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Homosexuelle Flüchtlinge leiden oft doppelt

LGBTI-Konferenz Homosexuelle Flüchtlinge leiden oft doppelt

Mit einer dreitägigen Konferenz wollen engagierte Menschen in Brandenburg an der Havel auf die Situation von geflüchteten LGBTIs – das sind homo-, bi-, trans- und intersexuelle Menschen – aufmerksam machen. Diese werden in ihrer Heimat oft diskriminiert – und haben es auch in den Flüchtlingsunterkünften meist schwer.

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Wollen in einer bunten und toleranten Welt leben: Paul Fischer-Schröter und Alisa Kudriavtceva.

Quelle: Norman Giese

Brandenburg/H. Seit elf Monaten lebt Alisa Kudriavtceva in Brandenburg an der Havel. Die 29-jährige Russin ist lesbisch und zählt somit zur Gruppe der LGBTIs, das sind homo-, bi-, trans- und intersexuelle Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersexual Persons). Nachdem in ihrer Heimat Sankt Petersburg vor drei Jahren die Gesetze gegen Homosexuelle verschärft wurden, entschied sich Kudriavtceva vor gut einem Jahr, nach Deutschland zu fliehen. Zuvor war sie angegriffen und öffentlich an den Pranger gestellt worden. Über die Stationen Berlin und Eisenhüttenstadt kam sie schließlich nach Brandenburg.

Hier setzte sich ihre Leidensgeschichte zunächst fort, denn auch im Flüchtlingsheim wurde sie wegen ihrer sexuellen Orientierung Opfer eines körperlichen Angriffs. Der Brandenburger Paul Fischer-Schröter griff ihr unter die Arme und brachte sie bei einer Freundin unter, wo sie mittlerweile offiziell Untermieterin ist. Alisa Kudriavtceva versucht seitdem anderen LGBTI-Flüchtlingen zu helfen. Gemeinsam mit Paul Fischer-Schröter und weiteren Engagierten organisiert sie vom 15. bis 17. April nun eine Konferenz für LGBTIs, die schätzungsweise bis zu fünf Prozent aller Geflüchteten ausmachen.

Mit welchen Problemen haben LGBTIs auf der Welt zu kämpfen?

Paul Fischer-Schröter : In über 30 von 54 Staaten Afrikas gibt es zum Beispiel Gesetze, die die Lage von Homosexuellen extrem einschränken. Das beginnt damit, dass sie nicht öffentlich Händchen halten dürfen und endet beim totalen Verbot jeglicher homosexueller Handlungen, die dann unterschiedlich stark bestraft werden. Wir reden da von Geldstrafen bis Gefängnis und letztendlich auch Todesstrafen.

Kann man sagen, wo die Probleme am größten sind?

Alisa Kudriavtceva : Die Situation ist in jedem Land anders, weil jedes Land andere Gesetze hat. Die meisten Probleme gibt es aber in muslimischen Ländern und Ländern der Dritten Welt, vor allem in Afrika. Aber auch Arabien, Aserbaidschan und seit drei Jahren auch Russland sind stark betroffen.

Welche Möglichkeiten haben LGBTIs ihre Situation zu verbessern?

Fischer-Schröter : Es gibt letztlich drei Möglichkeiten, die immer individuell betrachtet werden müssen. Manche Leute ziehen sich zurück und gehen nicht so offen mit ihrer Sexualität um, was zu Depressionen und ähnlichem führen kann. Andere leben es einfach aus mit der Gefahr, dass sie irgendwann Repressionen ausgesetzt sind. Das bedeutet dann häufig, wenn es doch rauskommt, Arbeitsplatzverlust, Probleme in der Familie und auch körperliche Angriffe. Das Dritte, was Alisa gemacht hat, ist politisch aktiv zu werden, um die Situation zu verändern. Je aktiver man ist, desto größer ist allerdings der Repressionsdruck durch Polizei, Staat und anderen homophoben Menschen.

Kudriavtceva : Ich glaube, die Betroffenen können nichts ändern, solange sie in den Ländern bleiben. Ich kann von hier mehr machen, weil ich mich sicher fühle. Wenn du Angst hast und merkst, dass sie dich einfach ins Gefängnis stecken können, kannst du nicht offen sein und ehrlich sprechen.

Blick ins Konferenzprogramm

Den Auftakt zur LGBTI-Konferenz macht am Freitag, 15. April, ab 18 Uhr eine Podiumsdiskussion im Brandenburger Haus der Offiziere (HdO). Mit dabei sind dann unter anderem Harald Petzold, queerpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, Hans Kolbe vom Schulverband Berlin, der Mitbegründer der dortigen LGBTI-Unterkunft ist sowie ein Betroffener aus Indien.

Im HdO wird anschließend ab 21 Uhr zudem eine Party gefeiert. Auf der Bühne steht dabei die Band „You’re Only Massive“.

Am Samstag, 16. April, sind mehrere Workshops geplant. Ebenfalls im Haus der Offiziere geht es dann zum Beispiel um Themen wie AIDS-Hilfe, Interviewvorbereitung oder Selbstverteidigung. Die Workshops werden in russischer und englischer Sprache angeboten.

Zum Abschluss ziehen die Konferenzteilnehmer am Sonntag, 17. April, ab etwa 12 Uhr bei einer Gaypride-Parade durch die Straßen Brandenburgs. Startpunkt ist der Neustädtischer Markt in Brandenburg an der Havel.

Ist sexuelle Verfolgung ein offizieller Asylgrund in Deutschland?

