Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel Feuerwehr-Tragödie: Zwei leere Spinde, bohrende Fragen
Lokales Brandenburg/Havel Feuerwehr-Tragödie: Zwei leere Spinde, bohrende Fragen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:26 22.03.2018
Denny Back (r.) und Robert Lehmann von der Feuerwehr Lehnin Quelle: Julian Stähle
Anzeige
Lehnin

In der Umkleide der Lehniner Feuerwache stehen zwischen all den vollgepackten Staufächern zwei Spinde leer. Keine feuerfesten Jacken, keine Schutzhosen hängen in den Metallschränken. Nur zwei Schwarz-Weiß-Fotos haben die Kameraden da aufgestellt, wo in den anderen Fächern Helme liegen: Bilder von Philipp und Sebastian. Neben den Porträts jeweils eine Bierflasche – die Lieblingsmarke: Gösser-Bräu Radler Natur. „Die Spinde werden wir nicht mehr vergeben“, sagt der Leiter der Ortsfeuerwehr, Robert Lehmann.

Korrektur

„In der ersten Version des Textes sind irrtümlicherweise die Namen und Altersangaben zu den getöteten Feuerwehrleuten vertauscht worden. Wir bedauern dieses Versehen außerordentlich und bitten um Entschuldigung.“

Seit einem guten halben Jahr stehen die Schränke leer. Am 5. September 2017 starben die beiden Mitglieder der Freiwilligenwehr Philipp R. (23) und Sebastian K. (38) nachts gegen drei Uhr bei einem Einsatz auf der Autobahn 2 zwischen Netzen und Brandenburg/Havel. Sie hatten gerade einen Bergungseinsatz beendet, einen eingeklemmten Transporterfahrer aus seinem Führerhaus geschnitten, und packten zusammen. Ein Sattelschlepper raste in die Unfallstelle. Die beiden Familienväter wurden unter ihrem Feuerwehrauto begraben.

Vor einem halben Jahr starben zwei Feuerwehrleute bei einem Einsatz auf der A2. Der Fall löste eine Welle der Anteilnahme aus. Jetzt verbesserte die Politik die Hinterbliebenenversorgung. Und auf der Wache? Dort sind die Kameraden noch immer im Einsatz – und suchen nach dem Sinn der Tragödie.

Am vergangen Mittwoch hatte der Unfall ein direktes politisches Nachspiel. Das Brandenburger Innenministerium stellte einen Erlass vor, der die Hinterbliebenenversorgung im Todesfall für Beamte, angestellte und freiwillige Feuerwehrleute vereinheitlicht und zudem Lebenspartnern von unverheirateten Rettern Sterbegeld zuspricht – die Regel gilt rückwirkend, weil sonst eine der Lehniner Witwen leer ausgegangen wäre.

Die Suche nach dem Guten im Schlimmen

„Aus jeder schlimmen Situation entsteht auch etwas Gutes, ob es eine Freundschaft ist, die verstärkte Kameradschaft, ein neuer Kontakt – oder eben diese Verordnung“, sagt Robert Lehmann, ein sportlicher 29-Jähriger im Kapuzenpulli, der als Serviceangestellter bei einem Brandschutzdienstleister arbeitet – und nachts im Ehrenamt Leute aus Autowracks schneidet. Sein Revier: Die A2 westlich des Dreiecks Werder, eines der gefährlichsten und am stärksten befahrenen Autobahnstücke Deutschlands.

„Es ist immer schade, dass erst etwas passieren muss“, sagt Lehmann. Er meine dies aber nicht als Vorwurf. Mit Ministerpräsident Dietmar Woidke und Innenminister Karl-Heinz Schröter (beide SPD) hätten sie lange, gute Unterhaltungen gehabt. Eins gaben sie den Politikern mit auf den Weg: Sie sollen sich im Bund für ein bundesweites Tempolimit an Unfallstellen einsetzen. „Derzeit kann man mit 250 Sachen an uns vorbei rasen.“

