Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Feines Bier für die Werktätigen

Bollmannsruh Feines Bier für die Werktätigen

Wenigstens im Urlaub sollten die Leute was ordentliches trinken: Hans-Joachim Lauck, Leiter des Brandenburger Stahl- und Walzwerkes, sorgte zu DDR-Zeiten auf unkonventionellem Wege dafür, dass edler sächsischer Gerstensaft in das Betriebsferienheim nach Bollmannsruh bei Brandenburg an der Havel floss. Fast hätte es Ärger gegeben.

Voriger Artikel
Höfliche Feuerwehr-Gastgeber
Nächster Artikel
Brandenburg bereitet sich auf Merkel vor

Das Bier aus Sachsen mit dem unverkennbaren Etikett.

Quelle: Repro: Sammlung Hesse

Bollmannsruh. Die Worte „Gutes Bier für die Urlauber“ sind Musik in vielen Ohren. Doch offiziell klingt es viel zu profan und wäre im Leben nicht durchgegangen. Also gab man beim VEB Exportbierbrauerei Wernesgrün dieses zu Protokoll: „Planübererfüllung zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen im Stahl- und Walzwerk Brandenburg“. Und schon durften die Tanklaster aus Sachsen rollen. Ihr Ziel: das Betriebsferienheim des Stahl- und Walzwerkes (SWB) in Bollmannsruh am Beetzsee. Der Initiator: SWB-Chef Hans-Joachim Lauck, noch heute von ehemaligen Beschäftigten liebe- und ehrfurchtsvoll „Der Alte“ genannt. „Bollmannsruh und liebe Bier“ heißt das kleine Kapitel in der Biografie von Laucks, die er in diesem Frühjahr im Industriemuseum vorgestellt hat.

Um seinen Leuten was Gutes zu bieten, hatte Lauck mit der Brauerei gesprochen, wollte es aber offensichtlich nie an die große Glocke hängen. Das hätte es beinahe aber, denn beim Rat des Bezirkes Potsdam herrschte einige Aufregung über die Tanklastzüge, die auf dem Weg in die Stadt Brandenburg waren. Herbert Tzschoppe, von 1977 bis 1990 Vorsitzender des Rates des Bezirkes, war es, der bei Lauck auf den Busch klopfte. „,Fährt das etwa zu euch?“, fragte Tzschoppe aufgeregt“, notiert Lauck in der Biografie.

Hans-Joachim Lauck (links) bei der Vorstellung seiner Biografie Ende März dieses Jahres im Industriemuseum

Hans-Joachim Lauck (links) bei der Vorstellung seiner Biografie Ende März dieses Jahres im Industriemuseum.

Quelle: Heiko Hesse

Für den Direktor, der in seiner Darstellung in den 70er-Jahren das marode Stahlwerk wieder aufgerichtet hat, war es wichtig, die Belegschaft mitzunehmen, ihr Besonderes zu bieten. Laucks Engagement für den Stahl-Fußball und die Flutlichtanlage ist ebenso legendär wie sein offener Umgangston. Er erinnert sich: „Wenigstens im Urlaub sollten meine Leute ordentliches Bier trinken können, hatte ich mir in den Kopf gesetzt.“

Was den Ratsvorsitzenden wurmte: „Das muss doch irgendwo bilanziert werden“, zitiert ihn Lauck. Er mahnte Tzschoppe eindringlich, die Füße still zu halten. Und bloß nichts dem SED-Bezirkschef Günther Jahn stecken, bat Tzschoppe. „Bloß nicht Jahn. Der steht auf Rex-Pils.“

Das Betriebsferienheim des Stahl- und Walzwerkes auf einer Ansichtskarte um 1985

Das Betriebsferienheim des Stahl- und Walzwerkes auf einer Ansichtskarte um 1985.

Quelle: Repro: Sammlung Hesse

Lauck kannte sich in den Strukturen und war augenscheinlich ein Meister des Organisierens. Da man Walzstahl in der Exportbrauerei gut gebrauchen konnte, hatte der Brandenburger außer einer guten Idee auch Tauschgut zu bieten. Wie es die kleinen Leute in der DDR getan haben, lief es auch im Großen – man tauschte und dachte sie lustige, aber logische Namen für die Transaktion aus, damit am Ende alles seine Ordnung hatte. So ist das in Deutschland.

„Wir vergaßen nicht, unsere vertrauensvolle Abmachung in Schriftform zu gießen – nichts ging an den Büchern vorbei“, versichert Lauck glaubhaft. „Schließlich lebten wir in der Stoffwirtschaft.“ Dieser kleine Abschnitt aus der Feder eines der führenden Wirtschaftskapitäne der DDR gibt einen anschaulichen Einblick in ein System, das heute absurd erscheint.

Mit dem Bier allein war es nicht getan. Damit es am Beetzsee auch fließen kann, organisierte Lauck noch eine entsprechende Tankanlage. Die baute der VEB Germania Karl-Marx-Stadt. Der konnte ebenfalls Walzstahl gebrauchen. Den Edelstahl für die Anlage schaffte Lauck auch noch heran.

Und die Wirklichkeit? „Wir mussten unseren Plan übererfüllen, um uns den kleinen Luxus für unsere Belegschaften leisten zu können“, heißt es in der Biografie. Der Handel habe nicht immer geklappt, „so dass Wernesgrün statt eines vollen Tanklastzuges manchmal nur ein paar Kästen seines edlen Gerstensaftes liefern konnte“. Und dann? „Mussten die Urlauber in Bollmannsruh mit Potsdamer Rex-Pils vorliebnehmen – doch das war selten.“

Info: Hans-Joachim Lauck, „Edel sei der Stahl, stolz der Mensch“, Das Neue Berlin, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Von Heiko Hesse

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg/Havel

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg