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Industriemuseum in Geldnot

Wichtige Kultureinrichtung in Brandenburg an der Havel kann sich nicht entwickeln Industriemuseum in Geldnot

Das Brandenburger Industriemuseum mit jährlich rund 15 000 Besuchern steht wegen massiver Geldsorgen vor einer möglichen Zäsur. Marius Krohn, seit Januar Chef der Kultureinrichtung, warnt vor einem Sterben des Museums. Nötig seien mindestens 20 000 Euro zusätzlich pro Jahr an Zuschüssen. Der 35-jährige Historiker findet drastische Worte.

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Museumschef Marius Krohn kann trotz seiner großen Sorgen um die Kulturstätte im Industriedenkmal auch manchmal noch lachen.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg/H. Das Brandenburger Industriemuseum mit jährlich rund 15 000 Besuchern steht wegen massiver Geldsorgen vor einer möglichen Zäsur. Marius Krohn, der seit Januar die Kultureinrichtung leitet, findet drastische Worte. Er warnt davor, „dass das Museum langsam stirbt“. Nötig seien mindestens 20 000 Euro zusätzlich pro Jahr an Zuschüssen.

Jährlich erhält das Industriemuseum 112 500 Euro von der Stadt und 80 000 Euro vom Land. Da die Stadt Brandenburg noch keinen vom Land genehmigten Haushalt hat, kann sie laut Sozialbeigeordneten Wolfgang Erlebach (Linke) einen höheren Zuschuss noch nicht zahlen. Das Geld im Museum ist knapp. „Wir sind in Schwierigkeiten geraten“, so Krohn. „Wir müssen im Dezember unsere allerletzten Reserven aufbrauchen, um zu überstehen. Ich hoffe, dass wir im Januar die Anschlussfinanzierung bekommen, sonst müssen wir herumreisen und betteln gehen“, so Krohn. Gegenüber der MAZ sagte Krohn weiter: „Es wird zunehmend schwierig, das Museum auf seinem jetzigen Stand zu halten, geschweige denn, es weiter zu entwickeln. Es besteht die Gefahr, dass man seinen Ruf ruiniert und ein Museumszombie am Leben hält.“ Zwar sehe er selbst seine berufliche Zukunft in seiner jetzigen Position als Chef des Industriemuseums. „Aber einige Mitarbeiter sind nicht weit vom Rentenalter entfernt und ich selbst noch am Anfang meiner Berufslaufbahn.“ In diesen Worten deutet sich an, dass Krohn auch ein Ende des Museums nicht für unmöglich hält angesichts der Probleme. Es sei aber keine Lösung, das Industriemuseum über die besucherschwachen Wintermonate zu schließen. „So kann man mit den Leuten auch nicht umgehen.“

Die Buga brachte dem Industriemuseum ein Minus von 1500 Besuchern

Während der kalten Monate hat das Museum ein Drittel weniger Besucher als im übrigen Jahr. Doch auch die Bundesgartenschau brachte ein Minus von 1500 Besuchern. Die nächsten beiden Jahre würden über die Zukunft des Industriemuseums entscheiden, so Krohn. Schon 2016 sei dabei wichtig, weil ein neuer Vereinsvorstand gewählt werden müsse. Der Verein betreibt die Kulturstätte.

„Wir wissen, wie schwierig die Lage des Museums ist“, sagt Kulturbeigeordneter Wolfgang Erlebach (Die Linke). Aber ihm seien die Hände gebunden. Der neue Haushalt sehe zwar eine höhere städtische Bezuschussung von 140 000 Euro für das Museum vor. Doch wann das Geld fließe, sei offen angesichts der Haushaltslage.

Keine „Stahlwerker-Traditionsstube“

Museumschef Krohn hört nicht selten die Frage, wie lange es das Museum noch geben solle. Dann winkt er ab: „Nach oben gibt es keine Grenze.“ So wie es das Museum vor 2o Jahren schon gegeben habe, so könne es auch noch lange bestehen bleiben. Aber dafür müsse es sich weiterentwickeln – auch in Richtung moderner Museumspädagogik. Das Industriemuseum sei „keine Stahlwerker-Traditionsstube“, also keine Begegnungsstätte für frühere Arbeiter, sondern ein wissenschaftlich bedeutender Ort Industriegeschichte. Mehr und mehr stehe auch die politische Bewertung und die wirtschaftliche Lage des einstigen Stahlwerks im Interesse der Besucher.

„Der Schwerpunkt hat sich verschoben. Gerade junge Besucher fragen, wie hat sich das Stahlwerk eingefügt in die Stadt, was hat die Stasi hier gemacht, welchen Einfluss hat die SED genommen“. Der Wandel von der Diktatur zur Demokratie, von der Plan- zur Marktwirtschaft – das seien die Fragen jüngerer Besucher. Auch die Rolle der Treuhand „ist noch ein Riesenthema“. Es sei nötig, zu forschen, wie sich das VEB-Kombinat in der Währungs- und Sozialunion 1990 gewandelt habe.

Das Ziel ist ein modernes Museum

Ein Drittel der Besucher kommt aus ganz Deutschland, ein Drittel aus Berlin und die übrigen aus der Stadt Brandenburg. Gerade frühere Stahlwerker gehen mit ihren Enkeln ins Industriemuseum, um diesen die Technik von einst zu zeigen. „Einem Drittel der Besucher aber ist egal, dass hier ein Siemens-Martin-Ofen steht. Für sie ist die Besichtigung eines früheren DDR-Betriebes interessant“, so Krohn. Auch viele Schüler strömen in das einstige Stahlwerk, in dem früher 9000 Menschen malochten. Wenn Krohn fragt, wessen Großvater oder Vater Stahlwerker gewesen sei, „meldet sich die Hälfte der Klasse“. Doch Krohn warnt: „Wir möchten hier keine Gedenkstätte sein.“ Vielmehr gelte es, ein modernes Museum zu entwickeln.

Das Museum im früheren DDR-Stahlwerk

Das Stahl- und Walzwerk Brandenburg war der größte Rohstahl-Produzent der DDR. 9000 Arbeiter und Angestellte waren dort beschäftigt. Noch bis 1989 wurden Wohnblöcke in der Stadt eigens für die Stahlwerker gebaut. Selbst die Straßenbahn richtete sich mit ihrem Fahrplan nach den Schichtzeiten der Arbeiter.

1990 wurde der volkseigene Betrieb in eine GmbH, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt. Am 13. Dezember wurde letztmals Stahl abgestochen. Es folgten Massenentlassungen.

Das Museum entstand zunächst als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Tausende Bilder und Gegenstände aus dem Werk archivierten 24 frühere Stahlwerker. 1994 gründete sich ein Förderverein, der das Museum heute betreibt. Die Kultureinrichtung im früheren Stahlwerk, das als Industriedenkmal eingestuft wurde, dokumentiert auf 4000 Quadratmetern die mehr als 100-jährige Geschichte des Stahlstandortes Brandenburg.

Im Industriemuseum arbeiten derzeit sechs Männer und Frauen als Festangestellte, davon zwei auf vollen Stellen. Es gibt zudem sechs geringfügig Beschäftigte und eine pensionierte Lehrerin als Honorarkraft. Für einzelne Projekte werden weitere Honorarkräfte kurzzeitig angeheuert.

Von Marion von Imhoff

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