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Ein Leben nach Fahrplan

170 Jahre Eisenbahn in Wusterwitz Ein Leben nach Fahrplan

Seit 170 Jahren leben die Wusterwitzer mit der Eisenbahn. Daran erinnert der Heimat- und Kulturverein mit einer Sonderausstellung, die am 10. September eröffnet wird. Der erste Zug passierte das damalige Großwusterwitz am 7. August 1846. Mit der Bahn kamen Arbeitsplätze und ein wirtschaftlicher Aufschwung.

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Hans-Christian Freund, Marlies Gohlke, Annemarie Braune und Klaus Steffen (v.l.) vom Heimat- und Kulturverein neben einer Tafel für die neue Sonderausstellung.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Wusterwitz. Fast geräuschlos bremst der aus Magdeburg heranrollende Regionalexpress ab. Die rote E-Lok kommt am Anfang des Bahnsteiges 2 zum Stehen. Reisende steigen ein und aus. Pünktlich um 8.47 Uhr verlässt der Zug Wusterwitz für die Weiterfahrt nach Brandenburg. Vorbei an Fußgängern, Radlern und Autofahrern, die in der Ernst-Thälmann-Straße hinter geschlossenen Schranken warten müssen. Ein völlig unspektakulärer Vorgang, wie er sich tagsüber jede Stunde wiederholt. Doch was wäre Wusterwitz ohne ein Leben nach Fahrplan?

Eine Dampflok in Wusterwitz

Eine Dampflok in Wusterwitz.

Quelle: Privat

Der Heimat- und Kulturverein erinnert in diesen Tagen an ein Ereignis, das Wusterwitz nachhaltig verändern sollte. Am 7. August 1846, also vor genau 170 Jahren, passierte die erste Eisenbahn das Gemeindegebiet auf dem Weg von Magdeburg nach Potsdam Kiewitt, westlich der Neustädter Havelbucht. Der durchgehende Zugbetrieb nach Berlin war erst fünf Wochen später wegen einer noch nicht fertigen Havelbrücke möglich. Mit dieser Strecke bekam das damalige Großwusterwitz neue Arbeitsplätze, einen Anschluss an das deutsche Bahnnetz und einen Bahnhof. Um diesen herum entstanden bald viele neue Häuser.

„Ohne diesen Gang der Geschichte hätte sich Wusterwitz nicht so rasant entwickelt und wäre heute kein so attraktiver Wohnstandort“, ist Altbürgermeister Klaus Steffen überzeugt. Das frühere Gemeindeoberhaupt gehört dem 2004 gegründeten Heimat- und Kulturverein an. In monatelanger Vorarbeit haben die Mitglieder neun Tafeln gestaltet, auf denen an die Entwicklung und die Bedeutung des Eisenbahnwesens in Wusterwitz erinnert wird. Zu sehen sein wird die gesamte Exposition ab dem 10. September als Dauerausstellung in den Räumen der Tourismus-Info in der Ernst-Thälmann-Straße.

Der Kaiser war da

Verkehrten anfänglich zwei Züge am Tag, passierten 1909 bereits 14 Personenzüge, 18 Schnellzüge und 26 Güterzüge den Bahnhof Großwusterwitz. Der Anblick durchfahrender Züge änderte sich im Verlauf der 1960er-Jahre. Zunehmend wurde die Dampflok durch Dieselloks der Baureihe 118 aus Babelsberg abgelöst, später bestimmten lautstarke sowjetische Modelle der Reichsbahn-Baureihen V 200 und 120 das Geschehen.

Die größte und umfassendste Veränderung gab es in den 1990er-Jahren im Zusammenhang mit der Elektrifizierung und dem Neubau des Schienennetzes. Die Bahnhofseinrichtungen und die beiden Stellwerke verschwanden. Das komplette Personal wurde abgebaut. Wusterwitz ist Haltestelle für den Regionalexpress geblieben. Geschichte dagegen ist die Nebenbahnlinie nach Ziesar, auf der 1971 der Personenverkehr und 1996 der letzte Güterverkehr eingestellt wurde.

Ein besonderer Tag für den Wusterwitzer Bahnhof war der 15. Oktober 1890. Kaiser Wilhelm II. kam mit einem Sonderzug an. Danach ging es mit einem Gespann weiter nach Plaue, wo der Kaiser an der Vermählung der Komtesse Alice von Königsmark mit Oberst Freiherr von Bissing teilnahm. Tausende Schaulustige standen am Bahnhof und entlang der Chaussee.

„Im Mittelpunkt stehen auch die Menschen, die von der Schiene gelebt haben. Den vielen Eisenbahnern, die Wusterwitz hervorgebracht hat, soll die Ausstellung Dank und Anerkennung sein “, berichtet Marlies Gohlke, die seit Jahren die Historie der Eisenbahn zusammenträgt. Ihr Vater, Friedrich Schuldei, war Lokomotivführer. Da gab es noch Rangierer, Fahrdienstleiter, Schrankenwärter, Stellwerksmeister, Blockwärter und Fahrkartenverkäufer.

Ein Personenzug der Linie  RE 1 beim Halt auf dem südlichen Bahnsteig in Fahrtrichtung Berlin

Ein Personenzug der Linie RE 1 beim Halt auf dem südlichen Bahnsteig in Fahrtrichtung Berlin.

Quelle: Frank Bürstenbinder

In zwei Vitrinen finden Medaillen und Urkunden ehemaliger Bahner Platz. Alte Fahrkarten und Reichsbahn-Aschenbecher haben ebenso die Zeiten überlebt, wie Schilder mit der Aufschrift „Notbremse“ und „Nicht in den Wagen spucken“. Eine große Hilfe war den Heimatfreunden Willi Meifert. Er war von 1967 bis 1990 Bahnhofsvorsteher in Wusterwitz. Aus seinem Fundus bereichern zahlreiche Erinnerungsstücke, Fotos und Dokumente die neue Ausstellung.

Das historische Empfangsgebäude des Großwusterwitzer Bahnhofs

Das historische Empfangsgebäude des Großwusterwitzer Bahnhofs.

Quelle: Privat

Gäbe es den Heimat- und Kulturverein und seine mittlerweile 19. Sonderausstellung nicht, drohte die Erinnerung an das einst blühende Eisenbahnzeitalter vollends zu verblassen. Auch wenn die Wusterwitzer heute glücklich sind, dass die Deutsche Bahn AG ihren Regionalexpress im Ort Station machen lässt, sind doch nicht mehr als zwei barrierefreie Bahnsteige mit Fahrkartenautomaten von der einstigen Infrastruktur des „Staatsbahnhofs Großwusterwitz“ übrig geblieben.

Eine Tafel der Sonderausstellung, die am 10

Eine Tafel der Sonderausstellung, die am 10. September eröffnet wird.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Nördlich der Gleisanlage rottet das leere Empfangsgebäude vor sich hin. Ein Geisterhaus ist auch das Bahnhofshotel. Das Stellwerk ist längst verschwunden. Schon bessere Zeiten hat ebenso das benachbarte Empfangsgebäude der ehemaligen Kleinbahn Wusterwitz-Görzke gesehen. Städtebaulich bietet das Bahnhofsensemble 170 Jahre nach der ersten Zugfahrt keinen feierlichen Anblick. Dafür hat die Gemeinde 2006/07 den Bahnhofsvorplatz neugestaltet, nach dem der Bahn rund 5000 Quadratmeter Grund und Boden abgekauft werden mussten.

Von Frank Bürstenbinder

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