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Jäger: Wölfe sind für Kinder gefährlich

Warnschild in Krahne Jäger: Wölfe sind für Kinder gefährlich

Ein amtlich wirkendes Schild warnt in Krahne (Potsdam-Mittelmark) vor Wölfen. Kinder sollten beaufsichtigt und Hunde dort angeleint sein, heißt es darauf. Und: „Achtung! Wolf-Streifgebiet.“ Aufgehängt hat das Schild Jagdpächter Michael Ullerich. Der Landkreis Potsdam-Mittelmark reagiert entsetzt.

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Das Warnschild vor Wölfen hängt am Ortsrand von Krahne (Potsdam-Mittelmark) an einer Planebrücke.

Quelle: Marion von Imhoff

Krahne. Ein im Land Brandenburg bisher wohl noch nie gesehenes Schild sorgt in Krahne für Aufregung: „Achtung! Wolf-Streifgebiet“, heißt es darauf. Hunde sollten angeleint und Kinder beaufsichtigt werden. „Es ist doch natürlich gefährlich für Kinder, wenn dort eine Fähe mit Wolfswelpen läuft“, sagt Michael Ullerich, der das Schild anfertigen ließ und an der Mühlstückenbrücke am Krahnes Ortsrand aufgehängt hat. Auch weitere ließ er anbringen. Immerhin gebe es in seinem Jagdrevier Wölfe.„Das Kind denkt dann, das seien junge Hunde und will sie streicheln. Dann kommt das Muttertier und beißt das Kind oder tötet es“, sagt der Brandenburger, der seit 1978 Jäger und in Krahne Jagdpächter ist. Er wolle die Bevölkerung auf die Gefahr hinweisen. „Ein Wolf ist ein Raub- und kein Kuscheltier.“

Dem Landesjagdverband Brandenburg ist ein solcher fast amtlich anmutender Warnhinweis völlig unbekannt: „Ich kenne kein solches Schild“, sagt Pressesprecher Tino Erstling. „Aber am Inhalt ist nichts falsch.“ Man sollte nicht sagen, dass Kinder keiner Gefahr ausgesetzt seien durch Wölfe, so Erstling. Einem Waldkindergarten hätte sich ein Wolf interessiert genähert. „Ein Wolf macht die Beute, die er überwältigen kann. Und ein Wolf, der 40 Kilo wiegen kann, hat die Kraft, ein Kind zu überwältigen.“ Immerhin seien schon Kälber gerissen worden, die mehr als 100 Kilo gewogen hätten.

Landesregierung: Kein Angriff auf Menschen bekannt

„Mir ist kein Angriff von Wölfen auf den Menschen bekannt“, sagt Jens-Uwe Schade, Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Potsdam. „Auch in den letzten Jahrzehnten nicht. Wir haben Konflikte mit dem Wolf, aber Alarmismus bringt uns nicht weiter.“ Es gelte konstruktive Vorschläge zu machen, wie man Schäfern und Weidetierhaltern helfen könne. Schade betont: „Kinder sind durch Wölf nicht in Gefahr. Der Wolf ist scheu, das heißt aber nicht, dass man nicht als Jäger mal einen Wolf am Hochsitz vorbeistreifen sieht.“

Zwischen 2007 und 2015 wurden landesweit jährlich durchschnittlich 50 bis 60 Schafe von Wölfen getötet. Bisher wurden 103 Fälle von Angriffen auf Kälber gemeldet. Nur bei jedem vierten Fall davon war es tatsächlich ein Wolf, der das Tier gerissen hat. Das sind die Zahlen des Landesumweltamtes. In diesem Jahr erbeuteten die Wölfe nach der ständig aktualisierten Statistik der Behörde 85 Schafe, zwölf Stück Damwild und 13 Rinder.

Ministerium: Schild hilft niemandem

Der Landkreis indes reagiert entsetzt. „Das klingt ja nach Rotkäppchen“, sagt Andrea Metzler, Sprecherin der Kreisverwaltung Potsdam-Mittelmark. „Das ist ja völliger Unsinn! Der Wolf ist viel zu scheu, um sich Menschen zu näheren.“ Ähnlich äußert sich auch Hans-Joachim Wersin-Sielaff, Sprecher des brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums. „Solche Schilder kann man ignorieren. In Sachsen sind bisher mehrere davon aufgetaucht, im Land Brandenburg ist mir bisher kein solcher Fall bekannt.“ Es seien keine offiziellen Schilder. „Meist sind es irgendwelche Scharlatane, die Ängste schüren wollen. Damit ist niemandem geholfen. Ich finde sowas völlig unnötig. Es hilft niemandem“, sagt Wersin-Sielaff.

