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Eine Plastik-Tüte voll Schulden

Sozialer Beistand für junge Erwachsene Eine Plastik-Tüte voll Schulden

Jeder Brief war für die junge Brandenburgerin eine Bedrohung. Den Postkasten öffnete sie schon seit Monaten nicht mehr. Irgendwann aber fand sie in Ute Pantke vom VHS Bildungswerk eine Hilfe. Zu ihr ging die junge Mutter schließlich mit einer Plastik-Tüte voller Schulden.

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Mit Ute Pantke (r.) hat diese junge Brandenburg ihre Finanzen in den Griff bekommen. Der Mutter eines Sohnes drohte bereits die Sperrung des Stromanschlusses und der Hartz-IV-Bezüge.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg an der Havel. Ein viereckiger Blechkasten hat Nicole Meier (Name geändert) die größte Angst eingeflößt. Ihr Briefkasten war die Bedrohung. Dorthin steckte der Postbote Woche für Woche etliche Briefe. Anfangs Rechnungen, dann Mahnungen, schließlich angedrohte Konsequenzen, Stromsperrung und Stopp ihrer Hartz-IV-Bezüge, weil die 35-jährige nicht auf die Schreiben reagierte. „Ich öffnete meinen Briefkasten nicht mehr. Ich war in einem tiefen schwarzen Loch und habe alles ausgeblendet.“

Nicole Meier ist seit einem Unfall im Sport als Jugendliche körperlich eingeschränkt. Es war ein harmloser Hüpfer von einer Bank. Ihre Kniegelenk macht seit dem nicht mehr mit. Die gelernte und arbeitslose Verkäuferin hofft auf ein neues Kniegelenk. „Dann kann ich auch wieder arbeiten, so aber macht mein Körper nicht mit.“ Langes Stehen und all das, das geht nicht mehr.

Der Briefkasten blieb eine Tabuzone

Die Mutter eines Jungen im Grundschulalter war damit von Anfang an aus dem Tritt geraten, psychisch und finanziell. Heillos überschuldet war sie. Ausstehende Mietschulden summierten sich auf 1500 Euro, Stromrechnungen ließen den Schuldenberg um weitere 600 Euro anwachsen. Handyschulden kamen dazu und andere. Kontakt hatte Nicole Meier da glücklicherweise schon zu Ute Pantke, der Leiterin der Info- und Beratungsstelle für Jugendliche und junge Erwachsene des VHS Bildungswerkes in der Wilhelmsdorfer Straße 19.

Ute Pantke ist eine erfahrene Sozialarbeiterin. Viele Male versuchte sie vergeblich, Nicole Meier telefonisch zu erreichen. „Dann stand ich eines Tages vor der Schule ihres Sohnes, morgens um 7 Uhr, weil ich wusste, dass sie ihr Kind dort jeden Tag hinbringt.“ Ihre Beratungsstelle ist ein so genanntes niedrigschwelliges Hilfsangebot. Es braucht keine große Hürde, keine große innere Hemmschwelle überwunden werden, sondern lediglich zwei Stufen, um Ute Pantkes Büro in einem ganz normalen Mietshaus zu erreichen. „Wenn sich jemand nicht mehr an Verabredungen hält und nicht mehr erreichbar ist, dann merke ich, da geht etwas nach hinten los.“

„Da geht etwas nach hinten los“

So beschreibt Ute Pantke ihre immer stärker werdenden Befürchtungen. „Dann bin ich hartnäckig und renne demjenigen auch hinterher.“ Vor der Schule des Sohnes hat Ute Pantke die junge Brandenburgerin „zu fassen bekommen“, wie sie es sagt. Sie redete Nicole Meier gut zu. Die riss sich zusammen. Ging in ihre Wohnung, nahm all ihren Mut zusammen und öffnete den Briefkasten. Ohne auf die dutzenden Schreiben zu schauen, schaufelte sie die Kuverts in eine große Tüte. Mit der unter dem Arm tauchte sie dann endlich wieder in Ute Pantkes Büro auf.

Zusammen öffneten die Frauen in dem kleinen Büro alle Briefe. „Ich war erleichtert, so froh, dass sie dabei war“, sagt Nicole Meier über Ute Pantke. Die erkannte sofort den dramatischen Ernst der Lage.

Ohne Hartz IV in unmittelbarer Not

Ohne Hartz-IV-Bezüge wäre die junge Mutter in unmittelbare Not geraten. „Und wenn sie ihrem Kind keine Stulle mehr schmieren kann, weil es dafür kein Geld mehr gibt, dann ist ruckzuck auch das Kindeswohl in Gefahr.“ Die Sozialarbeiterin, seit Jahren auch Mitglied im Jugendhilfeausschuss, schrieb sofort ans Jobcenter, schilderte ausführlich die Lage und verhinderte die Sperre der Bezüge. „Der Lebensunterhalt von ihr und dem Kind war so gesichert.“ Die zweite Baustelle: Ute Pantke musste verhindern, dass der Familie der Strom abgestellt wird. „Auf die Stadtwerke lasse ich nichts kommen. Die haben sich auf Miniraten eingelassen“, sagt Ute Pantke. Auch mit der Wobra, der Vermieterin, habe sie reden können.

Nicole Meier ging in Privatinsolvenz. Sieben Jahre währte diese Zeit insgesamt. „Jetzt bin ich schuldenfrei“, Nicole Meier strahlt und reckt wie aus Freude über einen gelungenen Torschuss beide Fäuste in die Höhe. „Wenn ich jetzt noch mein neues Kniegelenk kriege, dann bin ich ab 2018 wieder in Lohn und Brot.“

Von Marion von Imhoff

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