Er ist nicht der Typ, der viel über Emotionen redet. Als seine Kameraden starben, war er mit auf der A2. Viele Gespräche hat er geführt mit dem Einsatz-Nachsorgeteam des Landkreises Potsdam-Mittelmark. „Es ist noch viel Arbeit zu tun“, sagt er. Auch sein Helm trägt den Aufkleber mit dem schwarzen Schleifchen und den Buchstaben: „R.I.P.“ – Rest in Peace – Ruht in Frieden, dazu die Initialen der Toten. Einmal in der Woche, mindestens alle 14 Tage, ist Lehmann auf dem Friedhof. Dann erwischt er sich dabei, wie er mit Sebastian redet, der ihn immer in Fachfragen beraten hat. Und wie er über Philipp nachdenkt, den er selbst beim Bier bequatscht hat, bei der Feuerwehr mitzumachen. „Es gibt so viele Feuerwehren – warum trifft es genau uns?“, fragt er sich oft. „Warum zwei Familienväter? Was hat man im Leben falsch gemacht, dass man so bestraft wird?“ Eine Antwort darauf habe er nicht.

Viele dachten ans Aufhören – aber alle blieben an Bord

Wie geht es den Männern heute, die ihre Freunde verloren haben, in Lehmanns Fall seinen Mentor und Chef Sebastian? „Viele haben mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören“, sagt der junge Mann. „Viele haben mit sich gerungen, ich selbst auch“, sagt Lehmann. „Aber ich wollte meine Kameraden nicht im Stich lassen. Es müssten ja andere rausfahren, und ich wäre nicht mehr da, um ihnen zu helfen.“ Schließlich hat kein einziger aufgehört. Nach einer sechswöchigen Pause hatten alle wieder den Pieper an, nur einer ist immer noch krankgeschrieben wegen einer Schulterverletzung. Ihn hatte es erwischt, als ihr Gerätewagen umstürzte.

Vielen Autofahrern ist nicht bewusst, dass es entlang der meisten deutschen Autobahnen Ehrenamtler sind – Schlosser, Automechaniker, Buchhalter und Verwaltungsangestellte –, die ihnen das Leben retten, wenn es kracht. Die um halb drei in der Früh aus dem Bett schnellen, wenn es sein muss. Ohne sie würde der Brand- und Katastrophenschutz hierzulande zusammenbrechen.

100 Einsätze im Jahr hatte die Lehniner Wehr in den vergangenen Jahren. Seit die große A2-Baustelle beendet ist, sind es ein paar weniger. Kein anderes Land außer Österreich verlässt sich in diesem Maß auf den Gemeinsinn und die Tatkraft seiner Bürger wie Deutschland.

Anteilnahme aus ganz Deutschland

Wie verletzlich das Kulturgut Freiwillige Feuerwehr ist, ging vielen Menschen erst nach der Katastrophe von der A2 auf. Eine Flut von Kondolenzschreiben und Facebook-Wünschen erreichte die unter Schock stehende Lehniner Mannschaft. Sogar aus Frankfurt am Main kam ein Einsatzwagen angefahren, man übergab einen Lebensbaum und einen Umschlag.

Zum Trauergottesdienst in der mittelalterlichen Lehniner Klosterkirche kamen 1000 Besucher. Die Spendenaktion des Lehniner Feuerwehrvereins und des Landesfeuerwehrverbands zusammen mit der Brandenburger Bank erbrachte eine beeindruckende Geldsumme ein – Details nennen die Sammler nicht. Aber den Hinterbliebenen wird es helfen. Das Geld ist wichtig, die Geste der vielen Spender mindestens genauso.

„Es ist schwer, sich das schönzureden“

So arbeiten sie die Katastrophe Schritt für Schritt auf, wenn man das überhaupt kann. „Wäre der Lastwagen drei Minuten später in unser Fahrzeug gerast, als wir auf dem Weg nach Hause waren, wäre der Wagen voll besetzt gewesen mit sieben Leuten. Es hätte viel mehr Opfer gegeben“, sagt Denny Back (40), stellvertretender Ortswehrführer und Vater von zwei Teenagern. „Es ist schwer, sich das schönzureden, aber ich habe das für mich so im Hinterkopf behalten, um alles nicht ganz so schlimm zu finden.“ Und: Weil der Lehniner Einsatzwagen den Sattelschlepper stoppte, hätten vermutlich etliche andere Feuerwehrleute, die weiter vorn auf der Fahrbahn standen, überlebt.

