Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
„Ich rate Flüchtingsfrauen zu Selbstbewusstsein“

Chefin der Berlin-Brandenburger Auslandgesellschaft „Ich rate Flüchtingsfrauen zu Selbstbewusstsein“

Annegret Kofke, gerade mit dem diesjährigen Frauenpreis der Stadt Brandenburg ausgezeichnet, kennt die Krisen der Welt. Seit 20 Jahren verhilft sie mit öffentlichen Fördermitteln Menschen aus aller Herren Ländern bei der Berlin-Brandenburgischen Auslandgesellschaft zu Deutschkursen. Dabei hat die BBAG, deren Chefin sie ist, selbst schwierige Zeiten hinter sich.

Voriger Artikel
Brandenburg: Kunst und Kirche verärgert
Nächster Artikel
Anton-Saefkow-Allee wird repariert

Annegret Kofke lenkt seit 1996 die Geschicke in der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft BBAG.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg/H. Annegret Kofke von der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft hat vor wenigen Tagen den diesjährigen Frauenpreis der Stadt Brandenburg erhalten. In einem Gespräch mit der MAZ zieht die 64-Jährige Bilanz ihrer Arbeit als Geschäftsführerin des gemeinnützigen Bildungsträgers, der Flüchtlingen Deutschkurse anbietet. Sie spricht über Menschen aus Krisenländern und überstandene Krisen ihres Vereins.

Frau Kofke, Sie haben den diesjährigen Frauenpreis der Stadt Brandenburg erhalten für Ihre Arbeit in der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft. Wo hängt der jetzt?

Annegret Kofke : An der Wand hinter meinem Schreibtisch. Es ist schon toll, den Frauenpreis 2016 bekommen zu haben. Aber ich fühle mich wie vorher.

Noch bis zum 19. März feiert Brandenburg die Frauenwoche. Welchen Rat haben Sie für Frauen aus Nordafrika, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen?

Kofke: Ich rate Flüchtlingsfrauen zu mehr Selbstbewusstsein. Die Frauen aus Syrien oder anderen nordafrikanischen Ländern lernen erst mit der Zeit, dass sie in Deutschland einen ganz anderen Stellenwert haben als in ihren Herkunftsländern. Wir haben dazu jetzt auch ein Projekt entwickelt.

Welches?

Kofke: Wir bilden Frauen zu Multiplikatoren aus, die auch andere Frauen unterstützen. Eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Dazu hatten wir jetzt auch einen Kurs in der Villa Fohrde.

Wie erleben sie die Flüchtlingsfrauen?

Kofke: Manchmal sitzen nur drei mit zwölf Männern in einem Kurs. Sie sind stiller, halten sich deutlich zurück. Einige von ihnen haben noch nie gearbeitet. Kürzlich hatten wir eine schwangere Frau unter den Teilnehmern. Die Männer waren sehr besorgt um sie. Es wuchs ein super Verhältnis untereinander, sehr respekt- und rücksichtsvoll. Die Frau zog den Kurs durch bis zur Geburt des Kindes. Jetzt macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau.

Seit 20 Jahren arbeiten Sie für die BBAG und haben sie mit aufgebaut. Was für Niederlagen haben Sie einstecken müssen?

Kofke : Ich würde von Misserfolgen sprechen. Wenn wir junge Menschen durch unsere Integrations- und Sprachkurse gerade fit gemacht haben für ein Leben in Deutschland und sie dann abgeschoben werden. Das sind teils Leute, die schon toll integriert sind. Wenn so etwas passiert, ist das ein Misserfolg für uns und über jeden ärgere ich mich.

Bei wie vielen im Jahr passiert das in etwa?

Kofke : Es kommt – Gott sei Dank – selten vor. Im vorigen Jahr waren es in drei Männer, von denen ich es genau weiß, dass sie abgeschoben worden sind.

Wie viele Kursteilnehmer hatte die BBAG im Laufe der 20 Jahre?

Kofke : Es ist leichter zu sagen, wie viele Kursteilnehmer wir derzeit haben. Wir bieten acht Deutschkurse an mit durchschnittlich 15 bis 16 Teilnehmern. Das sind schon 128 Männer und Frauen. Wir kümmern uns aber auch um die Ausbildung und Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Da sind weitere 55 Teilnehmer.

