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Emily-Vergiftung: Vater muss 15 Jahre in Haft

Urteil im Giftmordprozess Emily-Vergiftung: Vater muss 15 Jahre in Haft

Im Aufsehen erregenden Giftmordprozess „Emily“ vor dem Landgericht Potsdam hat Richter Frank Tiemann am Donnerstagmittag das Urteil verkündet. Die erste große Strafkammer verurteilte den Tierpfleger Gerd S. (37) zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes an seiner Tochter Emily (2).

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Der Angeklagte mit seinem Anwalt.

Quelle: J. Stähle

Die Erste große Strafkammer verurteilte den Tierpfleger Gerd S. (37) zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes an seiner Tochter Emily (2) sowie wegen Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung.

Die Schwurgerichtskammer hält den gebürtigen Hamburger für schuldig, das damals knapp ein Jahr alte Kind Ende Juni 2014 mit gefährlichen Desinfektionsmitteln so stark vergiftet zu haben, dass es um ein Haar daran gestorben wäre. Nach der Urteilsverkündung atmete S. tief durch und schüttelte den Kopf.

Mehrmonatige Leidenszeit

Der Angeklagte schrammte haarscharf an einer lebenslangen Haftstrafe vorbei. Die wäre vertretbar gewesen, räumte der Vorsitzende Richter ein. Das Gericht habe davon abgesehen, weil "so übel der Fall war, er nicht höchststrafenwürdig ist". Denn zum Glück gehe es Emily heute blendend, seien keine gesundheitlichen Folgen eingetreten und für die Zukunft zu erwarten. Gerd S. verdiene daher nur die höchst mögliche Zeitstrafe: 15 Jahre.

Richter Tiemann zog zum Vergleich zwei Lebenslang-Urteile wegen versuchten Mordes aus dem vergangenen Jahr heran. In einem Fall habe ein Mann seine Frau mit Benzin übergossen und angezündet. Das Opfer sei für sein Leben gezeichnet und leide an schweren Gesundheitsschäden.

Fakten und Hintergrundinfos

Staatsanwalt Gerd Heininger hatte eine lebenslange Haftstrafe gefordert, Verteidiger Matthias Schöneburg wegen Zweifeln an der Täterschaft seines Mandanten einen Freispruch. 

Die mehrmonatige Leidenszeit der kleinen Emily begann im Lebensalter von acht Monaten am 19. März 2014.  Insgesamt verabreichte Gerd S. der kleinen Emily in zwölf nachgewiesenen Fällen ätzende säure- und alkoholhaltige Desinfektions- und Reinigungsmittel durch den Mund oder durch eine Sonde.

Das Mädchen reagierte mit Schmerzen, Schwindel, Erbrechen und Nahrungsverweigerung. Über Wochen blieb rätselhaft, was nach zwischenzeitlicher Besserung in den behandelnden Krankenhäusern in Neumünster und Brandenburg/Havel immer wieder zu den schlimmen Rückfällen führte. In höchster Not überwies die Reha-Klinik in Hohenstücken das komatöse Kind in Kinderklinik in Brandenburg/Havel.

Emily schwebte Ende Juni 2014 mehrmal in akuter Lebensgefahr, lag nach Verabreichung des Giftes im Koma und musste auf der Brandenburger Kinderintensivstation künstlich beatmet werden Erst dort kamen Ärzte und Schwester  der wahren Ursache auf die Spur. Nämlich dass entweder die Mutter Nadja G. (26) oder der Vater Gerd S. das Leiden der kleinen Emily verursacht hat. 

Wenige Tage,  nachdem die Polizei beide Elternteile am 1. Juli 2014 festgenommen hatte, ließ die ermittelnde Staatsanwaltschaft Potsdam den Verdacht gegen Emilys Mutter fallen und sah allein in dem gebürtigen Hamburger Gerd Saß den Schuldigen. Er bestritt alle Taten bis zum Schluss.

Inzwischen ist das Kind zwei Jahre alt. Unter der Aufsicht des Jugendamtes lebt Emily seit Oktober 2014 wieder bei ihrer Mutter, die nie den Verdacht geschöpft hatte, dass ihr Partner der Kleinen so etwas antun könnte. Nach Erkenntnissen der Ärzte sind bei Emily bisher keine körperlichen Folgeschäden des langen heftigen Martyriums festzustellen.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, das als Erklärung für die Taten des Vaters herangezogen wurden, ist eine seltene psychoneurotische Störung, die bei Männern bisher so gut wie unbekannt ist. Fast ausschließlich Mütter täuschen bei ihren Kindern Krankheitssymptome vortäuschen, künstlich erzeugen oder vorhandene Gesundheitsschäden willentlich verschlimmern, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Nach Auffassung der Strafkammer spielt es im Fall Emily aber keine Rolle.

Im anderen Fall habe ein Mann seine Ehefrau mehrmals mit einer 15-Kilo-Stahlhantel niedergeschlagen, so dass die Frau seither im Wachkoma dahinvegetiere. Beide Taten kämen einem vollendeten Mord deutlich näher als die Mordversuche von Gerd S. 

Verdacht keimt in Brandenburg auf

Nach Überzeugung der Strafkammer hat der gebürtige Hamburger Gerd S. seine Tochter zunächst vom 19. März bis 23. Juni 2014 mit säure- und alkoholhaltigen Mitteln misshandelt um von seinem eigenen Versagen im Alltag abzulenken, um die Rolle des fürsorglichen Vaters schauspielern  zu können und sich dadurch selbst aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen.

Zwischen dem 26. und 29. Juni versuchte der vorbestrafte Mann laut Urteilsbegründung, die kleine Emily mehrmals vorsätzlich zu töten, weil er nun wieder im Zentrum von Vorwürfen der Familie stand. "Er hatte der Schwester seiner Frau Geld gestohlen, ihm drohte Ungemach", sagte der Richter.

Erst in Brandenburg an der Havel kamen Ärzte und Schwester der wahren Ursache auf die Spur. Nämlich, dass entweder die Mutter Nadja G. (26) oder der Vater Gerd S. das Leiden der kleinen Emily verursacht hatte. Wenige Tage, nachdem die Polizei beide Elternteile am 30. Juni 2014 festgenommen hatte, ließ die ermittelnde Staatsanwaltschaft Potsdam den Verdacht gegen Emilys Mutter fallen und sah allein in dem gebürtigen Hamburger Gerd S. den Schuldigen. Er bestritt alle Taten bis zum Schluss.

Inzwischen ist das Kind zwei Jahre alt. Unter der Aufsicht des Jugendamtes lebt Emily seit etlichen Monaten wieder bei ihrer Mutter, die nie den Verdacht geschöpft hatte, dass ihr Partner der Kleinen so etwas antun könnte. Nach Erkenntnissen der Ärzte sind bei Emily bisher keine körperlichen Folgeschäden des langen heftigen Martyriums festzustellen. Sie entwickelt sich gut.

Von Jürgen Lauterbach

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