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Brandenburg/Havel Gibt es ein Leben nach dem IS-Terror?
Lokales Brandenburg/Havel Gibt es ein Leben nach dem IS-Terror?
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11:40 28.03.2018
Sylvia Wähling (links) besuchte kürzlich die vom IS versklavte und kürzlich freigekaufte Sadina (2. von rechts) und ihre Schwester Hocha (2. von links). Quelle: privat
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Brandenburg/H

Es wird dunkel im Brandenburger Domstift. Der Projektor wirft Licht an die Wand, die Zuschauer Schatten. „Doch hier sind wir sicher“, sagt die bunt gekleidete Frau hinter dem Rednerpult. „Wie unsicher aber andere Menschen in dieser Welt leben, kann sich in Deutschland niemand vorstellen“.

Menschenrechtszentrum Cottbus erhielt 2016 „Brandenburger Freiheitspreis“

Die geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtszentrums Cottbus, Sylvia Wähling, kann stolz sein, denn vor zwei Jahren hat das Menschenrechtszentrum Cottbus, dessen Vorsitzende sie ist, den erstmalig vergebenen „Brandenburger Freiheitspreis“ gewonnen.

Diesen hatte das Brandenburger Domstift anlässlich des 850. Domjubiläums ins Leben gerufen. Mit dem Preis werden Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet, die in maßgeblich zur Verwirklichung des Freiheitsgedankens beigetragen haben.

Sylvia Wähling erzählte im Domstift von ihren Besuchen im irakischen Kurdistan. Trotz aller Widrigkeiten findet auch eine Art „normales Alltagsleben“ mit Märkten statt. Quelle: privat

Mitgefühl und Trauer tragen Vortrag im Brandenburger Domstift

Doch während ihres Vortrages über ihre Erlebnisse und Erfahrungen im irakischen Kurdistan transportiert sie ganz andere Gefühle an die Zuhörer: Mitgefühl und Trauer.

Denn sie erzählt anhand des Beispiels der tragischen Geschichte der zwei jesidischen Mädchen Hoche und Sadina die Lebensumstände im irakischen Kurdistan seit dem Einfall des Islamischen Staates (IS) im August 2014 in das Sinjar-Gebirge, das Stammgebiet der Jesiden.

Einzelschicksal zweier vom IS entführter Mädchen

Die Familie der 21-jährigen Hoche und ihrer 13-jährigen Schwester Sadina ist damals entführt worden. Ihre Mutter wurde nach einem Jahr Gefangenschaft beim IS befreit, der Vater und die sieben weiteren Geschwister mussten noch viele Jahre Gefangenschaft aushalten. Vom Schicksal des Vaters und von drei der Kinder ist nichts bekannt.

Hoche 20 Mal an IS-Männer als Sexsklavin verkauft

Hoche ist vor einigen Wochen von ihren Verwandten frei gekauft worden. nachdem sie meistens freitags 20 Mal an Männer aus Ägypten, Syrien, der Türkei und Algerien verkauft wurde. Der älteste Mann, der sie als Sexsklavin kaufte, war 99 Jahre alt.

Er wiederum verkaufte sie später an einen Mann mit Buckel und ohne jeglichen Zahn im Mund. Hoche war ein Jahr im Schingal-Gebirge, ein Jahr in Mossul und dann in Syrien. Dieses Leben war nicht mehr auszuhalten, deshalb hat sie sieben Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Ihre Verwandten aus dem irakischen Kurdistan sammelten Geld und schafften es vor kurzem, sie freizukaufen.

13-Jährige fünf Mal an IS-Männer verkauft

Sadina schaffte den Weg in die Freiheit allein. Vorher wurde sie in Syrien fünf Mal an syrische Männer verkauft. Der älteste Mann, der sie zur Sexsklavin nahm, war 37 Jahre alt. Auch sie, wie alle anderen Frauen, musste zu Allah beten und beim Ramadan fasten. Ein Mal hat sie versucht zu flüchten, wurde aber gefasst und mit Schlägen bestraft.

Der zweite Fluchtversuch Anfang Dezember gelang. Man brachte sie nach Kobane. Dort war sie ganze zwei Tage mit ihrer Schwester Hoche im gleichen Haus, doch sie erkannten sich nicht. Erst nach zwei Tagen, als sie sich gegenseitig fragten, wer die Eltern und Geschwister sind, merkten sie, dass sie Schwestern sind und konnten sich vor Freude in die Arme fallen.

Zusammenkunft im irakischen Kurdistan

Gemeinsam wurden sie nach Kurdistan zur Mutter ins Lager Esyan in der Nähe der Provinzhauptstadt Dohuk gebracht. „Eine Woche lang lagen sie in ihrem Zelt einfach auf dem Boden – erschöpft und nicht in der Lage zu sprechen. Sie haben nur geweint. Jetzt kommen sie allmählich zu sich und sprechen bei Nachfrage über ihre schrecklichen Erlebnisse“, erzählt Sylvia Wähling von ihrem letzten Besuch.

