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Hölle DDR-Knast: Ex-Häftlinge mahnen

Ehemalige politische Gefangene in Brandenburg Hölle DDR-Knast: Ex-Häftlinge mahnen

120 politische Häftlinge waren in der DDR im Stahlwerk Brandenburg unter unwürdigen Bedingungen zu Zwangsarbeit eingesetzt worden. Es gab körperliche Gewalt und Todesdrohungen. Die Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge hat Betroffene und Sachverständige zur Tagung ins Industriemuseum eingeladen.

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Sie waren selbst in den Fängen der Stasi und erlitten Qualen in der Haft. Jürgen-Kurt Wenzel (links) und Jürgen Sydow vor der Ehrentafel zum Gedenken an Michael Gartenschläger, der 1976 an der innerdeutschen Grenze erschossen wurde.

Quelle: Foto: Rüdiger Böhme

Brandenburg/H. „Man sieht uns nichts an. Seelische Verletzungen hinterlassen keine sichtbaren Spuren“, sagt Jürgen Sydow von der Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge 1945-1989. Die Öffentlichkeit auf die Leiden der Betroffenen aufmerksam zu machen, ist das Anliegen der Interessengemeinschaft, die sich im Juni 2015 gegründet hat.

Bei ihrer Tagung am Samstag im Industriemuseum haben Betroffene und Sachverständige die Problematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. „120 politische Häftlinge sind im Stahlwerk Brandenburg unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Zwangsarbeit eingesetzt worden. Dieses Thema wurde überhaupt noch nicht aufgearbeitet“, sagte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Roland Garve, ehemaliger politischer Häftling, las aus seinem Buch „Unter Mördern. Gefängnisalltag in der DDR“.

Erardo Rautenberg, Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, berichtete über die Strafverfolgung von übergriffigen Justizvollzugsbediensteten. Zwei von ihnen aus der Strafvollzugsanstalt Cottbus mit den Spitznamen „Roter Terror“ und „Arafat“ seien wegen schweren Gefangenenmisshandlungen – unter anderem Scheinexekutionen - jeweils zu mehrjährigen Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt worden. Zehn weitere kamen mit Bewährungsstrafen davon. 92 verdächtige Todesfälle könnten wohl nie mehr aufgeklärt werden, da die Leichen ausnahmslos verbrannt worden seien, so Rautenberg.

Jürgen Sydow hat zehn Monate als politischer Häftling in mehreren Gefängnissen der ehemaligen DDR eingesessen, unter anderem sechs Monate im berüchtigten Stasiknast Cottbus, davon drei Monate in Isolationshaft. Er habe nach seiner Haftzeit – Sydow wurde 1975 von der Bundesrepublik Deutschland frei gekauft – nie wieder einem Menschen vertrauen können.

Obwohl in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, war Sydow in der FDJ und bei den Jungen Pionieren. Er feierte Erfolge als erfolgreicher Sportler im Schießsport. Er hat Bauingenieurwesen in Cottbus studiert und durfte als 22-jähriger Student schon selbstständig Projekte bearbeiten. Doch er hatte einen kritischen Geist. „Der Amtskirche habe ich schon länger kritisch gegenüber gestanden.“ Nachdem Sydow mehrmals Zeuge wurde, wie in der DDR Vergehen mit zweierlei Maß gemessen wurden, stand er auch dem Staatswesen kritisch gegenüber. Im Urlaub in Ungarn traf er sich öffentlich mit einem Mitarbeiter der Botschaft der BRD, um die Möglichkeiten einer Ausreise zu erkunden. Auf dem Weg zu einer Freundin, die in Ungarn nahe der Grenze zu Österreich wohnte, wurde er lange vor der Grenze von einer Streife angehalten und verhaftet. Drei Wochen Isolationshaft in Budapest, dann Überstellung in die DDR. Da er kein Geständnis unterschrieb, erpresste man ihn damit, dass man seinen Vater inhaftieren würde, der Beweismittel versteckt habe. Da unterschrieb Sydow, wohl wissend, dass es solche Beweismittel gar nicht gab.

Körperliche Gewalt und Todesdrohungen musste auch Jürgen-Kurt Wenzel sechs Jahre lang in DDR-Gefängnissen aushalten. Auch er ist daran zerbrochen. Sein Schicksal ist bereits im Internet dokumentiert.

Von Ann Brünink

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