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Brandenburg/Havel Ex-Oberbürgermeister Schliesing geht ohne Ratschläge in den Ruhestand
Lokales Brandenburg/Havel Ex-Oberbürgermeister Schliesing geht ohne Ratschläge in den Ruhestand
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07:12 05.12.2018
Helmut Schliesing, hier mit Krankenpflege-Auszubildenden des 3. Lehrjahres, leitet seit 14 Jahren die Medizinische Schule in Brandenburg/Havel. Quelle: JACQUELINE STEINER
Brandenburg/H

Im Dezember dieses Jahres endet die berufliche Laufbahn eines bedeutenden und prägenden Zeitzeugen der Nachwende-Geschichte in der Stadt Brandenburg an der Havel. Helmut Schliesing ist ein Sohn der Stadt und war zwölf Jahre lang ihr Oberbürgermeister. Im Mai 2018 ist er 65 Jahre alt geworden. Ganz regulär wechselt der Leiter der Medizinischen Schule daher zum Jahresende in den Ruhestand.

Waren Sie eigentlich länger Leiter der Medizinischen Schule oder Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg, Herr Dr. Schliesing?

Helmut Schliesing: Schulleiter. Von 1990 bis 2002 war ich Oberbürgermeister, danach zwei Jahre Betriebsleiter in der Klinik Service Gesellschaft und seit 2004 leite ich unsere Medizinische Schule.

Was macht mehr Spaß: eine Schule oder eine Stadt zu leiten?

Das wäre ein Äpfel-Birnen-Vergleich. Natürlich war das Amt als Oberbürgermeister eine deutlich komplexere Aufgabe.

Was bedeutet Ihnen die Zeit an der Spitze des Rathauses?

Es war eine spannende Zeit mit Höhen und Tiefen, aber ich bin jetzt 65 Jahre alt und möchte nicht auf die zwölf Jahre OB-Zeit reduziert werden, auch wenn ich da nichts bereue und die Jahre nach der Wende schon besonders waren. Voller Herausforderungen.

Welcher?

Das Kontemplative ist mir zwar nicht fremd, aber ich bin niemand, der sich ständig rückbesinnt und Bilanz zieht. So etwas verstellt nur den Blick für das Gegenwärtige.

Gut. Wie steht die Medizinische Schule nach 14 Jahren unter ihrer Leitung da und hat sich in dieser Zeit verändert?

Der Umzug vom Gertrud-Piter-Platz in die Vereinsstraße war für uns ein Quantensprung. Die räumlichen Bedingungen und unser ganzes Arbeiten haben sich damit fundamental verbessert. Die Zahl der Schüler und Lehrkräfte ist ebenso deutlich gewachsen wie das Ausbildungsspektrum. Wir stoßen daher wieder an Grenzen und benötigen mehr Unterrichtsräume. Ein erneuter Quantensprung steht an.

Ein Sohn der Stadt

Helmut Schliesing, geboren am 18. Mai 1953 im städtischen Klinikum, war der erste frei gewählte Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg/Havel nach der politischen Wende. Am 6. Mai 1990 wählte die Stadtverordnetenversammlung den Sozialdemokraten an die Spitze des Rathauses.

Als Oberbürgermeister wurde Schliesing zweimal gewählt und überstand 1995 ein Abwahlverfahren.

Am 13. Dezember 1989 gehörte Helmut Schliesing zu den Mitbegründern der SDP in der Stadt.

Drei Jahre lang hat Helmut Schliesing als Lehrer die Fächer Biologie und Chemie unterrichtet. In Greifswald wurde er im Fach Biologe promoviert. Bis zur Wende hat er in seiner Geburtsstadt Brandenburg/Havel als Arbeitshygieneninspektor gearbeitet.

Seit 2004 leitet der vormalige Politiker die Medizinische Schule des städtischen Klinikums Brandenburg. In seiner Zeit verdoppelte sich die Zahl der Mitarbeiter auf 18. Die Zahl der Schüler ist mit der zusätzlichen Altenpflege-Ausbildung ebenso gewachsen wie mit der erhöhten Zahl an Krankenpflege-Kursen.

Schliesing geht mit der Gewissheit in den Ruhestand, dass seine Schule keine arbeitslosen Absolventen entlässt, sondern für krisensichere Jobs ausbildet. Er bleibt in Rietz wohnen.

Von Hause aus sind Sie Biologie- und Chemielehrer. Unterrichten Sie als Chef der Schule eigentlich auch selbst?

Bis vor Kurzem habe ich noch einige Stunden unterrichtet, aber die genannten Fächer gibt es in der Form hier nicht. Vergleichbar wären die Fächer Anatomie, Physiologie und Soziologie.

Viele beklagen das Bildungsniveau an den Schulen. Sie auch?

