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Große Verantwortung für werdendes Leben

Brandenburg an der Havel Große Verantwortung für werdendes Leben

Am Freitag ist internationaler Tag der Hebammen: Noch immer gibt es einen großen Betreuungsmangel in Brandenburg an der Havel. Freiberufliche Beleghebammen arbeiten gar nicht mehr hier, zu groß ist die finanzielle Belastung durch die Versicherungsbeiträge. Drei Hebammen erzählen aus ihrem Alltag.

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Die Frauen aus dem Geburtsvorbereitungskurs der Hebammenpraxis „Bauchgefühl“ sind inzwischen stolze Mamis.

Quelle: Foto: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Wer dieser Tage schwanger wird, muss schnell sein und starke Nerven haben, denn Betreuungen durch Hebammen sind heiß begehrt. Das kommt nicht von ungefähr: In der Stadt herrscht Baby-Boom. 2016 wurden 1055 Babys geboren, das waren fast 80 mehr als noch 2015. Im Jahr 2017 werden viele Geburten im Sommer und Spätsommer stattfinden, sagt Christian Sommerlatte aus der Geschäftsführung des Städtischen Klinikums Brandenburg.

Annett Heiner-Schewski kann bisher keinen Unterschied zum vergangenen Jahr feststellen, was die Betreuungsnachfrage angeht. Sie betreibt ihre Hebammenpraxis zentral auf dem Neustädtischen Markt. „Die Nachfrage ist konstant hoch“, sagt sie. „Die meisten Frauen rufen schon beim positiven Schwangerschaftstest an“, sagt sie. „Es gibt hier und in den umliegenden Dörfern einen Betreuungsengpass. Viele Frauen wissen um die Situation und wollen frühzeitig Sicherheit.“

Bei einer Wochenbettbetreuung umsorgt die Hebamme die Mutter nach der Geburt. Diese Leistung ist bei ihr bis Ende September ausgebucht. Zur Zeit umsorgt sie 17 Familien und macht Hausbesuche an zwei bis drei Tagen in der Woche. Wer sich also erst jetzt bei ihr anmeldet und im Sommer den errechneten Geburtstermin hat, ist zu spät dran. Bei der Wochenbettbetreuung will sie vor allem Vertrauensperson sein: „Ich versuche den Frauen in ihrem häuslichen Umfeld zu helfen, damit sie eine Art Routine mit der neuen Situation bekommen“, sagt sie.

Für die 49-Jährige ist klar: Frauen ohne Wochenbettbetreuung haben ein Problem. Wenn Mütter keine Hebamme gefunden haben, können sie mit ihren Fragen zum Kinderarzt oder Gynäkologen gehen. „Mit einem Neugeborenen ist das aber sehr schwer und viele Frauen haben kein Auto“, weiß die Hebamme, die schon seit 1989 in dem Beruf arbeitet. Auch ihre Geburtsvorbereitungskurse und die Rückbildungsgymnastik werden rege in Anspruch genommen.

Die Situation von Antje Zick ist ähnlich: Sie arbeitet mit zwei weiteren Kolleginnen in der Hebammenpraxis Bauchgefühl im Deutschen Dorf und kann erst wieder ab Dezember Wochenbettbetreuungen anbieten, auch sie kümmert sich um Frauen aus den umliegenden Dörfern. Antje Zick ist es wichtig, Mütter nach der Geburt zu bestärken und vor allem beim Thema Stillen zur Seite zu stehen: „Es ist die perfekte Ernährung für das Baby. Ohne die Hilfe von Hebammen würden Frauen definitiv weniger stillen,“ erklärt sie. Die Zeit nach der Geburt sei aufgrund der Hormone ganz neu, Mütter zweifeln sehr viel. „Es geht nicht nur um die körperliche Betreuung, die Mütter sind auch dankbar für die Gespräche mit uns,“ sagt die 32-Jährige.

Mehr Hebammen am Klinikum

16 Hebammen arbeiten zur Zeit am Städtischen Klinikum in Brandenburg an der Havel, das sind 3 mehr als noch im Jahr 2015.

10 der 16 Hebammen sind in Teilzeit angestellt, sie arbeiten nebenbei noch freiberuflich. Alle 16 Hebammen teilen sich 10,88 Vollzeitstellen.

Personalnotstand der Hebammen gibt es laut Klinikleitung nicht.

Ein- bis zweimal im Monat gibt es am Klinikum komplizierte Geburten: Hochrisikoschwangerschaften, Kinder mit angeborenen Fehlbildungen, extrem kleine Frühchen und Mehrlingsschwangerschaften.

Inzwischen sind die Versicherungsbeiträge für freiberufliche Hebammen so hoch, dass keine Beleghebammen mehr in Brandenburg an der Havel arbeiten. Beleghebammen sind freiberuflich tätig, betreuen die Geburt der Frau in der Klinik und übernehmen auch die Nachsorge. „Die Beiträge für die Geburtshilfe sind inzwischen so hoch, das steht in keinem Verhältnis“, kritisiert Annett Heiner-Schewski.

Seit drei Jahren bietet sie deshalb keine Geburtshilfe mehr an, nur noch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse. Obwohl es für sie nichts Schöneres gibt, als dabei zu helfen, ein Leben auf die Welt zu bringen: „Die Geburtshilfe fehlt mir“, sagt sie. Von Seiten des Klinikums ist zu erfahren, dass es begrüßt werden würde, wenn freiberufliche Hebammen Geburten im Krankenhaus betreuen.

Sandra Jaeckel von der Hebammengemeinschaft Havelwiege vereint beide Welten: Sie arbeitet in Teilzeit am Klinikum und möchte das neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit nicht missen. Manchmal kennt sie durch Zufall die gerade entbindende Frau während ihrer Schicht schon von einem Vorbereitungskurs und betreut sie dann auch im Wochenbett.

Sie weiß, dass Mütter, die in der Klinik entbunden und noch keine Hebamme gefunden haben, auch noch Glück haben können: „Wir versuchen dann, alle Hebammen in der Stadt anzurufen, manchmal ergibt sich noch kurzfristig eine Wochenbettbetreuung“, sagt sie. Für manche Mütter ist das zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer am ausgebuchten Hebammenhimmel in der Havelstadt.

Von Melanie Höhn

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