Ein Altar für die Toten

Eine Art Altar haben die Kameraden im rückwärtigen Teil des Gerätehauses errichtet. Wieder zwei Porträts der Toten, ein sitzendes Trauerengelchen, Trauerschleifen von den Gräbern, rote Grabkerzen, zwei Holzkreuze. Bitte kein Foto. Diese Trauer ist intim. Die Einsatzlastwagen, die mit dem Heck zu dem Biertisch mit der Gedenkstelle parken, haben mittlerweile alle grell beklebte Rückfronten, manche auch gelbe Warnlicht-Leisten. Auch das eine Konsequenz aus dem Unglück.

„Ich zucke bei jedem Lastwagen zusammen“

„Wir legen viel größeres Augenmerk auf die Absicherung nach hinten“, erklärt Denny Back. Wenn viel Verkehr ist, wenden die Wehrleute eine neue Taktik an: Sie fahren mit zwei Lastwagen nebeneinander auf die Unfallstelle zu und reduzieren langsam die Geschwindigkeit, bis sich die Autos hinter ihnen stauen und letztlich zum Stehen kommen. Überraschungen sind dann ausgeschlossen. Nur nachts funktioniert das nicht. „Dann brettern die Lastwagen mit 90 an uns vorbei wie gehabt.“, sagt Back. Warschauer Allee nennen die Wehrleute die A2 – wegen des Transitverkehrs nach Polen.

„Ich zucke doch bei jedem Lastwagen zusammen“, erzählt Wehrführer Lehmann. Als Außendienstler ist er auch hauptberuflich viel auf der Piste. Gerät er in einen Stau, hält er sich immer ganz links, da, wo keine Lastwagen sind. „Die Raser in ihren schnellen Autos haben weniger Durchschlagskraft mit Tempo 200 als ein 40-Tonner mit 80“, sagt Lehmann.

Immer wieder geht er die verhängnisvollen Minuten der Unfallnacht durch. „Die Absicherung war richtig, es haben doch hunderte Lkw vorher den Unfallort gesehen!“, sagt Lehmann. Die Dekra hat ihr Gutachten zum Unfallhergang noch nicht veröffentlicht. Lehmann und seine Kameraden mussten stundenlang aussagen, was sie gesehen haben. Welche Konsequenzen der Bericht für den zum Unfallzeitpunkt 55 Jahre alten Lkw-Fahrer haben wird? „Mir ist es scheißegal, ob der lebenslang kriegt, Bewährung oder nur seinen Führerschein abgeben muss“, sagt Lehmann. „Es ändert sich nichts. Es wäre auch keine Genugtuung, wenn der im Knast sitzen würde. Es bringt die beiden nicht zurück.“

Einen Naturstein-Findling wollen die Lehniner Kameraden im Gedenken an die Toten auf einem Grünstreifen vor der Wache aufstellen. Das Geld müssen sie noch zusammenkratzen. Bis zum Jahrestag, dem 5. September 2018 soll die Stele stehen. Dann kommen sicher auch die Witwen mit ihren kleinen Kindern. Eine war schwanger, als der Unfall passierte. Das Kind ist mittlerweile gesund auf die Welt gekommen: Auf den Tag genau fünf Monate nach der Katastrophe.

Von Ulrich Wangemann

Ein 43 Jahre alter Brandenburger benötigt am Samstagvormittag kein feines Näschen, um in seiner Wohnung in der Altstadt von Brandenburg an der Havel erheblichen Cannabisgeruch wahrzunehmen. Woher dieser Geruch aber kommt, kann er nur schwer einschätzen.

19.03.2018

Eine 62 Jahre alte Brandenburgerin bemerkt am frühen Sonntagvormittag Rauchentwicklung im Treppenhaus ihres Mehrfamilienhauses in der Kopenhagener Straße in Hohenstücken. Umgehend verständigt sie die Feuerwehr. Denn die Briefkasten brennen.

19.03.2018

Ein leerer Tanklastzug ist am Samstag auf der Autobahn A 2 in Richtung Magdeburg unterwegs, als der Fahrer gegen 7.25 Uhr in Höhe der Raststätte Buckautal mit seinem Gespann auf glatter Fahrbahn gegen die rechte Leitplanke schleudert. Das Gespann kommt quer auf der Fahrbahn zum Stehen. Ein weiterer Unfall behindert den Verkehr bei Netzen.

18.03.2018
Anzeige