Karl-Heinz Hohmann ist Mitglied im Präsidium des Landesjagdverbandes

Karl-Heinz Hohmann ist Mitglied im Präsidium des Landesjagdverbandes. Er verteidigt das Schild, dass ein Jagdpächter in Krahne aufgestellt hat.

Quelle: Landesjagdverband Brandenburg

Seitens eines Mitarbeiters des Landesumweltamtes ist privat nach eigenen Angaben bereits Anzeige beim zuständigen Ordnungsamt der Gemeinde Kloster Lehnin eingegangen, dass das Schild eine Ordnungswidrigkeit sei. Berthold Satzky, Vize-Bürgermeister von Kloster Lehnin, sagt dazu: „Eine solche Anzeige ist mir nicht bekannt. Ich halte es für keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, wenn Eltern und Hundehalter durch das Schild auf das Vorhandensein von Wölfen hingewiesen werden.“

Karl-Heinz Hohmann stimmt dem zu: „Ich bin sehr dafür, die Bevölkerung über die Entwicklung der Wolfspopulation aufzuklären, sagt der Vorsitzende des Jagdverbandes Brandenburg, der auch Mitglied im Präsidium des Landesjagdverbandes ist. Hohmann bejagt Ullerichs Nachbarrevier in Reckahn. Auch er habe dort Wölfe gesehen, berichtet Hohmann der MAZ. Erst kürzlich hätten zwei bei der Jagdhütte in Meßdunk ohne Scheu Traktoren bei der Erntearbeit beobachtet. „Das ist ein abnormes Verhalten“, so Hohmann.

Jäger warnen vor Wolfspopulation

„Die Wolfsbefürworter sagen, das Tier sei keine Gefahr für den Menschen. Ich hoffe, dass kein Mensch und erst recht kein Kind zu Schaden kommt, aber man muss auch sagen, dass wir es hier mit dem größten wilden Raubtier in Deutschland zu tun haben.“ Die Wolfspopulation explodiere im Verhältnis eins zu sechs. „In ein, zwei Jahren haben wir einen Zustand, dass Politikern die Haare zu Berge stehen.“, sagt Hohmann. „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Panik verbreiten, aber wir müssen auch sagen, dass wir diese Erfahrung, dass der Wolf Menschen angreift, nicht machen wollen.“ Erst dann aber würde die Gesellschaft wachgerüttelt.

Ein Wolf durchstreife ein Gelände von 60 Kilometern und nachts etwa auch Ortschaften. Wölfe bewegten sich vom Fläming bis zur Autobahn 2. „Die Autobahn sei die natürliche Grenze.“ Es sei richtig, auch Spaziergänger mit Hunden zu warnen. Hunde seien schon von Wölfen angefallen worden.

Ortsvorsteher kann mit dem Schild gut leben

Krahnes Ortsvorsteher Reinhard Siegel weiß, dass das Schild für Gesprächsstoff in dem 522-Einwohner-Dorf sorgt. Er selbst sieht es gelassen: „Das Schild ist okay.“ Es sei ja lediglich ein Hinweis: „Man sagt eigentlich nicht, dass Wölfe gefährlich seien für Menschen. Aber auf die Tiere hinzuweisen, ist nicht verkehrt.“

Thomas Vogt, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Thomas Müntzer in Krahne, ist wenig erfreut über die Nachricht, dass jetzt auch nahe seines Betriebsgeländes Wölfe gesichtet worden sind. „Ich kann nur unterstützen, dass es ein solches Schild jetzt gibt. Kinder können natürlich nicht angeleint, aber beaufsichtigt werden. Es ist generell eine schwierige Sache mit dem Thema Wolf. Aber es ist doch klar, dass Kinder in Gefahr sind, sollte ihnen ein Wolf begegnen. Man weiß doch nie, wie das Tier reagiert.“ Vogt stimmt mit Ullerich überein, „dass Hunde dort jetzt anzuleinen und Kinder unter Beobachtung zu stellen sind.“ Er selbst fürchtet jetzt um die Kälber. „Wir haben trächtige Muttertiere.“

Von Marion von Imhoff

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