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Flüchtlinge auf dem Weg ins „Camp Roland“

Brandenburg an der Havel Flüchtlinge auf dem Weg ins „Camp Roland“

Die provisorischen Notunterkünfte für Flüchtlinge der Stadt Brandenburg in Kirchmöser, an der Regattastrecke, in der Sophienstraße und in der Nicolaischule werden in diesem Monat aufgelöst. Nun steht ab Dienstag der Umzug in die ehemalige Rolandkaserne an. Die MAZ hat eine Woche lang die Vorbereitungen begleitet.

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Erster Besuch im Camp Roland: Abdulrhama, Etta, Christin Behrend und Moayad (von links).

Quelle: André Wirsing

Brandenburg/H. Nur auf den ersten Blick erfüllt Kristin Behrend das Sozialarbeiter-Klischee: Dreadlocks, Lippenpiercing, Öko-Klamotten, leise Stimme, sanftes Auftreten. Die 28-Jährige ist tatsächlich Sozialarbeiterin und hat dreieinhalb Monate die vom DRK betriebene Notunterkunft für Flüchtlinge in der Hafenstraße in Kirchmöser geleitet. Nur Männer waren dort untergebracht – größtenteils in Zehn-Mann-Zimmern.

Erstaunlich, dass es so lange ruhig geblieben ist. Das klappt nur mit einer guten Selbstorganisation im Heim und mit klaren Regeln. Ein Bewohner ist in einem Elektronikmarkt beim Stehlen erwischt worden, Behrend, die sich von allen nur Tini rufen lässt, wollte ihm helfen. Doch derselbe Mann hat zugleich das DRK bestohlen. Es ging zwar nur um Pfandflaschen im Wert von 40 Euro, doch bleibt es ebenfalls Diebstahl. „Da sind die Grenzen meines Verständnisses erreicht. Er scheint wenig belehrbar zu sein.“

Es ist alles ruhig geblieben

Einem anderen Asylbewerber verweigert sie sowohl Arztbehandlungsschein als auch den Berechtigung für den Zahnarztbesuch. Er konnte weder eine Terminkarte vorzeigen noch überhaupt die Namen der Mediziner nennen. Die Hausleiterin will nicht, dass mit den Scheinen gehandelt wird. Auch ist es öffentliches Geld, das sorgsam eingesetzt werden muss. Ein anderer Bewohner bleibt in der Nähe, falls der vergeblich fordernde Mann doch wieder aggressiv gegen Tini Behrend wird, wie schon einige Male zuvor. Manchmal geht es auch handfester zu: Im Haus untergebracht waren bis vor kurzem noch sieben Iraner – höflich, hilfsbereit, friedfertig, gute Teilnehmer am Deutschkurs.

Eines Abends haben sie sich allerdings von einem Syrer provozieren lassen, es endete mit einer Platzwunde. Das DRK hat ausnahmsweise auf eine Anzeige verzichtet, das „Opfer“ durfte bleiben, die anderen sieben zogen um in die Nicolaischule. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt und ein Gespür für Gruppendynamik. Anfangs hatten sich Afghanen und Iraner zusammengetan, um gegen die Syrer zu stänkern, erzählen die vier Rezeptionisten, die im 24-Stunden-Rundumbetrieb der Chefin zur Seite stehen, für Ordnung sorgen, Essen und Alltagsgegenstände ausgeben, das Putzen organisieren und vor allem für die vielen kleinen Dinge Ansprechpartner sind, die für die Fremden teilweise große Hürden darstellen.

Günter, Ingo, „Anna“ (eigentlich Uwe) und Claudi sind ganz verschiedene Typen, sprechen teilweise weniger Englisch als ihre Gäste, doch werden sie akzeptiert. Weil sie sich kümmern, nach Lösungen suchen und mit den Männern auch mal lachen und scherzen. Weil sie auch darüber hinwegsehen, dass sich unter einem Bett auch mal die leeren Bierdosen stapeln – das müssen die Betroffenen mit ihrem Glauben abmachen.

336 Betten in einem Wohnblock

Der DRK-Kreisverband Brandenburg an der Havel ist der größte Träger der Flüchtlingshilfe in der Havelstadt, daneben gibt es noch den Internationalen Bund und die Johanniter als Träger.

36 Menschen arbeiten derzeit beim DRK ausschließlich mit Flüchtlingen – Sozialarbeiter, Rezeptionisten, Hausmeister und Putzkräfte. Daneben sind in der Administration, in Logistik und Materialbeschaffung Dutzende Mitarbeiter auch für Flüchtlinge und Asylbewerber tätig.

Im Haus 64 im Camp Roland sind derzeit 336 Betten hergerichtet, die Unterbnringung erfolgt fast ausschließlich in Zweibettzimmern. Einige verbundene Räume werden als Familienzimmer genutzt. Die Bewohner haben neben Heimausweis und Zimmerschlüssel einen elektronischen Transponder, der ihnen die Haustür öffnet.

