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Erinnerung an einen Schicksalstag im Pfarrhaus

Jeserig (Potsdam-Mittelmark) Erinnerung an einen Schicksalstag im Pfarrhaus

Als Renate Dommnich acht Jahre alt war, starb ihr Vater zwei Tage vor Weihnachten. Es war 1945 und der Jeseriger Pfarrer erst 40 Jahre alt. Für die heute 80-Jährige ist Weihnachten seither eine Zeit der Erinnerung an diesen schweren Schicksalsschlag.

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Renate Dommnich, geborene Messerschmidt, Pfarrerstochter aus Jeserig. Die 80-Jährige besitzt noch das Tagebuch, das ihre Mutter für sie schrieb.

Quelle: Marion von Imhoff

Jeserig. Wenn Renate Dommnich an Weihnachten denkt, überkommt sie keine fröhliche Vorfreude auf duftende Plätzchen und einen geschmückten Christbaum. Sie erinnert sich an ihren Vater, Friedrich Messerschmidt, der zwei Tage vor Weihnachten 1945 im Jeseriger Pfarrhaus mit nur 40 Jahren starb.

Es war ein schlimmer Schicksalsschlag, wenige Monate nach Kriegsende. Die Kinder waren gerade erst zwei, fünf und acht Jahre alt. Das erste Weihnachtsfest in Friedenszeiten musste Pfarrersfrau Margot Messerschmidt mir ihren drei kleinen Kindern feiern, mühsam um Fassung ringend und mit Tränen in den Augen – während im Amtszimmer nebenan ihr Mann aufgebahrt lag. „Das war für unsere Mutter furchtbar“, sagt Renate Dommnich, die ein stilles und scheues Kind wurde.

Tagebuch für die Tochter Renate von der Pfarrersehefrau Margot Messerschmidt

Tagebuch für die Tochter Renate von der Pfarrersehefrau Margot Messerschmidt. Es ist ein Schatz der Erinnerung.

Quelle: Marion von Imhoff

Dieser Schicksalsschlag hält in den Erinnerungen an jene Zeit die 80-jährige Renate Dommnich noch immer gefangen. Vor ihr auf dem Esstisch im weihnachtlich mit Engeln geschmückten Wohnzimmer in der Potsdamer Straße in Jeserig liegt das Tagebuch ihrer Mutter, das diese für ihr „Renatchen“ geschrieben hat. „Renatchen, das durchzieht das ganze Buch.“ Für jedes ihrer Kinder schrieb Margot Messerschmidt ein solches Büchlein, Seite um Seite notierte sie die Ereignisse jener Jahre.

Margot Messerschmidt, die als Pfarrersfrau so früh ihren Mann verlor, starb 2015 mit 102 Jahren. „Die Orgeloma“ so nannten viele sie liebe- und respektvoll. Vielen Pfarrern hat Margot Messerschmidt als Organistin und Chorleiterin zur Seite gestanden. Mehr als 60 Jahre lang tat sie diesen Dienst, „der mir lieb und wert geworden ist“. So hatte sie es in einem Brief geschrieben. Zu dem Dienst ist die junge Pfarrersfrau und Klavierspielerin 1940 gekommen, weil der Kantor weggezogen war.

Friedrich Messerschmidt, Margot Messerschmidt und Hand-Edmund Müller( v

Friedrich Messerschmidt, Margot Messerschmidt und Hand-Edmund Müller( v. l.): Zwei Pfarrer und eine Pfarrersfrau am Jeseriger Pfarrhaus. Das sieht heute fast noch immer so aus, steht aber seit Jahren leer.

