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Förderschüler begeben sich auf Nostalgietour

Mit der Straßenbahn durch Brandenburg/H. Förderschüler begeben sich auf Nostalgietour

Grau ist alle Theorie: Seit 1897 gibt es die Straßenbahn. Okay, das kann man wissen. In einem Modell von 1912 haben die Förderschüler der Havelschule in Brandenburg an der Havel nun den Praxistest gemacht – und danach den Fuhrpark der hiesigen Verkehrsbetriebe bei einem ganz besonderen Besuch eingehend inspiziert.

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Delhia und Yves im Führerstand einer modernen Tatra-Straßenbahn.

Quelle: André Wirsing

Brandenburg/H. „Brauchst du eigentlich eine Fahrerlaubnis für die Straßenbahn“, will Yves von dem Mann im Führerstand wissen. Der Elfjährige hört von Jürgen Prenzlow ein „Natürlich“ und fragt sogleich weiter. „Warum hältst du bei Rot, das ist doch kein Auto?“ Der Straßenbahnfahrer erklärt ihm geduldig, dass man genauso vorsichtig im Verkehr sein muss wie alle anderen, damit kein Unfall passiert. Das sieht der Knirps ein, fortan starrt er auf die Ampel. „Ich sag dir dann Bescheid, wenn Grün ist.“

Yves ist einer von einem Dutzend Mädchen und Jungen aus der Havelschule, sie sind alle geistig behindert und absolvieren gerade ihre Projektwoche. „Brandenburg ist meine Stadt, die alt und neu zu bieten hat“, lautet das Oberthema. „Die Möpse und der Roland“, „Altes und neues Spielzeug“, „Brandenburger Promis“, „Alte Gasse, neues Wohngebiet“, sind einige der Themen, die von den Schülern von der Eingangs- bis zur Werksstufe bearbeitet werden – so heißen die Klassen 1 bis 12 bei den Förderschülern. Sie durften sich alle jeweils ein Thema heraussuchen und so fuhren die sieben Jahre alte Delhia mit dem 17-jährigen Sebastian gemeinsam in der uralten Straßenbahn, die 1912 in der Nähe von Halle/Saale erbaut worden ist.

Ein Dutzend Schüler aus der Havelschule zu Besuch

Mit ganz großen Augen sitzen die Kinder in dem Vehikel mit den Holzverkleidungen, Messingbeschlägen und den plüschigen Nachttischlämpchen, die von den Wänden baumeln. Bis 1974 fuhr diese Bahn noch im Linienverkehr durch die Stadt, auf der „4“ vom Neustädtischen Markt bis zum Waldcafé Görden, erklärt Verkehrsmeister Prenzlow. Werkstattmitarbeiter bewahrten sie damals vor der Schrottpresse, mit viel Ehrenamt und Improvisationstalent haben sie das Bähnchen mit den 20 Sitzplätzen gerettet. Die Kinder nicken verständig, schließlich haben sie am Montag schon Theorie zur Geschichte der Straßenbahn in der Stadt gebüffelt. Sie wissen, dass es früher keine Nummern für die Linien gab, sondern Farben – grün, weiß und gelb.

Was sie nicht wissen, ist der Fakt, dass ihre Stadtrundfahrt von der Havelschule über den Hauptbahnhof bis zum Betriebshof in Hohenstücken beinahe ausgefallen wäre. Mehr als ein Jahr war die kleine Bahn nicht in Betrieb, weil eine Achse gebrochen war und es keinen Ersatz gab. Eine Schmiede in Lauchhammer hat eine neue Achse aus einem kompakten Stück Stahl schließlich herausgeschnitten. Und die nagelneuen Radreifen quietschen noch gotterbärmlich in den bejahrten Schienen, das muss sich noch zurechtruckeln.

Stadtrundfahrt wäre beinahe ausgefallen

Schulleiterin Christina Behrendt ist ganz glücklich mit dem geduldigen „VBBr-Lehrer“ Jürgen Prenzlow, der klaglos in eine neue Bahn einsteigt und auf dem Liniendisplay aufblinken lassen, was die Kinder wollen „Fahrschule“ oder „Werkstattfahrt“. Nur eine richtige Linie darf er nicht eingeben, das würden die Kollegen in der Leitstelle sehen und verwirrt sein, weil die „neue“ Bahn dann im Netz angemeldet wäre.

375 Haltestellen

16 Straßenbahnen fahren bei den Verkehrsbetrieben Brandenburg VBBr, davon in den Spitzenzeiten 14-15. Im Fuhrpark befinden sich zudem noch zwei Traditionsbahnen – also Oldtimer.

38,95 Kilometer lang ist das Gleisnetz der Straßenbahn, es gibt 117 Weichen, davon sind 105 elektrisch beheizbar.

24 Omnibusse sind zudem im Linieneinsatz im gesamten Stadtgebiet.

375 Haltestellen und -punkte gibt es insgesamt in Brandenburg an der Havel.

„Die Verkehrsbetriebe erfüllen uns viele Wünsche. Immer wenn ich anrufe, machen sie alles möglich“, lobt Christina Behrendt. VBBr-Chef Jörg Vogler sieht das Engagement pragmatisch: „Ist doch schön, wenn wir ein Lächeln in die Herzen zaubern. Als städtisches Unternehmen engagieren wir uns sozial, wenn es für uns zu leisten ist.“ Und Sebastian, der unterwegs nur von seinen Playstation-Spielen erzählt hat, berichtet plötzlich mit leuchtenden Augen, dass sein Bruder auch Straßenbahn fahren kann und in der VBBr-Werkstatt arbeitet.

Von André Wirsing

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