Der Personalbedarf ist weiter groß, auch die Blöcke 63 und 65 werden für die Flüchtlingsunterbringung vorbereitet. Gesucht werden deshalb noch zehn Rezeptionisten sowie etwa zehn Sozialarbeiter. „Es können sich auch Menschen mit Abschlüssen melden, die vom Landesamt für Soziales und Versorgung den Sozialarbeitern gleichgestellt sind“, sagt Reitsch.

Zudem konnte er einen ehemaligen Bundeswehrarzt verpflichten, der Sprechstunden im Camp Roland abhalten wird.

Einmal kommt Wolfgang Reitsch unverhofft, der langjährige Chef dirigiert aus dem Ruhestand heraus die vielfältigen Flüchtlings-Aktivitäten des DRK-Kreisverbandes. „Was wollt ihr in Deutschland“, raunzt er die verschlafene Truppe an, die eigentlich längst beim Deutsch-Kurs sitzen müsste, aber kaum aus dem Feldbett kommt. „Wie wollt ihr hier dauerhaft leben, wenn ihr noch nicht einmal die Sprache lernt?“ Es ist die Mischung aus Güte und Strenge, die befriedet, aber auch Regeln vermittelt.

Heute zieht Tini Behrend mit ihren Schützlingen aus Syrien, Pakistan, Eritrea, Somalia, Iran und Afghanistan in die ehemalige Rolandkaserne um. Doch so soll die neue Unterkunft nicht heißen, sondern „Camp Roland“. „Im Zusammenhang mit Flüchtlingen fällt es mir schwer, von Kaserne zu reden“, sagt Reitsch. Die Hausleiterin hat ihr Büro in den Transporter gepackt. Geholfen haben ihr dabei drei Flüchtlinge, die es ernst zu meinen scheinen, mit ihrem Integrationswillen. Abdulrhaman, der beim Arbeitseinsatz ausstaffiert mit Röhrenjeans und kurzem Sakko eher an einen Diskogänger erinnert.

Ab ins „Camp Roland“

Etta, der Politikstudent aus Eritrea, der wissbegierig alle Deutschen in seiner Nähe zum politischen System der Bundesrepublik befragt, „wenn Berlin mitten in Brandenburg liegt, gehört es dann dazu?“ Und Moayad, der seinem Vater die Hand küsst, bevor sich dieser mit den Brotresten auf den Weg zum Entenfüttern macht. Der 23-Jährige hat in Damaskus 18 Monate Agrarwissenschaften studiert, hier suchte er selbst den Kontakt zu Theater und Philharmonie, bis er mit seiner Trompete zu den Proben kommen durfte. Nach seiner Anerkennung will er in Berlin studieren – am liebsten orientalische Musik.

Der Umzug ist ein Einschnitt für viele, bislang bekamen sie neben dem Taschengeld alles andere kostenlos ausgegeben: Essen, Trinken, Süßigkeiten, Waschmittel, Körperpflegeartikel. Erstmals kriegen sie ab 8 Uhr auf dem Sozialamt am Dienstag den Sozialhilfesatz von knapp 400 Euro – davon müssen sie bis auf die Unterkunft ihren Lebensunterhalt bestreiten. „Nicht gleich losgehen und einen Fernseher kaufen, das Geld muss für den ganzen Monat reichen“, hat Tini Behrend ihnen dutzende Male gesagt.

Umzug ist für viele ein Einschnitt

In den letzten Tagen in der alten Unterkunft haben viele Bewohner bereits gebunkert, was sie kostenlos bekommen konnten: Ketchup, Tee, Fischdosen, Käse – also alles, was einigermaßen haltbar ist. „Wir dürfen und wir wollen keine Schrankkontrollen machen, es ist eben so“, „Anna“ mit ultrakurzen Haaren und Tattoos an beiden muskulösen Armen zeigt Verständnis.

Nerviger ist ein anderer Kleinkrieg, in dem sich Tini Behrend abarbeitet: Einige Flüchtlinge mit amtlicher Aufenthaltserlaubnis kommen von der Arbeitsagentur wieder mit Kursverträgen, die ihnen aufgeschwatzt wurden. Vertragspartner ist eine Organisation, die weder eine offizielle Zulassung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge noch ein Zertifikat hat. Nach sechs Monaten Unterricht würden die „Schüler“ ohne irgendeinen Nachweis dastehen. Es kostet tagelange Telefonate, bis alles geklärt ist und die Schützlinge beim zugelassenen Träger _ der Deutschen Angestellten-Akademie – untergebracht sind.

Und dies alles noch nebenbei zum außerordentlichen Umzugsstress.

Von André Wirsing

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