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Entdeckungen im Psychiatriemuseum

Brandenburg an der Havel Entdeckungen im Psychiatriemuseum

Eine Stadt in der Stadt war das psychiatrische Krankenhaus auf dem Görden schon immer. Doch innerhalb dieser isolierten Welt gab es noch einen abgeschlossenen Bereich: Das Haus 23. Dort waren psychisch erkrankte Straftäter untergebracht - nicht immer unter humanen Bedingungen. Heute ist es Museum.

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Historiker Friedrich Hauer bei einer Führung durch das Psychiatriemuseum.

Quelle: Annika Jensen

Brandenburg/H. Hinter großen Mauern, abgeschirmt vom Rest des Klinikgeländes steht es am südlichen Ende des Asklepios Fachklinikums Brandenburg: Das Haus 23. Noch immer mutet das Gebäude des ehemaligen Maßregelvollzugs bedrückend an. Doch seit 15 Jahren ist es nicht mehr in Betrieb. Seither kommt auch der normale Bürger durch die schwere eiserne Tür in das Innere des Gebäudes. Denn heute ist es Museum.

Friedrich Hauer, Berliner Historiker und Mitgestalter des Museums, führt gerade eine Gruppe internationaler Studierenden der THB über das Gelände der Asklepios-Klinik. Sein Ziel: Das Psychiatriemuseum. Er leitet regelmäßig Führungen, sowohl nur durch das Museum als auch durch Museum und Gelände. Der gesamte Komplex ist denkmalgeschützt. Der Träger der psychiatrischen Fachklinik, bis 2006 öffentlich, brauchte mehrere Anläufe, um die Geschichte der Klinik aufzuarbeiten – vor allem die nationalsozialistische.

Exponate im Psychiatriemuseum

Exponate im Psychiatriemuseum.

Quelle: Annika Jensen

In der zweiten Hälfte der 1970er wurde der erste Versuch der historischen Aufarbeitung unternommen. Doch der Projektleiter starb unerwartet früh und so schlief das Unterfangen ein. Ab Mitte der 1980er Jahre nahm der damalige Leiter der Kinderpsychologie das Projekt im Zuge des 75-jährigen Klinik-Jubiläums wieder auf. „Doch dann kam die Wende dazwischen“, sagt Hauer. „Da hatte man andere Probleme.“ Die heutige Aufarbeitung begann 1997. Ihr Höhepunkt ist die Eröffnung des Museums 2002 und die Erweiterung der Ausstellung um die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit 2004. „Das Gebäude hat eine Doppelfunktion“, sagt Friedrich Hauer. „Zum einen beherbergt es das Museum. Und zum anderen ist es ein Exponat des Maßregelvollzugs selbst.“ Das ehemals als „Festes Haus“ bezeichnete Gebäude wurde gemeinsam mit dem gesamten Klinikkomplex in den Jahren 1910 bis 1914 gebaut.

Das Psychiatriemuseum

Das Psychiatriemuseum.

Quelle: Annika Jensen

Die ganze Einrichtung war damals etwas Neues. „Die Klinik war eine Revolution“, so Hauer. „Man sah die Betroffenen nicht mehr als Verrückte, sondern als Patienten, als Kranke. Das zeigt sich darin, dass der Gebäudekomplex als Krankenhaus, Pflegeeinrichtung und Heilanstalt gebaut wurde.“

Der Maßregelvollzug, in dem sich heute das Psychiatriemuseum befindet, beherbergte psychisch Erkrankte, die straffällig geworden waren und aufgrund ihrer Krankheit nicht in herkömmlichen Gefängnissen verwahrt werden durften. Auf dem Görden war das bis 2001 der Fall.

Die Besucher bekommen einen sehr authentischen Eindruck, was es bedeutet haben mochte, hier gelebt zu haben. Im rechten Gebäudeflügel sind ein Patientenzimmer sowie eine Sicherheitszelle aus den 1990ern und ein Zellentrakt aus der Erbauungszeit erhalten. In einer Fundusausstellung zeigt das Museum zudem Gegenstände aus dem Klinikalltag der Anfangsjahre. So sind Blechgeschirr, Anstaltsmünzen, Apothekenzubehör, Geräte und Produkte aus der Arbeitstherapie, eine wuchtige Sitzwaage, Kulturprogramme aus der DDR-Zeit sowie zahlreiche Fotos zu sehen.

Im rechten Flügel ist seit 2004 die Dauerausstellung „Die Landesanstalt Görden 1933 bis 1945. Psychiatrie im Nationalsozialismus“ zu sehen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen an Kranken und Behinderten. 1250 Männer, Frauen und Kinder tötete das Krankenhauspersonal im Zuge der „Euthanasie-Aktion T4“.

Weitere 400 Patienten wurden nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert. „Eine Funktion hatte die Klinik während der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und der DDR immer: sie war Schutzort für Menschen, die Schutz bedurften“, sagt Hauer. „Das änderte sich in der Nazi-Zeit. Die Anstalt wurde zur Falle. Nicht jeder wurde getötet, aber jeder, der als Patient hierher kam, war einer großen Gefahr und Willkür ausgesetzt.“

Führungen gibt es nur nach Anmeldung im Sekretariat der Geschäftsführung unter der Telefonnummer 03381/78 21 02. Außerdem ist das Museum Dienstag und Donnerstag und jedes 2. und 4. Wochenende im Monat Samstag und Sonntag von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Führung und Eintritt zum Museum sind kostenlos.

Von Annika Jensen

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