Ja. Kennen Sie das Bulimielernen? Schüler nehmen etwas auf, bringen es raus und dann hat es sich erledigt. Eine junge Frau hat sich einmal bei uns beworben mit einer 2 oder 3 in Chemie im Zeugnis. Ich habe sie gefragt, woran sie sich im Chemieunterricht erinnert. An nichts, bekam ich schließlich zur Antwort.

Wie das?

Die junge Frau hat berichtet, dass ihr Chemielehrer im Unterricht mit den Schülern nur über Fußball gesprochen habe. Weil sie nicht zugehört hat, wusste sie nicht einmal, wer die Bundesligatabelle anführt. Was für eine Zeitverschwendung! Aber den Schülern mache ich keinen Vorwurf, unseren Schülern ohnehin nicht, die haben eine sehr hohe Sozialkompetenz.

Wer trägt dann Schuld?

Ich finde den seit Jahren zu beobachtenden Abfall des Bildungsniveaus zwar erschreckend, doch meine Erwartungen an die Politiker sind nicht allzu hoch. Wer bei ihnen genauer hinhört, bemerkt, dass die beschriebene Entwicklung um sie keinen Bogen macht.

Meinen Sie bestimmte Politiker?

Mir fallen mehrere Namen ein, aber ich nenne keinen.

Sie könnten ja ein politisches Comeback versuchen?

Ganz sicher nicht. Ich habe nach meinem Wechsel konsequent einen Schlussstrich gezogen. Ich muss und will niemanden als eine Art Elder Statesman mit klugen Ratschlägen und Lebensweisheiten versorgen. Man muss wissen, wann Schluss ist, sonst wird es peinlich.

Aber Ihre Nachfolgerin im Amt, Dietlind Tiemann, hat eine ganze Zeit lang kein gutes Haar an Ihnen und Ihrer Arbeit als OB gelassen. Haben Sie das nicht mitbekommen?

Doch, aber das hat sich erledigt. Wir haben seit Jahren einen guten Draht zueinander.

Sind Sie eigentlich noch Mitglied der SPD?

Schliesing: Ja.

Und stolz drauf?

Nun, die SPD ist eine Sammelbewegung. Man kann sich diejenigen raussuchen, die vorzeigenswert sind.

Wer wäre das?

Man ist wahrscheinlich mit denen auf der sicheren Seite, die nicht mehr leben. Willy Brandt war für mich eine überzeugende Persönlichkeit.

Wer aus Politik, Wirtschaft oder Kultur hat Sie in Brandenburg/Havel beeindruckt?

Ekkehard Prophet, Schauspieler und Intendant des Brandenburger Theaters. Er hat das Ensemble zu hohen künstlerischen Leistungen geführt. Und Bertram Schönwälder, der kürzlich verstorbene frühere Bürgermeister. Mit ihm zusammen war es möglich, viele Dinge in die Wege zu leiten.

An was denken Sie?

Das Paulikloster, für dessen Umbau die Weichen früh gestellt wurden, den Bau des Theaters, die Ansiedlung der Rentenversicherung BfA gegen viele Widerstände, das Urbanprojekt, die Brennaborhöfe, die Wredowsche Zeichenschule.

Auf welche Ihrer Leistungen sind Sie rückblickend besonders stolz?

Das sollen andere bewerten. Ich mag keine Selbstdarstellung mit Listen wie ein Schlagersänger, der seine größten Hits aufzählt.

Zu wem aus Ihrer politischen Zeit haben Sie noch Kontakt?

Mit Margrit Spielmann komme ich immer wieder einmal zusammen. Klaus Deschner begegne ich mitunter, zum Beispiel vor einigen Tagen im Theater. Und wenn ich Norbert Langerwisch einmal treffe, tauschen wir freundlich unsere Ansichten aus.

Verstehen Sie den Wandel von Norbert Langerwisch?

Nicht so ganz. Vielleicht gibt es zu viele Dirks in seinem Leben. Ich finde es überraschend, dass er sich wie ein ewig Junger immer wieder neu erfindet. Es liegt dann im Auge des Betrachters, dies als Bereicherung und nicht als Anstrengung zu erleben.

Wann lesen wir Ihre Memoiren?

Es gibt doch schon ausreichend viele Memoiren auf dem Markt, vor allem von Politikern. Da würde ich noch eher ein Kochbuch verfassen.

Kochen Sie gern und gut?

Das würde ich nicht behaupten. Gedünsteter Fisch gelingt mir ganz gut. Und Kartoffelsuppe.

Was werden Sie in Ihrem Ruhestand tun?

Mir von den vielen heißen Tipps, die ich bereits erhalten habe, das Passende heraussuchen.

Von Jürgen Lauterbach

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