6417 namentlich bekannte IS-Geiseln

Der IS habe laut Sylvia Wähling 6.417 namentlich bekannte Geiseln als Sklaven genommen. „Ihre Erlebnisse sind für die zivilisierte Welt kaum fassbar. Frauen erlebten, wie ihre Söhne, Männer und Brüder vor ihren Augen bestialisch enthauptet wurden. Jungs werden zu IS-Kämpfern ausgebildet, Babys den Müttern weggenommen, Frauen und Mädchen versklavt, zwangsverheiratet, vergewaltigt und für wenig Geld freitags nach dem Moscheebesuch wie Vieh verkauft“, sagt Sylvia Wähling.

Der selbst ernannte Islamische Staat hinterließ Terror und Schrecken bei den Jesiden. Einige Städte im Irak sind völlig zerstört. Quelle: privat

Jesiden und der IS

Jesiden sind laut Sylvia Wähling keine islamische oder christliche Richtung, sondern eine eigene Jahrtausende alte kurdische Religionsgemeinschaft, die vom IS als „Teufelsanbeter“ bezeichnet werden, weswegen sie konvertieren oder sterben sollten.

Tausende wurden getötet und Hunderttausende flüchteten in Richtung irakisches Kurdistan. Zudem starben, verdursteten und verhungerten Zahllose unterwegs in diesen heißen Augusttagen.

„Die, die es nach Kurdistan schafften, leben seit 3,5 Jahren unter erbärmlichen Verhältnissen als Binnenflüchtlinge in den 23 Lagern der Provinz Dohuk oder auch in wilden Lagern wie Baustellen, unter Brücken oder auf Friedhöfen“, sagt Sylvia Wähling. Es sind 400.000 Jesiden unter den 1,5 Millionen Flüchtlingen, für die Kurdistan als Zufluchtsort dient.

Doch nicht nur den Frauen nimmt die 55-Jährige sich während ihrer Besuche mit dem Menschenrechtszentrum Cottbus an. Sie besucht auch Christen, besonders christliche Flüchtlinge.

Spricht aber auch mit sehr vielen Moslems und sucht das Gespräch mit Mullahs, vom kleinen Dorfmullah bis zum Vorsitzenden aller Mullahs von Kurdistan, um ihr Verständnis und ihre Interpretation vom Islam zu hören und wie diese den Unterschied zur Ideologie vom IS sehen.

Was bleibt und was kommen soll

„Der IS ist vertrieben, doch seine Nachwehen werden noch lange Zeit wüten“, sagt sie. Er zerstörte vollständig alle Städte und Dörfer in der Ninive Ebene, wo einst Christen, Jesiden und Moslems zusammen lebten.

Sie fände Städtepartnerschaften sinnvoll, um die zerrütteten Orte wieder aufzubauen und die Menschen zurück in ihre alte Heimat zu locken. Für die Intensivierung der Zusammenarbeit der Städte untereinander setzt sie sich ein.

Dieses Bild malte der 13-jährige jesidische Flüchtling Quelle: privat

Verschiedene Glaubensrichtungen mit unterschiedlichen Zielen

Aber immer wieder betont die 55-Jährige, dass sie keine Expertin ist. Keine Islamwissenschaftlerin. Sie berichte lediglich von ihren Erlebnissen.

Christen, Moslems, Jesiden, alle möglichen Glaubensrichtungen prallen aufeinander und jede Partei hat ein anderes „Ziel“ im irakischen Kurdistan, das sich im Norden des Iraks befindet, östlich an den Iran und nördlich an die Türkei grenzt.

In einigen Städten im irakischen Kurdistan werden neue Kirchen gebaut. Quelle: privat

Wähling bereiste bereits sieben Mal das irakische Kurdistan

Der Brandenburger Freiheitspreis vergibt der Domstift unter dem Motto „Wir definieren Freiheit alle zwei Jahre. Nicht neu, aber immer wieder aufs Neue.“ Dieses Motto macht sich auch Sylvia Wähling seit zweieinhalb Jahren zu eigen, denn seitdem ist sie sieben Mal im irakischen Kurdistan gewesen.

Vier Mal gemeinsam mit Ärzten, die sich die Menschen in den Flüchtlingslagern ansahen, ein anderes Mal, um mit Flüchtlingen aller Religionen einen Friedensmarsch zu begehen. Auch zwei Weihnachtsfeiern für christliche Flüchtlinge organisierte das Menschenrechtszentrum. Ein Mal für 600 Flüchtlinge und das zweite Mal für 1.000 Flüchtlinge

Auch Oster-und Weihnachtspakete übergeben sie. Diese wurden in Deutschland von Ehrenamtlern der Partnerorganisation, der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main, gepackt.

Wähling appellierte an Toleranz auch in Deutschland

Am Ende ihres Vortrages appelliert die Menschenrechtsaktivistin an alle Anwesenden, auch in Deutschland mehr Toleranz gegenüber anderen Religionen walten zu lassen.

Anschließend schaltete sie denn Projektor aus, der Domstift leerte sich, doch das Gefühl der Beklommenheit über die Geschehnisse im irakischen Kurdistan blieben.

Von Josefine Kühnel

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