. Durch Wanderungsbewegungen mischte sich das, deshalb gibt es beispielsweise in Potsdam noch eine Französische Kirche, die von den Hugenotten gegründet worden war. Zudem ist die „Reformierte“ eine Personalgemeinde, man muss sich direkt anmelden.

Zieht beispielsweise ein Gläubiger in die Ritterstraße, wird er automatisch erst einmal der Gotthardtgemeinde zugeschlagen, er muss sich erst ummelden, wenn er in Koopmanns Gemeinde mitwirken will. Zudem waren traditionell früher Unternehmer, Lehrer oder Rechtsanwälte Gemeindemitglieder, weil sie nicht der Kirchensteuer unterlagen und die Gemeinden sich selbst besteuerten. Auch die Gottesdienstzeiten werden in jedem Presbyterium (Gemeindekirchenrat) festgelegt – lange wurde diskutiert, bis als verbindlicher Termin der Sonntagnachmittag um 17 Uhr stand.

Ein ewiges Hin und her

Nach der Reformation war die Kirche Sankt Johannis in städtisches Eigentum übergegangen, das Kloster war weg, eingerichtet wurde zeitweise ein Hospital.

Vor gut 300 Jahren bekamen die beiden Evangelisch-reformierten Gemeinden das Gotteshaus übertragen, zuvor waren sie in der Nikolaikirche. Die Gemeinden schlossen sich zusammen – offiziell weil in der Französischen Gemeinde kaum noch einer französisch sprach.

Zu Zeit Napoleons diente die Kirche als Magazin beziehungsweise Pferdestall, bevor sie von der Gemeinde erstmals 1850 gründlich renoviert wurde.

Eine Luftmine zerstörte am Karsamstag 1945 das Dach und riss das letzte Joch am Westflügel weg.

Eine alliierte Bestimmung sah vor, dass alle von Gemeinden durchweg genutzten Kirchen an diese zu übertragen sind. In den 1970er-Jahren kaufte die Stadt die der Gemeinde gehörenden Flächen – große Teile des Stadtgebietes – unter Androhung von Enteignung ab. Zum Spottpreis von zehn Pfennigen je Quadratmeter.

1985 stürzte das Dach der Kirche endgültig ein. Die Gemeinde versuchte vergeblich, das Gotteshaus an die Stadt zu geben, als Einigung in Sicht war, fiel die Mauer in Deutschland.

Restitutionsansprüche nach der Wiedervereinigung waren erfolglos, sie hätten nur erfüllt werden können, wenn es tatsächlich Enteignungen gegeben hätte.

Im Jahr 2003 kaufte die Stadt das Gotteshaus für einen symbolischen Euro und sanierte es schrittweise für mehr als 3,5 Millionen Euro. Im Vorjahr diente sie als Blumenhalle zur Bundesgartenschau.

Die Gemeinde nutzt von nun an die Kirche regelmäßig für ihre Gottesdienste.

Nicht allein Irene Kluth hat vor 31 Jahren noch Gottesdienste in der Kirchenruine erlebt. Auch Jörg Schulze. Der heutige Diplomingenieur kletterte als jugendlicher Hobbyfotograf mit Pfarrer Ulrich Barniske aufs Kirchendach, um ein Foto von der Jahrtausendbrücke zu schießen. Barniske hielt jedoch den Jungen fest an den Beinen und das Foto war gemacht. Auch das Läuten der Glocken (nach wie vor manuell) begeisterte den heute 59-Jährigen. „Der Pfarrer wusste schon genau, wie er seine Konfirmanden zum Gottesdienstbesuch bewegen konnte“, erzählt er.

Nun soll plötzlich doch Miete gezahlt werden

Auch wenn die Rückkehr ins vertraute Gotteshaus nun gelingt, ist nicht alles eitel Sonnenschein. So ist noch kein Nutzungsvertrag zwischen der Stadt und der Gemeinde unterschrieben. Mit Tino Vogel vom Liegenschaftsmanagement GLM hatte Koopmann einen unterschriftsreifen Vertrag ausgehandelt: Die Gottesdienste sind kostenlos, dafür kümmert sich die Gemeinde ums Geläut. Jetzt will Kulturmanager Tim Freudenberg plötzlich Miete für die Gemeinde – viel zu viel für das Häuflein Gläubiger. Der Pfarrer beklagt sich nicht weiter, will die Verhandlungen nicht gefährden.

Von André Wirsing

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg/Havel

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg