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Eine Klasse für sich

Willkommensunterricht für Flüchtlinge Eine Klasse für sich

Elf Schüler lernen in der ersten „Willkommensklasse“ der Stadt Brandenburg, Die Nicolaischule hat sie zum Schuljahresbeginn eingerichtet mit 12 bis 16 Jahre alten Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan, Albanien und Bulgarien. Zwei Schülerinnen sind nach Monaten so gut, dass sie nach den Ferien an den regulären Mathematikstunden teilnehmen werden.

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Svitlana Irmler unterrichtet an der Nicolaischule die erste Willkommensklasse in der Stadt Brandenburg.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg an der Havel. „Woher kommst du?“, fragt Svitlana Irmler und blickt in wissbegierige Augen. Sieben oder acht Arme schnellen in die Luft. Jeder will drangenommen werden und der Lehrerin zeigen, dass er begriffen hat, dass es zwar „aus der Schweiz“ heißt, aber „aus dem Irak“ oder aus Afghanistan. Die deutsche Sprache ist wie so oft verwirrend. Bei einem Land muss man das Wort „der“ oder „dem“ dazu sagen, das nächste kommt dagegen ohne ein solches Personalpronomen aus.

Elf Schüler lernen in der ersten „Willkommensklasse“ der Stadt Brandenburg, Die Nicolaischule hat sie zum Schuljahresbeginn eingerichtet, damit die Kinder von Flüchtlingen nach und nach so gut Deutsch lernen, dass sie nach spätestens einem Jahr am regulären Fachunterricht teilnehmen können.

Fachunterricht kann bald folgen

Die zwischen 12 und 16 Jahre alten Jugendlichen kommen aus Syrien, Afghanistan, Albanien und Bulgarien. Zwei kommunikative junge Frauen sind bereits nach zwei Monaten so weit, dass sie nach den Herbstferien Mathematik und Naturwissenschaften mit den deutschen Schülern zusammen haben werden.

„Wir sind zuversichtlich, dass die beiden dem Fachunterricht jetzt schon folgen können“, sagt Schulrektorin Marina Eckhardt. Sollte der Wechsel sich doch noch als zu früh herausstellen, können die beiden Schülerinnen problemlos zurück in ihre Willkommensklasse.

4000 Kinder eingliedern

Der umgangssprachliche Begriff „Willkommensklassen“ steht für die Beschulung von Kindern aus Asylbewerber- und Flüchtlingsfamilien. In den Schulen gibt es Willkommensklassen ebenso wie Gruppen oder Teilungsstunden in der Regelklasse, je nach individuellem Bedarf der Kinder und Jugendlichen.

Einzugliedernde Schüler haben Anspruch auf schulische Förderung. Die Förderung ist in der Regel auf zwei bis drei Jahre begrenzt., teilt Antje Grabley vom Bildungsministerium mit.

Mit Stichtag 1. September gibt es im Schuljahr 2015/16 landesweit 4278 einzugliedernde Kinder und Jugendliche, davon in der Stadt Brandenburg. 86, im Landkreis Potsdam-Mittelmark 291 und im Havelland 269.

In den allermeisten Fällen handelt es sich nach Ministeriumsangaben um jüngere Kinder, die überwiegend die Grundschulen und dort insbesondere die 1. und 2. Klassen besuchen.

Steigen die Schülerzahlen – zum Bespiel durch Flüchtlingskinder – erhalten die Schulen zusätzliche Lehrerstunden.

Dass die Jugendlichen schon nach so wenigen Wochen den Wechsel in den regulären Unterricht wagen können, ist einerseits ihrem eigenen Fleiß zu verdanken. Sie nehmen sich Lesestoff mit nach Hause in die Flüchtlingsunterkunft in der Flämingstraße. Die Jugendlichen haben aber auch ausgesprochenes Glück mit ihrer Willkommenslehrerin.

Svitlana Irmler ist gebürtige Ukrainerin. Auch wenn sie perfekt deutsch spricht, kennt die Pädagogin die Tücken der deutschen Sprache und kann sich in jemanden hineinversetzen, der sich die Logik sprachlicher Unlogik erst mühsam erschließen muss. Zudem ist die Lehrerin seit zwanzig Jahren darauf spezialisiert, Deutsch und Englisch als Fremdsprache zu unterrichten.

Svitlana Irmler besitzt das Temperament und das Gespür, die Jugendlichen zu motivieren und mit einem Lächeln aus der Reserve zu locken. Alle, nicht nur ein paar. Zählen von 45 aufwärts oder von 78 rückwärts, bei den Aufgaben, die die Lehrerin stellt, zeigen alle auf, kommt jeder dran. Gibt es ausnahmsweise mal Verständigungsprobleme, helfen Hände und Füße oder auch mal ein englisches Wort. Denn zumindest die Jugendlichen aus Syrien können gut englisch.

Zu hohe Sprachbarrieren für den regulären Unterricht

Die Nicolaischule, die als Integrationsschule ein sehr offenes Konzept verfolgt und Lehrer hat, die mit sehr unterschiedlichen Jugendlichen gut umgehen können, hat mit der Willkommensklasse auf die Bedürfnisse der Schüler aus fernen Ländern reagiert, die zuvor mit vielen Fragezeichen in den Augen am regulären Unterricht teilgenommen hatten. „Wir haben erkannt, dass wir damit niemandem einen Gefallen tun“, erklärt die Schulleiterin. Daher sollen die jungen Leute erst die sprachlichen Barrieren überwinden.

Marina Eckhardt und andere Lehrer machten sich vor dem Start ihrer Willkommensklasse in einer Gesamtschule in Potsdam kundig. Für den intensiven Sprachunterricht durfte die Schule eine zusätzliche Lehrerin einstellen.

Svitlana Irmler ist mit ihren Schülern und deren Lernwillen sehr zufrieden. Sie wünscht sich allerdings, dass die jungen Flüchtlinge mehr Kontakt finden zu den deutschen Mitschülern. Denn von ihrer Klasse bleiben doch noch viele einfach im Raum zurück, wenn der Pausengong ertönt.

Von Jürgen Lauterbach

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