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Brandenburg/Havel "In der Welt nie heimisch geworden“
Lokales Brandenburg/Havel "In der Welt nie heimisch geworden“
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14:03 05.05.2015
Peter Bieri hat unter dem Pseudonym „Pascal Mercier“ den Weltbestseller „Nachtzug nach Lissabon“ geschrieben. Quelle: privat

MAZ: Professor Bieri, Sie lesen am Freitag im Brandenburger Dom aus Ihrem Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Brauchen Sie Bücher, um in der Welt heimisch zu werden?
Peter Bieri: Bücher sind mir wichtig, weil sie ein Mittel sind, die laute und geschwätzige Welt zu verlassen und zu sich selbst zu finden. Dadurch in der Welt heimisch werden? Das bin ich nie geworden.

Schreiben Sie als Philosoph Romane auch, um neu verstanden zu werden, mit dem, was Sie über Leben und Tod denken?
Bieri: Nein, die Romane sind vor allem da, um meine Phantasie zur Sprache zu bringen und poetische Formen des Ausdrucks zu finden.

Mit welchen inhaltlichen Themen beschäftigen Sie sich?
Bieri: Meine Themen sind immer wieder Sprache und Identität, Erinnerung und überhaupt Zeiterfahrung, Intimität und der Blick der anderen.

Wie muss ein Buch geschrieben sein, um Sie zu fesseln?
Bieri: Am meisten fesseln mich Bücher, die sowohl poetisch dicht als auch gedanklich reflektiert sind.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie in einer Buchhandlung lesen oder im Brandenburger Dom?
Bieri: Es ist ein großer atmosphärischer Unterschied und doch im Prinzip dasselbe: seine Worte und Gedanken teilen.

Wird die Wirkung eines Buches beeinflusst vom Ort und der Situation, in der sich der Leser befindet?
Bieri: Bei einem Sachbuch ist das nicht so, wohl aber bei einem Roman. Weil bei der Lektüre eines Romans alles an der lesenden Person zum Klingen gebracht wird – also auch die Situation.

Im „Nachtzug nach Lissabon“ hält der Arzt und Widerstandkämpfer Amadeu de Prado eine Rede, die beginnt: „Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.“ Die Menschen in Brandenburg leben seit 850 Jahren mit dem Dom. Wofür brauchen Menschen heute diesen Dom?
Bieri: Um in der Hektik und dem Lärm des Lebens innehalten und sich darauf besinnen zu können, was wichtig ist.

Was spricht Sie bei Kathedralen persönlich an?
Bieri: Die Größe des Raums und die Stille. Es ist die Schönheit der Architektur, verbunden mit dem Gedanken an die Hingabe, die nötig war, um so etwas Großes zustande zu bringen.

Auf was möchten Sie in Ihrer Welt nicht verzichten?
Bieri: Gedankliche Klarheit und Poesie, Selbsterkenntnis und die Fähigkeit, das Leben mit anderen zu teilen.

Die Rede von de Prado zitieren viele Pfarrerinnen und Pfarrer in ihren Predigten. Wie geht es Ihnen damit?
Bieri: Gut. Aber es ist wichtig, auch Prados rebellische Äußerungen nicht zu verschweigen.

„Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdischen Tönen“, trägt de Prado vor. Der Dom hat eine wunderbare Wagner-Orgel. Von welcher Musik, an welchen Orten lassen Sie sich einnehmen?
Bieri: Kirchen, Konzertsäle, Opernhäuser: Immer kommt es darauf an, dass die Musik in ihrer poetischen Dichte zum Klingen gebracht wird, ob sie sakral oder weltlich ist. Ich höre immer noch vor allem Bach, Mozart und Schubert.

Die Veranstaltung

Am Freitag, 8. Mai, liest um 19.30 Uhr Peter Bieri aus seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“.
Peter Bieri hat den Bestseller unter dem Pseudonym Pascal Mercier verfasst. Der Roman um einen Berner Altsprachenlehrer, der eines Tages aus dem eingefahrenen Trott ausbricht und sich auf eine abenteuerliche Sinnsuche begibt, wurde weltweit zu einem der meistverkauften Bücher eines Schweizer Autors.
Auf den Bestsellerlisten stand er sowohl mit Belletristik als auch Sachbüchern.
Moderiert wird die Lesung von Kerstin Gäfgen-Track, Oberlandeskirchenrätin aus Hannover. Sie ist Mitglied des Brandenburger Domkapitels.

Ihre Romane haben einen besonderen Rhythmus, man liest ihn mit. Kommt es sowohl bei der Matthäus Passion wie beim „Nachtzug“ darauf an, Musik bzw. Rhythmus und Text zusammen zu „hören“, um zu verstehen?
Bieri: Es gehört beides zusammen: was der Text sagt und wie er es sagt. Literarische, poetische Texte sind solche, die einen Teil des Inhalts durch die Form ausdrücken. Wenn, wie in der Matthäus-Passion, Musik im eigentlichen Sinne dazu kommt, gibt es drei Dimensionen: die Töne, den Inhalt des Texts und die Wortmusik des Texts.

