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In Fohrde ist nun der Roggen reif

Mähdrescher kann kommen In Fohrde ist nun der Roggen reif

Nach der Gerste steht die Roggenernte an. Auch auf den Feldern des Fohrder Familienbetriebes Kraatz ist das Getreide reif. Die Mahd übernimmt ein Nachbarhof. Weizen, Hafer und Lupinen wachsen ebenfalls auf den Hängen des Gallberges.

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Heinz-Dieter Kraatz und Tochter Simone geben den Roggen zur Ernte frei.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Fohrde. Der Roggen liebt leichte und sandige Böden. So wie sie reichlich den Gallberg hinauf zu finden sind. Wo der Blick weit bis nach Fohrde und Hohenferchesar reicht, bewirtschaftet die Bauernfamilie Kraatz den größten Teil ihrer rund 70 Hektar großen Acker- und Grünlandfläche. Im Getreide stehen Altbauer Heinz-Dieter Kraatz (82) und seine Tochter Simone (36), eine promovierte Agrarwissenschaftlerin. Zwei Generationen in einem wogenden Meer voller gold-gelber Ähren. Ungefähr 40 Körner trägt eine Ähre. Rund zweieinhalb Quadratmeter Roggenfeld ergeben Mehl für ein Ein-Kilo-Brot. Altbauer Kraatz zerbeißt ein Korn zwischen seinen Zähnen. Tochter Simone nickt ihm zu: Es ist soweit. Der Mähdrescher kann kommen.

Auf den eigenen John Deere kletttert Heinz-Dieter Kraatz in seinem Alter nicht mehr. Der Mähdrescher ist eingemottet auf dem Vierseithof der Familie in der Hauptstraße. Die Erntetechnik rollt vom Nachbarhof heran, der auch die Düngung übernimmt. Weizen, Hafer und Lupinen wachsen ebenfalls östlich der Fohrder Ortslage. Ihr Heu machen die Wiesenbesitzer selbst. Es ist Futter für fünf Pferde, der andere Teil wird verkauft.

Ackern auf eigenem Land

Im Gegensatz zu anderen Dörfern im Altkreis Brandenburg kam es in Fohrde und Pritzerbe mit der Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nicht zur Gründung von Nachfolgebetrieben. Dafür nahmen einige Bauern ihr einst eingebrachtes Land als Wiedereinrichter unter den eigenen Pflug.

Die Wiedereinrichtung war sowohl im Haupterwerb als auch im Nebenerwerb möglich. Grundlage für die Wiedereinrichtung landwirtschaftlicher Betriebe war das Landwirtschaftsanpassungsgesetz, das noch im Juni 1990 von der frei gewählten Volkskammer beschlossen wurde.

Trotz aller Wetterkapriolen ist 2016 bis jetzt kein schlechtes Jahr. Was die Ernte am Ende einbringt steht auf einem anderen Blatt. „Es wird immer schwieriger mit der Landwirtschaft Geld zu verdienen“, weiß Simone Kraatz. Die zwei Dutzend Milchrinder wurden 2005 abgeschafft. Auch von den Mutterkühen hat man sich getrennt. Neben den Pferden gehören nur noch ein paar Hühner für die eigenen Frühstückseier zum Tierbestand. Die Übernahme des elterlichen Hofes gehört derzeit nicht zur aktuellen Lebensplanung von Mittelmarks Erntekönigin 2004. Vielleicht einmal im Nebenerwerb.

Bei aller Liebe zur praktischen Landwirtschaft hängt das Herz der jungen Fohrderin mit Auslandserfahrung an Forschung und Wissenschaft. Als Gastdozentin an der Berliner Humboldt-Uni hält sie vor Studenten Vorlesungen über Tierhaltung, Tierwohl und Tierschutz. Themen, die gerade im öffentlichen Fokus stehen. „Nachhaltige Landwirtschaft wird immer wichtiger. Mein Wissen darüber möchte ich gerne weitergeben. Außerdem habe ich Spaß an internationaler Arbeit“, sagt Simone Kraatz, die wenig vom jüngsten Volksbegehren gegen Massentierhaltung hält: „Ein Schlagwort, das nichts über die tatsächlichen Haltungsbedingungen in den Betrieben aussagt. 500 Kühe können sich in modernen Ställen ebenso wohl fühlen, wie 50“, ist die Agrarwissenschaftlerin überzeugt.

Als Mutter eines zweijährigen Sohnes findet Simone Kraatz immer noch Zeit für ein ehrenamtliches Engagement. Seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie in der Kommunalpolitik aktiv. Erst in der Fohrder Gemeindevertretung, später im Ortsbeirat, inzwischen in der Stadtverordnetenversammlung von Havelsee, wo sie den Ausschuss für Natur, Umwelt, Verkehr und Tourismus leitet. „Mir ist es wichtig mitentscheiden zu können, was in meiner Heimat passiert“, sagt Simone Kraatz. Die sieht sie nicht nur in Fohrde. Seit der Gemeindereform 2002 denkt sie in Havelsee-Dimensionen. „Ein Ortsteil allein kann nicht viel ausrichten“, weiß die Agrar-Expertin, die auch Mitglied im städtischen Finanzausschuss ist.

Den Familienbetrieb haben nach der Wende und dem Ende der LPG-Zeit Vater Heinz-Dieter und Mutter Christa als Wiedereinrichter eröffnet. Bereut hätten sie den Neuanfang nie, meint Heinz-Dieter Kraatz, der sich viele Jahre um die LPG-Kühe auf seinem Hof gekümmert hat. Die Hofstelle der Familie lässt sich bis in das 17. Jahrhundert nachweisen. Neben der Familie Kraatz sind es bis heute die Familien Schuhmacher und Vogeler, die mit ihren Feldern und Wiesen die Landwirtschaft rund um Fohrde prägen.

Wie der ehemalige Ortschronist Willi Blasek in seiner Dorfgeschichte berichtet, gab es 1939 einen landwirtschaftlichen Betrieb mit über 100 Hektar, sieben Landwirtschaften mit 20 bis 100 Hektar und ein halbes Dutzend Kleinbauern mit bis zu 20 Hektar Land. Eine Zäsur brachte auch in Fohrde die Bodenreform. So wurden 1948 über 220 Hektar Bodenreformland auf 33 neue Eigentümer verteilt. 1953 schlossen sich die ersten sieben Bauern zur LPG „August Bebel“ zusammen. 1990 kam das Aus. Zur Gründung eines Nachfolgeunternehmens kam es nicht. Ihren Roggen konnte Familie Kraatz wieder für sich behalten.

Von Frank Bürstenbinder

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