Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Geständnis im Stadtwerke-Prozess

Wolfgang-Michael Schwarz vor Gericht Geständnis im Stadtwerke-Prozess

Einen Tag später als geplant hat am Freitag in Potsdam der Bestechungs-Prozess gegen den früheren Geschäftsführer der Stadtwerke Brandenburg begonnen. Der Prozess soll den größten Stadtwerke-Skandal des Landes aufklären. Der Angeklagte legte ein Geständnis ab, zeigte sich reuig und gewährte einen Blick in seine Gedankenwelt.

Voriger Artikel
Buga-Eintrittspreise sinken
Nächster Artikel
Senioren am Steuer ein Risiko?

Wolfgang Michael Schwarz

Quelle: Julian Stähle

Ausgerechnet im größten Stadtwerke-Skandal des Landes gab es am Donnerstag einen Prozessauftakt mit Pannen. Dem Landgericht fehlte eine Schöffin. Mit einem Tag Verspätung also hat am Freitag der Prozess vor der 5. Großen Strafkammer des Potsdamer Landgerichts gegen den früheren technischen Geschäftsführer der Stadtwerke Brandenburg, Wolfgang Michael Schwarz, begonnen.

Dem Angeklagten wird gewerbsmäßige Untreue und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr zum Nachteil der Brandenburger Stadtwerke, ab 2012 auch der Stadtwerke Premnitz, vorgeworfen. Er soll von Jahresbeginn 2008 bis Ende Mai 2013 einen Millionenschaden angerichtet haben.

70 Minuten Verlesen der Anklage

Die Seiten 3109 bis 3169 der Prozessakte „Wolfgang-Michael Schwarz“ füllt die Anklageschrift gegen den Ex-Geschäftsführer der Stadtwerke. 70 Minuten dauerte das Verlesen durch die Neuruppiner Korruptions-Staatsanwälte Dagmar Stürmer und Gunther Rauche am Freitag vor der 5. Großen Strafkammer am Potsdamer Landgericht.

Dem Angeklagten wird gewerbsmäßige Untreue und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr zum Nachteil der Brandenburger Stadtwerke, ab 2012 auch der Stadtwerke Premnitz, vorgeworfen. 124 Straftaten mit einem Schaden von mehr als einer Million Euro listeten die Strafverfolger auf. „Wir reden hier nicht über Lappalien, das sind keine Peanuts“, sagt der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz. Selbst als Wirtschaftsstrafkammer seien er und seine Kollegen erschrocken von „diesem Ausmaß an krimineller Energie“.

Er habe dies gar nicht nötig gehabt, konstatiert Staatsanwältin Stürmer, schließlich habe er ein Jahresgehalt von 120.000 Euro sowie fixe Tantieme in Höhe von 50.000 Euro bekommen. Sie zählt allerdings nicht auf, dass Schwarz zudem gewinnabhängige Tantieme sowie ein weiteres Geschäftsführergehalt in Premnitz bekam – es so auf eine Viertelmillion Jahreseinkommen brachte. „Bei der Intention eigener Bereicherung sehen wir auch die Tatsache, dass sie gestandene Unternehmer dazu gebracht haben, bei dem System von Scheinrechnungen und Vorteilsgewährung mitzumachen. Die Stadtwerke sind faktisch ein öffentliches Unternehmen, das mit Kundengeldern arbeitet.“

Firmen mussten mitmachen

Mit einem verzweigten Geflecht aus Scheinrechnungen, denen keine oder nur teilweise Leistungen entgegenstanden, hat Schwarz bis zu 17 Firmen aus der Stadt Brandenburg und aus der Region in seine kriminellen Machenschaften gezogen.

So rechnete beispielsweise die Firma Hallwachs bei der Wartung des Blockheizkraftwerkes der Stadtwerke knapp 2000 Arbeitsstunden zu viel ab – es entstand Schaden von 63170 Euro.
Bei Leistungen, die ausgeschrieben werden mussten, vereinbarte Schwarz mit einer Firma ein überhöhtes Angebot, forderte zwei weitere Firmen auf, noch höherer Angebote einzureichen.

Der Nettogewinn aus solchen Geschäften wurde immer geteilt, die Hälfte erhielt Schwarz in bar.

Der Ex-Geschäftsführer ließ sich zudem bestechen mit Leistungen am Privathaus oder teurem Jagdzubehör.

Deshalb komme keine Gefängnisstrafe von weniger als drei Jahren in Betracht. In einem Rechtsgespräch (umgangssprachlich „Deal“) verständigten sich die Verfahrensbeteiligten auf eine Mindeststrafe von drei Jahren und eine Höchststrafe von drei Jahren und neun Monaten.

Schwarz gesteht vollumfänglich

Voraussetzung sei allerdings ein lückenloses und ehrliches Geständnis von Schwarz. Das lieferte dieser auch, gab jeden Vorwurf zu und nahm alle Schuld auf sich. „Wenn ich zurückschaue, erkenne ich mich selbst nicht wieder.“ Am 17. Juni 2013 – dem Tag der ersten Anzeige gegen ihn – sei seine heile Welt zusammengebrochen. Er habe alles gehabt – Freunde, intakte Familie, hohes Einkommen. Es habe nie Verbindlichkeiten gegeben, alles war bezahlt. „Ich kann den Umfang meiner Taten selbst nicht begreifen.“

Der Vorsitzende Dielitz fragt nach: „Was hat sie denn bewegt, was hat den Ausschlag gegeben?“ Schwarz: „Das war schlechter Sport, andere Menschen zu beeinflussen. Ich war früh in Führungspositionen und immer gewohnt, dass alle machen, was ich will.“ Ob er denn nie Angst vor Entdeckung gehabt habe? „Es ging zu lange gut, hat immer funktioniert. Ich habe nie damit gerechnet, dass dies mal öffentlich wird. Die Möglichkeiten waren da, mein Einfluss war da – es hat sich so ergeben.“

Hohe kriminelle Energie

Schwarz achtete natürlich darauf, dass die einzelnen Rechnungen immer unter den Wertgrenzen blieben, ab denen beide Geschäftsführer hätten unterzeichnen müssen. So unterschrieb er selbst und wies Untergebene zur zweiten Unterschrift an. Das ergaunerte Geld hat er in Edelmetalle, in ein Depot sowie in kostenintensive Hobbys wie die Jagd und die Fliegerei gesteckt.

Er bereue es heute, dass er seine Ehefrau Jana mit in die Machenschaften hineingezogen und sie gedrängt habe, Scheinrechnungen an Firmen zu schreiben, die diese bezahlt und an die Stadtwerke weitergegeben haben.

Er habe erst aus den Prozessakten gesehen, wie sehr sich seine einstigen Geschäftspartner von ihm unterdrückt und dominiert gefühlt haben. Seit seiner dreimonatigen Untersuchungshaft 2013/14 habe er sich fortgebildet und arbeite nun als angestellter Prüfsachverständiger in einem Sachverständigenbüro.

Von André Wirsing

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Ex-Stadtwerkechef Wolfgang Michael Schwarz vor Gericht

Wolfgang Michael Schwarz, ehemaliger Geschäftsführer der Stadtwerke Brandenburg an der Havel, steht vor Gericht. Die Vorwürfe wiegen schwer: er soll sich persönlich bereicht und dem Unternehmen massiven wirtschaftlichen Schaden zugefügt haben. Die Schadenssumme soll über 1,6 Millionen Euro liegen. Der erste Prozesstag lief jedoch fürchtlich schief.

  • Kommentare
mehr
Mehr aus Brandenburg/Havel

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg