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Erbe der Müllmafia: Dorfrand rottet vor sich hin

Zehn Jahre nach dem Betrug Erbe der Müllmafia: Dorfrand rottet vor sich hin

Seit zehn Jahren leben die Altbensdorfer mit dem Erbe der Müllmafia an ihrem Dorfrand. Statt eine Bürgermeisterkippe aus DDR-Zeiten zu rekultivieren, wurden tausende Tonnen geschredderter Abfälle eingebaut. Seit dem Auffliegen des Betruges rottet der Müll vor sich hin. Der Bürgermeister würde gern Platz für einen Solarpark schaffen. Doch so einfach geht das nicht.

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Bensdorfs Bürgermeister Bernd König auf der fast zugewucherten Altdeponie von Altbensdorf.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Altbensdorf. Von einem der größten deutschen Müllskandale ist nicht mehr viel zu sehen. Robinien und Sauergrasgewächse erobern nach und nach die ehemalige Deponie am Altbensdorfer Dorfrand. Nur wo die Potsdamer Staatsanwaltschaft vor fast zehn Jahren den Bagger für Suchschachtungen anrücken ließ, türmt sich immer noch ein Brei aus Grüne-Punkt-Abfällen, von denen insbesondere die Kunststoffreste Hitze und Frost widerstanden haben.

Die waren einmal zur Verbrennung bestimmt. Doch ein mafiöses Netzwerk lenkte den geschredderten Müll aus Sachsen-Anhalt kurzerhand nach Altbensdorf um. An die 30 000 Kubikmeter sollen es gewesen sein. Aus einer vorgeblichen Deponiesanierung wurde ein Desaster. Und nicht nur dort.

Altbensdorf ist nicht allein

So wie Altbensdorf geht es fünf anderen Dörfern in Potsdam-Mittelmark. Mehrere tausend Lastwagenladungen Haushalts- und Gewerbemüll hat Bernd Reif anfahren lassen. Statt DDR-Deponien zu rekultivieren, wurden insgesamt an die 300 000 Kubikmeter Abfälle eingebaut.

Der Landkreis setzt bis heute ein Grundwassermonitoring fort. In eigens gebohrten Brunnen wird untersucht, ob es zu giftigen Auswaschungen in das Grundwasser kommt. Bis jetzt wurde noch kein Alarm geschlagen. Derweil rottet der illegal entsorgte Müll weiter vor sich hin.

Wann die bei Suchschürfungen aufgerissenen Gräben geschlossen werden, ist immer noch unklar. Eine Entsorgung durch den Landkreis gilt als unwahrscheinlich. Die Ausgaben würden den Kreishaushalt empfindlich durcheinanderbringen. Auch vom Verursacher selbst dürften die Millionen-Kosten nur schwer zu holen sein.

Bensdorfs Bürgermeister Bernd König ist schon froh, dass der Wind die Abfälle nicht mehr auf die nahe Umgehungsstraße weht. Doch seinen Frieden hat das Gemeindeoberhaupt mit dem fast zugewucherten Areal noch nicht gemacht. „Wir sind uns im Gemeinderat einig, dass wir dieses unglückselige Erbe nicht in diesem Zustand unseren Enkeln hinterlassen dürfen“, sagte König der MAZ. Deshalb hat der Bürgermeister jetzt einen unkonventionellen Vorschlag gemacht: „Alle Löcher zuschieben. Das Gelände glätten, Muttererde und Grassaat oben drauf. Fertig ist die Fläche für einen Solarpark.“ Es geht um rund 1,7 Hektar am Birkenweg.

Die Altbensdorfer haben es nach zehn Jahren satt mit einer berüchtigten Schmuddelecke gegenüber dem sauber gepflegten Friedhof leben zu müssen. Schon 2009 hatten sich die Volksvertreter mit einem Schreiben an Landrat Wolfgang Blasig (SPD) gewandt. Doch bis heute gibt es in der Kreisverwaltung keinen Plan, wie dem unappetlichen Übel in Altbensdorf, Rogäsen, Zitz, Wollin, Mörz, Schlamau und einer Kiesgrube zu Leibe gerückt werden soll. Der Landkreis war nämlich die Überwachungsbehörde bei den in die Hose gegangenen Deponiesanierungen.

Diese dienten in Wahrheit nur dem Zweck der Bereicherung eines Mannes – Bernd Reif. An die 300 000 Tonnen Abfälle hatte der aus Borne stammende „Entsorgungsfachmann“ in die verschiedenen Deponiekörper eingebaut, statt, wie vertraglich mit den Kommunen vereinbart, die einstigen DDR-Bürgermeisterkippen zu rekultivieren.

Eigentlich sollte die alte Bürgermeisterkippe von Altbensdorf mit Bauschutt abgedeckt werden

Eigentlich sollte die alte Bürgermeisterkippe von Altbensdorf mit Bauschutt abgedeckt werden. Doch bei Probeschürfungen wurden 2008 Unmengen übel riechende, geschredderte Abfälle knapp unter der Oberfläche gefunden.

Quelle: MAZ

Reif wurde dafür in einem Strafverfahren verurteilt, für seine Firma meldete er Insolvenz an. Doch die Kommunen sind bis heute auf den Schweinereien sitzen geblieben. Der Landkreis konnte zwar ein Zwangsgeld erwirken, doch das dürfte bescheiden ausgefallen sein gegenüber den Millionen die nötig wären, um die Müllpanschereien zu entsorgen. „Zur Not würden wir das Gelände mit eigener Technik einebnen“, meint Bensdorfs Bürgermeister König. Doch davon rät Bauamtsleiterin Monika Bothe aus dem Amt Wusterwitz dringend ab.

Schon fast in Vergessenheit geraten ist nämlich die Tatsache, dass die Verwaltung im Auftrag der Kommunen Rosenau für Zitz und Rogäsen sowie Bensdorf für Altbensdorf vor dem Landgericht Berlin um Schadenersatzansprüche streitet. „Wir sind immer noch in einem laufenden Verfahren. Da wäre es kontraproduktiv in Aktionismus zu verfallen“, so Bothe. Erst am vergangenen Freitag vertrat der Brandenburger Rechtsanwalt Dirk Stieger die Kommunen wieder vor dem Berliner Landgericht.

Im Kern geht es bei dem Verfahren um die Sicherung von finanziellen Ansprüchen, die nicht einer Restschuldbefreiung im Rahmen von Reifs Insolvenzverfahrens unterliegen. „Ein Ende und der Ausgang des Verfahrens sind allerdings offen“, so Stieger. Auf dem Wege eines ebenfalls noch laufenden Verwaltungsgerichtsverfahrens versucht derweil der Landkreis zu einer finanziellen Wiedergutmachung zu kommen. In Altbensdorf wird noch eine Weile Gras über den illegal entsorgten Müll wachsen.

Von Frank Bürstenbinder

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