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Brandenburg/Havel Gast aus Indien öffnet Tor in eine andere Welt
Lokales Brandenburg/Havel Gast aus Indien öffnet Tor in eine andere Welt
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13:33 14.10.2017
Gemeinsam indisch kochen: Shubham Dave zeigt den Schülern in Kirchmöser, was beim Kochen daheim auf den Tisch kommt. Quelle: Benno Rougk
Brandenburg/H

Fremdländische Gerüche ziehen an diesem Donnerstag durch die Flure der Berufsorientierten Schule in Kirchmöser (BOS). Auch eine gehörige Portion Knoblauch ist dabei. Aus der Lehrküche hallt lautes Kinderlachen. Der Kurs 7-1 ist mit Begeisterung dabei ein Gericht zu kochen, dessen Namen die Schüler nicht einmal unfallfrei aussprechen können. In ihrer Mitte steht Shubham Dave.

Der 16-jährige Inder ist heute der Star des Unterrichts von Petra Reimann, die in der Klasse Lebensgestaltung-Ethik-Religion (LER) unterrichtet. Shubham ist für ein Jahr in Brandenburg an der Havel und ist Teilnehmer des Jugendaustauschprogramms von Rotary. In der Zeit lebt der junge Mann in Brandenburger Familien, derzeit in der von Silke Rougk, die an der BOS Musik unterrichtet.

Bevor sich Shubham und die Siebtklässler um das gemeinsame Mittagessen kümmern, soll der junge Mann den Kirchmöseranern Schülern sein Land und seine Religion vorstellen. Er tut es mit Inbrunst und trägt dafür traditionelle Kleider. Er lebt in Anand im Bezirk Gujarat, einer Stadt, die nur unwesentlich größer ist als Brandenburg und unweit entfernt von der Millionenmetropole Mumbai liegt.

Es ist mucksmäuschenstill, als der Inder aus dem Internet eine Präsentation zaubert, die er zuvor für den Unterricht erstellt hat. Kaum acht Wochen ist er jetzt hier. Da gibt es noch nicht viele deutsche Wörter, die er mit BOS-Schülern teilen kann. Er spricht ein tadelloses Englisch, das die Englisch-Lehrerin Janine Mende übersetzt. Es geht an diesem Tag um Religion und Traditionen. Shubham erzählt von Göttern und Lords die zum Leben in Indien gehören, beschreibt in den Grundzügen den Hinduismus, spricht über Karma und den unbedingten Respekt gegenüber den Alten, arrangierte Ehen und streift das schwierig zu durchdringende Kastenwesen.

Es ist ein Blick in eine andere Welt, den die Kirchmöseraner Schüler aufsaugen. Sie haben 1000 Fragen. Welche Musik er höre, ob es Internet gebe, ob er Instergram kenne. Die Pause hat längst begonnen, doch die Schüler wollen noch mehr wissen. Ein trauriges indische Lied spielt Shubham seinen Zuhörern vor. Es stammt aus der Zeit vor über 50 Jahren, als in Indien viele Mädchen abgetrieben wurden, weil man sich nur Jungen wünscht: „Mama, hast du mich denn gar nicht lieb?“, fragt im Lied das Baby im Bauch der Mutter. Da haben nicht nur die Lehrer einen Kloß im Hals. Aber ansonsten hört man auch in Indien englischsprachige Popmusik und schaut Bollywood-Filme.

Shubham zückt sein Smartphone. Ein S 8, das in Indien im Übrigen teurer ist als in Deutschland. Ein wenig erstaunt sind die Kinder schon, dass es kaum eine App gibt, die sich nicht darauf findet. Instergram, Snapchat und ein Dutzend weitere Messenger und soziale Netzwerke werden dort von dem jungen Mann verwaltet und bespielt. Aber nie so, das es stört oder unangenehm auffällt. Und doch ist er mit Dutzenden täglich im Kontakt.

Es ist nicht ganz einfach das Bild des armen Inders in den Köpfen der Kirchmöseraner Kids gegen das eines modernen Jugendlichen zu ersetzen, dem man im Umgang mit Technik und Sprache wenig vormachen kann. „Für mich ist das eine große Ehre, den Menschen hier in Deutschland von meinem Land zu erzählen und Vorurteile auszuräumen“, erzählt Shubham Dave nach dem Tag an der Schule.

Der Rotary-Jahresaustausch sei eine unglaubliche Chance für ihn als Inder, einen anderen Teil der Welt kennenzulernen und sein Land zu präsentieren. Gleichzeitig verliere er täglich selbst Vorurteile und Gewissheiten. So wie die, dass die Deutschen rau und häufig unfreundlich seien. Das habe er noch nie erlebt, trotz seiner etwas dunkleren Hautfarbe. Und die Mitschüler im Saldern-Gymnasium seien fast durchweg cool. Hier könne er überall den Menschen erklären, dass es in Indien eben nicht nur Arme sondern auch eine große Mittelklasse und viele „exorbitant“ reiche Inder gäbe.

In der Tat ist das Jugendaustauschprogramm eine der wichtigsten Aufgaben der Service-Organisation Rotary, sind sich auch Stefan Tiemann und Martin Deichsel einig. Die beiden Rotarier sind im Brandenburger Klub für die Organisation der Schüleraustausche zuständig. Ein Knochenjob, wenn man bedenkt, dass sie sich um die organisatorischen Dinge von derzeit sechs Austauschschülern kümmern, wobei in diesem Jahr drei in die Welt geschickt und drei aufgenommen wurden.

Über die Jahre sind so dutzende junger Menschen mit dieser friedensstiftenden Mission in der Welt unterwegs gewesen. Aber wer kennt sich schon aus mit den Visa von Äquator und was passiert, wenn der Rückflug auf einen anderen Kontinent in zehn Monaten schon über Air Berlin gebucht wurde?

Die Kirchmöseraner Kinder haben verstanden, was Shubham meint, wenn er sagt: „Wir reiten nicht auf Elefanten zur Schule.“ Indien ist riesig und anders als das Bild, das man aus dem Fernsehen kennt. Genauso, wie umgekehrt.

Wenig später in der Küche, die Tracht ist gegen Alltagsklamotten getauscht, wird mit dem, was die Schüler zuvor besorgt haben und den vielen von Shubham mitgebrachten Gewürzen gekocht. Selbstverständlich vegetarisch, denn Fleisch isst man im Haus Dave nicht. Alkohol ist in dem Bezirk, in dem er in Indien lebt, verboten und rauchen tun nur Männer: „Höchstens eine Frau auf 1000 Männer raucht. Und nie öffentlich.“ Aber gefeiert wird viel: Die Festivals mit Tänzen und Gesang dauern teils tagelang an.

Das Essen schmeckt. Anders als bei Mutti, und doch großartig. Die Kinder der BOS sind begeistert, Shubham sowieso, die Lehrer auch - einen weiteren Termin für die Kurse der 9. Klasse lassen sie sich von Shubham noch versprechen. Das wird Ina Stender sicher gern erlauben. Die Oberstufenkoordinatorin des Saldern-Gymnasiums, auf das Shubham und die anderen beiden Rotary-Inbounds gehen, hat Shubham mit der Bedingung frei gegeben, dass er den Unterricht auch am Saldern-Gymnasium gestalten solle, wenn es in Kirchmöser gut laufe. Die Stunden, soviel ist sicher, können geplant werden.

Von Benno Rougk

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