Fischer-Schröter : Es gibt viele Diskussionen im rechtlichen Bereich, ob man schwul/lesbisch als eine soziale Gruppe, die unter Verfolgung stehen kann, wertet. Wenn das so ist, können betroffene Menschen unter diesem Punkt auch Asyl kriegen. Aber es ist extrem schwierig. Es gibt keinen richtigen Paragraphen, der das regelt. Das ist im Moment eine Grauzone.

Wie ist das Leben für LGBTIs in unserem Land?

Fischer-Schröter : Prinzipiell kann man sagen, dass die Leute hier relativ gefahrenlos leben können. Natürlich gibt es immer wieder auch Übergriffe, vor allem aus dem neonazistischen Spektrum. Aber es gibt jedes Jahr auch Veranstaltungen wie den Christopher Street Day und es gibt Hochschulgruppen an Unis, die extra für oder von schwulen und lesbischen Geflüchteten ins Leben gerufen wurden. Ich glaube, dass es hier sehr viel Freiraum gibt, um sich einerseits sexuell, aber auch politisch zu entfalten. Was man aber bedenken muss, ist, dass Deutschland zu den Ländern gehört, in denen es keine gleichgeschlechtlichen Ehen gibt. Zumindest in diesem Bereich gibt es für die Regierung auch noch Nachholbedarf.

Kudriavtceva : Für mich ist es sehr seltsam den Menschen hier erzählen zu können, dass ich lesbisch bin, ohne dass dabei jemand aggressiv auf mich reagiert. Wenn ich das in Russland sage, weiß ich, dass ich Ärger bekomme. Ich gewöhne mich langsam an die Situation und werde immer offener. Ich habe nicht mehr so viel Angst wie früher und bin deutlich entspannter als noch in der ersten zwei, drei Monaten hier.

Was war am Anfang anders?

Kudriavtceva : Ich habe erst in der Flämingstraße mit einer Frau aus Tschetschenien in einem Zimmer gelebt. Sie war Muslima und ich habe versucht dem Hausmeister zu erklären, dass das nicht so gut ist, weil ich lesbisch bin. Außerdem gibt es Konflikte zwischen Tschetschenen und Russen. Aber sie hatten keinen anderen Platz für mich und so hatte ich am Ende Ärger mit Tschetschenen, die hier leben. Ich hatte keinen direkten Konflikt mit der Frau, aber sie hat mit ihren Freunden über mich geredet. Und dann kamen Männer, die mich angegriffen haben, weil ich lesbisch bin.

Du wohnst mittlerweile in einer normalen Wohnung. Was hat sich seitdem für dich verändert?

Kudriavtceva : Mein Leben ist wirklich toll seitdem. Ich habe Freunde gefunden und habe auch etwas zu tun. Ich kann anderen LGBTI-Flüchtlingen über das Internet helfen, denn ich weiß mittlerweile viel darüber, wie man eine Wohnung bekommt oder was man im Sozialamt erledigen muss. Das ist auch der Grund, warum wir die Idee für die LGBTI-Konferenz hatten. Viele LGBTIs sprechen mich an und stellen mir Fragen.

Welche Erfahrungen haben andere LGBTIs in den Flüchtlingsunterkünften gemacht, was haben sie dir erzählt?

Kudriavtceva : Sie sitzen meist allein in ihren Zimmern und haben nur über das Internet Kontakt zu anderen. Sie haben wirklich Angst, weil sie nicht mehr an die Menschen glauben, nachdem was ihnen in ihrer Heimat passiert ist. Ich versuche ihnen zu erklären, dass das hier ein neues Leben ist mit vielen guten Menschen.

Fischer-Schröter : Das Problem ist, dass LGBTIs in den Heimen meisten sehr zurückgezogen leben. Sie bleiben den ganzen Tag in ihren Räumen und gehen wegen der möglichen Gefahrensituationen nur selten raus. Es kommen ja auch viele Leute aus dem Irak, Afghanistan und Syrien zu uns. Das sind alles Länder, in denen Homosexualität ein Problem ist. Viele LGBTIs vertrauen weder den anderen Bewohnern im Heim noch den Sozialarbeitern dort, weil es auch in den Unterkünften immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt.

Was genau ist nun für die LGBTI-Konferenz geplant?

Fischer-Schröter : Wir haben uns drei Ziele gesetzt. Das eine ist der Bildungspart, in dem wir Workshops anbieten werden, die sich an den Fragen orientieren, die Alisa oft gestellt bekommt. Es wird beispielsweise darum gehen, wie man sich auf ein Interview vorbereitet, weil viele nicht wissen, wie sie in dieser Situation mit ihrer Sexualität umgehen sollen. Der zweite wichtige Punkt ist Vernetzung. Hier wird es darum gehen Organisationen zusammenzubringen, um zu gucken, wie man ein Netzwerk aufbauen. Und das Dritte ist einfach Öffentlichkeit zu schaffen. Vielen ist es nicht bewusst, dass Menschen auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung fliehen müssen. Dazu wird es unter anderem eine Podiumsdiskussion geben. Ein vierter, versteckter Punkt ist sicher noch, dass die betroffenen LGBTIs aus ihrer Isolation heraus gerissen werden.

Zum Abschluss gibt es eine Pride-Parade, wie wird diese aussehen?

Fischer-Schröter : Sie soll den Abschluss darstellen, bei dem alle gemeinsam auf die Straße gehen. Starten wird sie am Neustädtischen Markt. Es geht dann einmal die Hauptstraße runter, dann nach links am Euthanasie-Denkmal vorbei und über die Bauhof- sowie die Steinstraße wieder zurück. Es wird Musik geben, auch ein paar Redebeiträge. Die sollen auf die politische Dimension aufmerksam machen, warum wir das Ganze überhaupt machen.

Von Norman Giese

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