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Brandenburg/Havel Heidelberger-Azubis finden zu neuer Stärke
Lokales Brandenburg/Havel Heidelberger-Azubis finden zu neuer Stärke
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11:34 16.09.2016
Der erste hat es durchs Spinnennetz geschafft. Rainer Schmidt passt auf, dass alles passt. Quelle: Jacqueline Steiner
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Brandenburg/H

Wer bei der Firma Heidelberger Druckmaschinen ausgebildet wird, lernt weit mehr als einen Beruf. Er lernt sich selbst von ganz neuen Seiten kennen. Das beginnt gleich in den ersten Wochen mit Augenöffnern und Aha-Erlebnissen. Chefausbilder Rainer Schmidt stößt die jungen Leute auch schon einmal vor den Kopf, damit ihnen ein Licht aufgeht.

Die Einführungswoche für die zwölf neuen Auszubildenden läuft erst in der Perspektivfabrik bei Mötzow, dann im Heidelberger-Werk in Hohenstücken. Gleich am ersten Tag bringen die Ausbilder Rainer Schmidt, Dirk Reinke und Marko Froß die Maxime des Druckmaschinenherstellers näher: Zuhören, inspirieren, liefern.

In der Abgeschiedenheit der Bildungs- und Freizeitanlage erfährt der Facharbeiternachwuchs rasch und intensiv, was es mit den Werten und der Firmenphilosophie von Heidelberger Druck auf sich hat.

In drei Gruppen aufgeteilt sollen sich die angehenden Industriemechaniker und Mechatroniker darüber verständigen, welche Spielregeln gelten sollen im Umgang miteinander. Respekt, Fairness, Wir-Denken, reflektiertes Denken, freundliches Miteinander, Hilfsbereitschaft sind Begriffe, die die Gruppen an ihre Tafeln heften.

Ohne dass sie es merken, stellt Rainer Schmidt die jungen Leute auf die Probe. Fast nebenbei schiebt er die Tafel von Gruppe 3 in die hintere Ecke mit den Worten: „Das stellen wir mal weg, das ist eh nicht das Gelbe vom Ei, dieser Quatsch.“ Der ein oder andere zuckt, doch niemand sagt etwas.

Die anderen beiden Gruppen dürfen ihre Ergebnisse präsentieren, werden gelobt, sind sogar stolz. Betretene Gesichter jedoch, als der Ausbildungsleiter fragt, warum niemand den Mund aufgemacht und die gerade formulierten Spielregeln eingefordert hat, als er Gruppe 3 niedermachte.

„So gehen wir in unserem Unternehmen nicht miteinander um“, betont Rainer Schmidt (56). Der Ausbilder, seit 1975 bei Heidelberg, will wissen, warum niemand, nicht einmal die Betroffenen, protestiert hat. Alle gestehen, dass sie sich gewundert, sich hilflos und „mega-unwohl“ gefühlt hätten. Doch von der Schule oder früheren Betrieben seien sie es gewohnt, dass der Lehrer oder Chef stets recht hat, Widerworte Ärger bedeuten. Schmidt dazu: Bei Heidelberger gebe es kein „König-Depp-Verhältnis“. Was immer die zwölf Neuen in den ersten Tagen erfahren und erleben, wird in der Gruppe reflektiert und auf die Werte und Ansprüche des Unternehmens bezogen. Dazu gehört Verantwortung: gegenüber sich selbst, dem Arbeitgeber, den Kunden.

„Engagierte, kulturell flexible junge Menschen“

Die Heidelberger Druckmaschinen AG formuliert ihren Anspruch an Auszubildende so: Das Unternehmen suche „motivierte, leistungsbereite, teamfähige, über die fachlichen Ausbildungsinhalte hinausgehend engagierte, freundliche und kulturell flexible junge Menschen mit technischem Interesse und gutem Notendurchschnitt, die aktiv ihre persönliche Entwicklung und berufliche Zukunft mit gestalten möchten“.

Im fünftägigen Einführungsseminar bekommen die neuen Brandenburger Azubis ein umfangreiches Programm geboten, das von einem Abenteuer im Sumpf bis zu Einblicken in das Heidelberger Produktionssystem (HPS) und einem Vortrag über „Lust an Leistung“ reicht.

Standortleiter Gerwin Cordes stellte sich während der Camp-tage den Fragen des Firmennachwuchses.

Rainer Schmidt ist seit 25 Jahren Leiter Betriebliche Bildung am Standort in Hohenstücken.

Der Jüngste der neuen Heidelberg-Azubis ist 16 Jahre alt und Schulabgänger. Die Älteste ist doppelt so alt und hat bereits ein Studium der Kulturwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Dennoch hat sich Christine Degner für die Ausbildung zur Mechatronikerin beworben. Rainer Schmidt sieht kein Problem: „Das Alter ist für uns nicht wichtig, die Motivation zählt.“ Das galt auch bei Ricardo Milz (28). Er ist kürzlich Vater geworden und stellte fest, dass sich sein Beruf als Koch schlecht vereinbaren lässt mit einem Familienleben, wie er es sich vorstellt.

Teamarbeit auf einer neuen Stufe steht am erlebnispädagogischen Dienstag im Vordergrund. Die Ausbilder stellen Aufgaben, die nur in der Gruppe zu lösen sind – mit Zuhören, Inspirieren und Liefern. Schnelligkeit und Geschick allein reichen nicht, so wenig wie es dem Unternehmen im Arbeitsprozess reicht, wenn jemand nur für sich viele Werkstücke schafft. Die Ansprüche sind höher, komplexer.

Wie im Gelände der Perspektivfabrik, wo die Gruppe eine bestimmte Anzahl von Bällen in kurzer Zeil in einen Eimer füllen muss, der hoch oben im Baum hängt.

Blindes Vertrauen ist im Gelädne gefragt. Quelle: JACQUELINE STEINER

Am Anfang dauert das recht lang. Die Gruppe überlegt, wie es besser geht. Schließlich streift sich einer sein T-Shirt ab, versenkt alle Bälle darin, klettert und taucht sie viel schneller in den Eimer.

Die Bälle müssen in den Eimer Quelle: Rainer Schmidt

Zum Abschluss wartet eine Spinne auf die Gruppe: ein Netz mit zwölf verschieden kleinen Löchern, für jeden eins zum Durchschlüpfen. Keines darf doppelt genutzt werden, keiner darf die Netzseile berühren. Die Azubis müssen überlegen, in welche Reihenfolge sie am besten ohne anzustoßen durchs persönliche Loch kommen, wie es jeder mit Hilfe der anderen in der geforderten Zeit schafft.

Gegenseitiges Vertrauen und strategischen Denken in der Gruppe sind entscheidend. Und einander zuhören. Das kommt etwas zu kurz. Doch mit Körperspannung und inzwischen vertrauter fremder Hilfe flutscht jeder durchs Loch. Perfekt war das nicht. Aber die Ausbildung geht ja noch drei Jahre.

Die Azubis nehmen ihren Kollegen jenseits des Loches in Empfang. Quelle: JACQUELINE STEINER

Von Jürgen Lauterbach

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