Könnten Sie dennoch die Zahl der Menschen in etwa schätzen, die seit 1996 in der BBAG einen Kurs mitmachten?

Kofke : Es waren Hunderte.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt die BBAG derzeit und wie viele waren es vor 20 Jahren?

Kofke : Wir haben zu dritt angefangen. Damals noch in dem Haus am Bermuda-Dreieck. Dann zogen wir in die Neuendorfer Straße und von dort ins Interkulturelle Zentrum Gertrud-von-Saldern am Gotthardtkirchplatz. Jetzt haben wir sieben festangestellte Mitarbeiter. Hinzu kommen sechs Männer und Frauen, die im Bundesfreiwilligendienst arbeiten, und 17 Honorarkräfte.

Zu Ihnen kommen Menschen aus den Krisengebieten der Welt. 2011 steckte die BBAG in der Havelstadt selbst in einer schweren Krise. Fast hätten sie das Interkulturelle Zentrum aufgeben müssen. Sie verloren auch die Aufgabe, arbeitslose Migranten zu betreuen. Von 23 Projekten blieben vier.

Kofke : Es war eine schwierige Zeit und unser Tiefpunkt. Das stimmt. Aber jetzt sind wir gefragter denn je. Es begann schleichend mit einem Anstieg der Flüchtlingszahlen vor fünf, sechs Jahren und ist jetzt natürlich ganz massiv. Wir erhalten Förderungen von Bund, Land und EU.

Woher kommen Ihre Schüler und wie schnell erlernen sie im Durchschnitt die deutsche Sprache?

Kofke : Aus aller Herren Länder. Wir sind ja ein Bildungsträger für Deutsch als Fremdsprache. Sie kommen unter anderem aus Kenia, Kamerun, Somalia, Syrien, Afghanistan und immer seltener aus Russland. Im Moment sind es Tschetschenen. Dazu bieten wir auch Abendkurse für Arabisch, Englisch und Spanisch an. Einige der Schüler sind Analphabeten, andere sind sehr gebildet und lernen schnell.

Die Herkunft ihrer Schüler spiegelt die weltpolitsche Lage wider, stimmt das?

Kofke : Sogesehen ja. Zunächst hatten wir hier viele Vietnamesen, die noch zu DDR-Zeiten nach Brandenburg gekommen waren.Die ehemaligen Vertragsarbeiter. Dann kamen im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 Bosnier, Serben, Albaner. Dann kamen die große Zuwanderung der jüdischen Kontigentflüchtlinge. Und jetzt sind es Menschen vor allem aus den Krisengebieten Iran, Irak, Syrienm, Afghanistan und einigen afrikanischen Ländern wie Eritrea. Wir dürfen aber auch die Osterweiterung der EU nicht vergessen. Bei uns lernen Polen, Ungarn, Tschechen und Bulgaren Deutsch. Es ist ein buntes Bild vieler Nationalitäten.

Sie erwähnten gerade die Villa Fohrde. Sie sind in Fohrde geboren. Fühlen Sie sich mittlerweile als Brandenburgerin?

Kofke : Fohrde ist meine Heimat, die ich nie verleugnen werde. Es ist schon eine freiere Welt dort auf dem Dorf, der Blick geht ins Weite. Ein Stadtmensch werde ich nie.

Annegret Kofke

Annegret Kofke hat ihre Arbeit bei der Berlin-Brandenburgischen Auslandgesellschaft BBAG 1996 begonnen. Die damals 44-Jährige hat die gemeinnützige Bildungseinrichtung mit aufgebaut. Die BBAG mit weiterem Sitz in Potsdam begann ihre Arbeit dort vor 25 Jahren.

Annegret Kofke ist Mutter zweiter Töchter. Ihre 31-jährige Tochter Janett Kofke arbeitet ebenfalls in der BBAG. Studiert hat Annegret Kofke Betriebswirtschaftslehre, Ingenieurpädagogik und Sozialmanagement in Potsdam und Berlin. In anderthalb Jahren möchte die heute 64-Jährige in den Ruhestand gehen, sich für den Verein dann aber ehrenamtlich engagieren.

Von Marion von Imhoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg/Havel

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg