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Heimische Bäume müssen weichen

Brandenburg an der Havel Heimische Bäume müssen weichen

Die Verwaltung der Stadt Brandenburg startet ein Pilotprojekt „Bäume des 21. Jahrhunderts“ mit Sorten aus Australien und Asien, weil die heimischen Gehölze mit Klimawandel und Stress nicht mehr klarkommen. Nun sollen es Guttaperchabäume, japanische Ulmen, Bambuserlen und Spiegelrindenkirschen richten.

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Eine japanische Ulme wird im Triglafweg eingepflanzt. Ihr Holz ist so fest und gleichzeitig elastisch, dass es zum Bogenbau verwendet wird.

Quelle: André Wirsing

Brandenburg an der Havel. Japanische Zelkove, Bambuserle, Hopfenbuche, Guttaperchabaum oder Spiegelrindenkirsche werden die wenigsten Brandenburger in ihrem Garten zu stehen haben, dafür stehen diese Bäume nun mitten in der Stadt – am Domgymnasium, im Humboldthain, im Triglafweg oder am Jungfernsteig.

Die Japanische Ulme etwa wird in Fernost für den Bau der traditionellen Langbögen verwendet, Guttapercha findet in der Zahnmedizin Anwendung – diese Baumart wurde in 20 Millionen Jahren alten Fossilien bereits nachgewiesen.

Warum nun Exoten aus Asien oder Australien, wo es doch lange Zeit hieß, es sollten vorrangig heimische Gehölze verwendet werden? Es gibt gleich mehrere Gründe dafür: Der Klimawandel sorgt sommers für Stadttemperaturen bis zu 39 Grad Celsius, in trockenen Frühjahren bis zu 30 Grad, hinzu kommen immer mehr Stürme. Zudem sind viele heimische Baum-Arten von Krankheiten und Schädlingen befallen, denen die Gärtner kaum noch Herr werden (siehe Infokasten).

In manchen Baumschulen bekommt man bereits keine Kastanie mehr verkauft, weil die Verkäufer nicht garantieren können, dass nicht bereits die Miniermotte drin sitzt. Zudem haben die Bäume zusätzlichen Stress durch Verkehr oder Tiefbauarbeiten, Hundekot oder Streusalz. „Zugleich sind unsere Ansprüche an Stadtbäume hoch.

Sie sollen nicht stinken, kleben oder lärmende Vögel anlocken; sie sollen weder Pollen produzieren noch das Pflaster mit Laub oder Früchten verschandeln; ihre Wurzel sollen keine Straßen oder Wege aufwölben“, sagt Bernd Prieß vom städtischen Grünflächenamt. „Die Bäume unserer Stadt leiden zunehmend. Kastanien, Eschen, Platanen, Eichen und Co. zeigen immer häufiger Defektsymptome.“

Woran die heimischen Bäume leiden

Kastanien: Die Kastanienminiermotte ist ein fünf Millimeter kleiner Schmetterling. Große Schäden gibt es seit 1998 in der Stadt. An der Gördenallee wurden Dutzende Nistkästen für Vögel aufgehängt, welche die Motte fressen sollen. Noch kann kein Effekt sicher bestimmt werden. Weniger bekannt ist eine neue Rindenkrankheit an der Rosskastanie.

Eschen: Sie leiden oft unter Rindennekrosen, verursacht durch einen Schlauchpilz.

Ulmen: Auch hier schleppt der Ulmensplintkäfer Schlauchpilze ein. Die Stadt pflanzt nun Resista-Ulmen.

Platanen: Die Krankheit Massaria wird ebenfalls von Schlauchpilzen ausgelöst.

Eichen: Seit 2012 tritt der Eichenprozessionsspinner vermehrt in der Stadt auf.

Deswegen hat die Stadt ein Pilotprojekt unter dem Titel „Bäume des 21. Jahrhunderts“ gestartet. „Wir haben das nicht erfunden, das machen Großstädte wie München, Dresden oder Hamburg auch bereits.“ Im vorigen Jahr hat er Hamburger Senatskollegen über den Marienberg geführt, der bekanntlich zur Bundesgartenschau vor zwei Jahren als „Bürgerpark des 21. Jahrhunderts“ angelegt worden ist. „Seitdem tauschen wir regelmäßig Informationen und Erfahrungen aus, der Hamburger Senat kooperiert mit der Universität Hamburg-Harburg. Wir bemühen uns um Fördermittel gemeinsam mit der Freien Universität Berlin zu regelmäßigen Blattmessungen, um den Grad der Verdunstung an den Bäumen zu bestimmen“, sagt Prieß.

Gezüchtet hat die neuen Bäume die Baumschule Lorberg aus dem havelländischen Ketzin. Die Setzlinge sind in der Zwischenzeit durchschnittlich acht Jahre alt. Gepflanzt und mindestens fünf Jahre lang gepflegt werden sie vom Brielower Unternehmen H & K Gartendesign.

„Für uns ist die Arbeit dadurch aufwendiger, aber auch sehr lohnenswert“, sagt H & K-Geschäftsführer Thomas Hurt. Sein Unternehmen komme damit an Know-how, welches ihm als Garten- und Landschaftsbauer ebenfalls zugute komme. „Wir pflanzen auch Bäume der selben Sorte an unterschiedlichen Standorten und mit unterschiedlichen Bodensubstraten. Dann können wir über fünf Jahre hinweg verfolgen, welche Mischung sich am besten entwickelt. Extra geliefert wurden die Substrat-Bodenmischungen – manche sind mit Lavakörnchen gemixt, manche mit Ziegelsplitt beispielsweise.

Im ersten Versuch wurden erst einmal 23 Bäume gesetzt, schubweise sollen es immer mehr werden. Im Stadtgebiet sind rund 70.000 Bäume kartiert, davon stehen 36.000 an Straßen, in Parks und Grünanlagen.

„Baumpflanzungen dürfen nicht dem Zufall überlassen werden. Gewiss ist, dass es Kastanien, Eschen, Platanen, Eichen und andere heimische Arten im ,Stadtdschungel’ immer schwerer haben werden. Doch dort, wo sie funktionieren, werden sie aus Sicht der Verwaltung erhalten bleiben und auch nachgepflanzt werden. Ob die zurzeit auf dem Markt angebotenen Zukunftsbäume eine vertretbare Alternative sind, wird sich erst noch zeigen müssen“, resümiert Prieß.

Selbst bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten läuft derzeit ein Forschungsprojekt zur Zukunft der Bäume – das Problem ist ein drängendes.

Von André Wirsing

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