Quelle: Privat

Heute steht das Jeseriger Pfarrhaus leer. In jenen Schicksalsjahren war es der Mittelpunkt der jungen Familie. Friedrich Messerschmidt stammte wie seine Frau aus Templin. Beider Väter waren Pfarrer. Friedrich Messerschmidt trat mit seiner jungen Frau 1936 seine erste Pfarrstelle in Jeserig an. Es gehörten die Gemeinden Damsdorf, Trechwitz und Schenkenberg dazu. Mit einem Auto fuhr er die vier Kirchengemeinden ab. Mit dem Landleben konnte sich die junge Frau anfangs nicht abfinden. Nur fünf Jahre wollten sie bleiben. „Sie hatten Braunlage im Visier“, erinnert sich Renate Dommnich.

Alle drei Kinder wurden im Pfarrhaus geboren. Neben Renate noch zwei Söhne. Sie wuchsen in der beginnenden Kriegszeit auf. Das kirchliche Leben, es war noch prall zu jener Zeit und die Gottesdienste voll, auch wenn viele Männer fehlten. Im Garten des Pfarrhauses baute Friedrich Messerschmidt von Hand einen kleinen Bunker für seine Familie, in dem dann doch glücklicherweise nur Äpfel lagerten. Dabei, so mutmaßt seine Tochter, hat sich der an Bluthochdruck leidende Mann bereits verausgabt. „Als dann noch unser Auto gestohlen wurde, gab ihm das einen Stich.“ Nun versah Friedrich Messerschmidt mit dem Fahrrad all seine seelsorgerische Arbeit. In einer Zeit der Todesnachrichten von den Kriegsschauplätzen wurde der Pfarrer mehr denn je gebraucht.

Das Pfarrersauto in Jeserig

Das Pfarrersauto in Jeserig. Neugierig schauen die Kinder aus dem Seitenfenster.

Quelle: Privat

Im Herbst 1945 schließlich, der Frieden war eingezogen, aber die Welt noch wirr in der Nachkriegszeit, häkelte Margot Messerschmidt, vielleicht mit ihrem jüngstem Sohn auf dem Schoß, ein neues Kleid für Renates Puppe. „Jedes Weihnachten bekam meine Puppe ein neues Kleid“, sagt Renate Dommnich. „Das war mein Weihnachtsgeschenk.“ Von einem ersten Schlaganfall hatte sich Friedrich Messerschmidt gerade ein wenig erholt, war noch aus dem Krankenhaus in Brandenburg zu Fuß mit seiner Frau zurück nach Jeserig gelaufen. Medikamente gegen Bluthochdruck gab es damals für ihn nicht. Da erlitt er den zweiten Schlag und starb.

Margot Messerschmidt blieb allein mit den Kindern zurück. Die Gemeinde stützte sie so gut es ging in Zeiten von Hunger und Not. „Es folgte eine sehr schwere und harte Nachkriegszeit. Es war schwierig, Nahrung und Kleidung zu beschaffen, denn es gab nur wenig Geld zum Leben. Gott sei Dank haben meine Kinder diese Zeit gut überstanden und haben gesundheitlich keinen Schaden erlitten“, so berichtete es später Margot Messerschmidt selbst.

Das Pfarrersehepaar Messerschmidt nach seiner Trauung

Das Pfarrersehepaar Messerschmidt nach seiner Trauung.

Quelle: privat

Russische Soldaten zogen ins Pfarrhaus, auch eine Flüchtlingsfrau und ihr Kind. Margot Messerschmidt konnte zwei Ziegen ergattern, die sie aus Angst vor Dieben in der Küche auf dem Terrazzo-Boden hielt. Ihr Bruder Hans-Edmund Müller übernahm die Pfarrstelle und blieb für einige Jahre Pastor in Jeserig und an der Seite seiner Schwester. Die musste irgendwann das Pfarrhaus verlassen.

Renate Dommnich lebt mit ihrer Familie nur gut zwei Kilometer vom Pfarrhaus entfernt. Sie feiert dieses Weihnachten mit ihrer Tochter und ihrem Sohn und den Enkeln. Die Familie ist groß geworden. Und sie alle wohnen in der Nähe. Die Region an der Havel, wo die Messerschmidts einst nur bis 1941 bleiben wollten, ist längst ihre Heimat geworden.

Von Marion von Imhoff

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