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Ein halbes Jahrtausend für die Heilung

Brandenburg an der Havel Ein halbes Jahrtausend für die Heilung

Die Rats-Apotheke in Brandenburg an der Havel feiert dieser Tage ein unfassbares Jubiläum: 500 Jahre alt wird sie. Das Gebäude, in dem sie residiert, überstand den Dreißigjährigen Krieg ebenso unbeschadet wie die Zeit der Pest. Geschäftsinhaberin Karin Günther und Tochter Berit erzählen der MAZ anlässlich des runden Geburstages, was ihren Beruf so spannend macht.

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Die 27-jährige Berit Günther hat Pharmazie in Greifswald studiert, ebenso wie ihre Mutter Karin Günther.

Quelle: Melanie Höhn

Brandenburg/H. Karin Günther verliert nie den Überblick über alle 9000 Medikamente. So viele Arzneimittel sind in ihrer Apotheke in Brandenburg an der Havel vorrätig, die sie nun seit 26 Jahren erfolgreich führt.

Dieser Tage feiert die Raths-Apotheke ihr 500-jähriges Bestehen und ist damit die älteste Apotheke Brandenburgs. Eigentlich wollte die 63-Jährige Lehrerin werden, doch kurz vor dem Abitur legte sie sich auf das Fach Pharmazie fest. „Ich traf diese Entscheidung aus dem Bauch heraus“, sagt sie. Und diese Entscheidung hat sie nie bereut: „Apothekerin zu sein ist mein absoluter Traumberuf, ich mache diesen Job mit Leib und Seele. Viele wissen gar nicht, wie toll es in einer Apotheke sein kann“, sagt sie.

Der Frankfurter Erasmus Berisch gründete 1517 die heutige Raths-Apotheke, nach seinem Tod kam es zwischen seinen zwei Söhnen Andreas und Hans sowie dem Rat der Stadt zum Streit um die Nachfolge. Markgraf Joachim entschied zwar zu ihren Gunsten, an Weihnachten 1550 wurde jedoch Lucas Scholle zum Raths-Apotheker bestellt, der diese Funktion bis zu seinem Tode 1585 ausübte.

Er war es auch, der die Arzneitaxe herausgab, ein Medikamentenverzeichnis, das erstmals die deutschen Entsprechungen für lateinische Bezeichnungen lieferte. Scholles Nachfolger war Franz Tornow. Die Gründungsurkunde und Chronik der Apotheke wurde vermutlich bei einem Brand in der benachbarten Ahlertschen Brauerei 1814 vernichtet. Mittels Apothekerakten aus dem Brandenburger Stadtarchiv lässt sich die Geschichte der Raths-Apotheke jedoch weiterverfolgen.

Das Gebäude in der Hauptstraße 34 überstand den Dreißigjährigen Krieg ebenso unbeschadet wie die Zeit der Pest, dem vermutlich zwei Raths-Apotheker zum Opfer fielen. Wenige Tage vor dem offiziellen Ende des zweiten Weltkrieges erhielt der Apotheker Ernst Gastall die Erlaubnis zum Betrieb der Raths-Apotheke. Nur vier Jahre später – im Jahre 1949 – erfolgte ihre Verstaatlichung.

Als mit dem Ende der DDR das Aus staatlicher Betriebe und Einrichtungen besiegelt worden war, befand sich Karin Günther gerade im Babyjahr. „Es war unklar, was mit der Apotheke geschehen würde. Ich fühlte mich dort wohl und mochte die Arbeit und meine Kollegen sehr. Ich wollte weitermachen“, sagt sie. Am 1. Januar 1991 erwarb sie mit ihrem Mann die Apotheke, die Anfangszeit beschreibt sie als „aufregend hoch zehn“.

Die Festwoche der Apotheke

Während der Festwoche vom kommenden Montag bis Freitag wird es eine kleine Ausstellung im Flurbereich über die Geschichte der Apotheke geben. Gruppen von bis 20 Personen können durch die Räume geführt werden. Am Dienstag geben Mitarbeiterinnen Einblicke in die Tätigkeitsbereiche einer Apotheke, Besucher können ihnen bei der Medikamentenanfertigung über die Schulter schauen. Wissenswertes über Kräuter, Tees, ätherische Öle und deren Wirkungen erfahren Gäste am Mittwoch. Am Donnerstag können Kinder bei der Herstellung von Gummibärchen und Limonade zusehen, mithelfen und probieren. Am Freitag dreht sich alles um die Notfallapotheke: Was muss alles enthalten sein, um Unfälle bei der Gartenarbeit oder kleine Erkältungswellen zu kurieren?

Professionalisiert hat sich ihre Apotheke im Bereich pflanzlicher Arzneimittel und Behandlungen. Karin Günther legte 2006 ihren Fachapotheker in diesem Bereich ab, zudem wird jeder Mitarbeiter dazu regelmäßig geschult und besucht Weiterbildungsseminare wie etwa zum Thema Schüssler-Salze.

Schon immer legte sie viel Wert auf Aus- und Weiterbildung: Gerade bildet sie drei Lehrjahre des Berufes Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA) aus und versucht, den „Spirit der Apotheke“ weiterzugeben, wie sie sagt. Im Jahr 2015 erhielt ihre Apotheke sogar den Ausbildungspreis des Landes Brandenburg. Wenig Anfragen bekommt sie jedoch von studierten Pharmazeuten für das praktische Jahr. „Das Land Brandenburg bildet keine Apotheker aus, Pharmazie kann man erst wieder in Halle, Greifswald oder Berlin studieren“, weiß die gebürtige Cottbuserin.

Sie selbst legte ihren Hochschulabschluss in Greifswald ab. Seit Anfang des Jahres ist ihre Tochter Berit mit an Bord des zwölfköpfigen Teams, diese schloss ihr Studium ebenfalls in Greifswald ab. Die 27-Jährige freut sich, wieder zurück in ihrer Heimatstadt zu sein: „Ich bin sozusagen in der Apotheke aufgewachsen“, erzählt sie. Im Laufe der Jahre zog ihre Mutter auch viele andere Kinder ihrer Mitarbeiter mit groß.

In der Apotheke schätzt Berit vor allem den Kontakt mit den Kunden: „Man erlebt viele Geschichten. Am Schönsten ist es, wenn die Menschen zurückkommen und sagen, dass wir Ihnen wirklich geholfen haben“, sagt sie. Doch auch die Herstellung der Arzneimittel könne sehr spannend sein, das mache ihren Beruf sehr abwechslungsreich. Täglich arbeiten mehrere Mitarbeiter in der Rezeptur und stellen Salben, Kapseln, Tees, Zäpfchen, Augen- oder Nasensprays her.

Mindestens vier Augen schauen immer auf die genaue Dokumentation und Prüfung der Arzneimittel. Der großen Verantwortung bei der Herstellung ist sie sich absolut bewusst: „Wenn ich Zäpfchen für Säuglinge herstelle, brauche ich absolute Ruhe und es darf mich niemand stören.“

Von Melanie Höhn

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