In Ihrem Roman rettet der Arzt das Leben des Diktators. Für den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der in der Krypta des Domes erwähnt ist, kann ethisch auch schuldhaftes Handeln wie der Tyrannenmord verantwortet werden. Was sagen Sie als Moralphilosoph dazu?
Bieri: Der Kern aller Moral ist für mich Kampf gegen Grausamkeit. Der Tyrannenmord ist ein Akt in diesem Kampf. Ich sehe da nichts, was schuldhaft wäre.

Ist die Feindesliebe auch in Ihren Augen „absurd“? Sollten Pfarrer dies besser nicht von der Kanzel verkündigen?
Bieri: Das möchte ich natürlich niemandem vorschreiben. Aber Prados Herausforderung gilt: Bedeutet das nicht Unwahrhaftigkeit und Selbstverleugnung? Ist es ein stimmiger Vorschlag – gedanklich wie emotional? Muss es für jemanden, der bis an die Grenze unter seinen Peinigern gelitten hat, nicht wie Hohn klingen? Es mag Menschen geben, denen dieser innere Weg möglich ist. Aber alle?

Verändert schon die gedankliche Zumutung, den nächsten so zu lieben wie sich selbst, das Handeln von Menschen?
Bieri: „Den Nächsten so lieben wie sich selbst“: Ich halte das für eine unglückliche und unverständliche Redensart – auch wenn es eine biblische ist. Man tut etwas ganz anderes – vom Verhalten, aber auch vom Denken und Empfinden her –, ob man einen anderen liebt oder sich selbst.

Welche Rolle spielt für Sie die Toleranz gerade in religiösen und weltanschaulichen Fragen?
Bieri: Toleranz ist ein sehr hohes Gut. Es gehört zu einem gebildeten Menschen und einer reifen Persönlichkeit, dass sie weiß, wie unterschiedlich die Art und Weise sein kann, in der Menschen ihr Leben leben und über dieses Leben denken. Dazu gehört die Achtung dieser Verschiedenheit gegenüber. Die Toleranz hört dort auf, wo die Grausamkeit beginnt. Kulturelle Verschiedenheit zu respektieren, kann nicht heißen, Unterdrückung und Grausamkeit zu tolerieren. In einigen Fällen mag Grausamkeit kulturell relativ erscheinen. Aber es gibt viele ganz klare Fälle, wo man das nicht so sehen kann. Dort hört Toleranz auf.

Die mittelalterliche Kunst im Dom steht für die Hoffnung, damit etwas für sein himmlisches Seelenheil und die Ewigkeit zu tun. In Ihrem Roman steht dagegen: „Wer möchte im Ernst unsterblich sein?“ Was bedeutet es für Sie, das Leben im Angesicht des Todes zu leben?
Bieri: Der Gedanke an Endlichkeit und Tod hat mit dem Bewusstsein zu tun: Vergiss über allem nicht, was für dich wirklich wichtig ist. Dieses Bewusstsein ist eine Form der Lebendigkeit.

Ist der Gedanke einer unsterblichen Seele heute anders als im Mittelalter völlig überflüssig? Oder gibt es im modernen Denken noch Platz für die Unendlichkeit?
Bieri: Die Seele als das Zentrum des Erlebens in einem Menschen hängt von den Funktionen seines Gehirns ab. Wenn diese Funktionen erlöschen, erlischt das Erleben. Was wir empirisch darüber wissen, belegt das. Deshalb weiß ich nicht, ob wir den Gedanken einer unsterblichen Seele heute noch verstehen.

Ein Roman lebt von der Endlichkeit: ist das gut so oder wäre das Schreiben einer unendlichen Geschichte eine Verlockung für Sie?
Bieri: Eine unendliche Geschichte könnte keine Form haben, und die Form einer Geschichte ist das Wichtigste. Die Geschichte eröffnen und sie zu Ende bringen: Es sind einfach zwei ganz unterschiedliche Prozesse, auf ganz unterschiedliche Weise schwierig, aber es geht in beiden Fällen darum zu erfahren, wer ich bin.

In Ihrem Buch steigt Raimund Greogorius plötzlich aus seinem bisherigen Leben aus. Möchten Sie Menschen verlocken, gewohnte Bahnen zu verlassen? Haben Sie ein Faible für Aussteiger?
Bieri: Das Buch verfolgt keinerlei pädagogische Absicht. Aber es ist ein Buch über Freiheit und Phantasie – und für diese beiden Dinge habe ich in der Tat ein Faible.

Welche Rolle sollten Philosophen in Wissenschaft und Gesellschaft zukünftig spielen?
Bieri: Die Rolle, die sie immer spielen: über die zentralen Fragen des menschlichen Lebens nachdenken und dabei Maßstäbe an gedanklicher Transparenz setzen.

Schreiben Sie zur Zeit an einem neuen Roman?
Bieri: Ich schreibe immer an irgend einer Erzählung, das ist eine Art zu leben.

Brandenburg ist nicht Lissabon, aber wissen Sie bereits, was Sie sich vor Ihrer Lesung hier anschauen möchten?
Bieri: Ich werde mich einfach treiben lassen.

Interview: Kerstin Gäfgen-Track

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