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Jugendamt: Kinder zu schnell in Obhut?

Untersuchung der Stadt Brandenburg Jugendamt: Kinder zu schnell in Obhut?

Nirgendwo sonst im Land werden so viele Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen wie in Brandenburg an der Havel. Die Zahl schwankt zwischen 95 und 119 im Jahr. Jetzt lässt die Behörde wissenschaftlich untersuchen, ob es Eltern zu schnell die Kinder wegnimmt.

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Das Jugendamt in Brandenburg an der Havel nimmt die Kinder schnell in Obhut – zu schnell?

Quelle: dpa-Zentralbild

Brandenburg/H. Nimmt das Jugendamt der Stadt Brandenburg Eltern zu häufig die Kinder weg, weil sich diese in angeblicher Gefahr befinden? Fest steht nach Angaben von Ina Lübke, dass sich die Zahl der so genannten Inobhutnahmen in Brandenburg an der Havel deutlich von denen in den anderen kreisfreien Städten unterscheidet. Nirgendwo sonst im Land Brandenburg werden so viele Kinder aus verwahrlosten Haushalten geholt oder aus anderen Gründen den Eltern entzogen. 2014 waren es 95 Jungen und Mädchen in Brandenburg, 56 in Cottbus, in Frankfurt (Oder) 34 und 84 Kinder und Jugendliche in Potsdam. Das teilte Florian Engels, Sprecher des brandenburgischen Ministeriums für Jugend und Bildung, mit.

Ina Lübke

Ina Lübke

Quelle: MAZ

Vom 1. Januar bis zum 31. Oktober brachten Mitarbeiter des Brandenburger Jugendamtes bereits 92 vernachlässigte Jungen und Mädchen in den Kinder- und Jugendnotdienst oder in Kurzzeitpflege. Das sind fast jetzt schon ebenso viele wie im ganzen vorigen Jahr. Im Durchschnitt bleiben die Kinder rund drei Wochen im Notdienst. Die meisten Kinder kommen wieder zu den Eltern zurück. Kerstin Schöbe, Fachbereichsleiterin für Jugend, Soziales und Gesundheit, sagt: „Wir sind eine Stadt mit einer hohen Sozialbelastung. Aber wir wollen selbstkritisch eine externe wissenschaftliche Untersuchung, ob wir nicht zu schnell Kinder in Obhut nehmen.“ Auch eine Trennung der Kinder von ihren Eltern könne zu einer Traumatisierung der Kinder führen. Beauftragt ist damit die Start GmbH in Hennigsdorf. Die Untersuchung finanziert das Land.

Ein Sozialarbeiter könnte in der Elternwohnung dem Kind helfen

Eine Alternative zur Trennung von den Eltern wäre, den Familien in verwahrlosten Haushalten sofort einen Sozialarbeiter an die Seite zu stellen. Der könne dann die Eltern unterstützen, die Wohnung wieder bewohnbar zu machen, ohne dass das Kind in den Kinder- und Jugendnotdienst müsste. Es ist eine Gratwanderung.

Ina Lübke schildert diesen Fall: Ein Nachbar hört fortwährend Kinderweinen aus einer Wohnung und alarmiert das Jugendamt. Eine Jugendamtsmitarbeiterin und eine Sozialarbeiterin des Jugendnotdienstes eilen dorthin. Es gilt das Vier-Augen-Prinzip. Sie prüfen, ob das seelische oder körperliche Wohl des Kindes unmittelbar in Gefahr ist.

Dreckige und verschimmelte Babykleidung

In der Wohnung sind zwei Kinder im Alter von einem und vier Jahren und spielen in einem Bett. Die Mutter ist zuhause. Es gibt nirgends saubere Kleidung. Dreckige Wäsche gammelt wegen ihres Gestanks auf dem Balkon vor sich hin, andere ist verschimmelt, weil sie in der Waschmaschine vergessen wurde.

„Solche Fälle haben wir viele“, sagt Lübke. Einen Säugling würde man sofort in eine Kurzzeitpflegestelle bringen und die Eltern anleiten, die Wohnung wieder in Schuss zu bringen und kindgerecht auszustatten. Bei einem älteren Kind aber könnte ein Sozialarbeiter dies tun, während das Kind zuhause bleiben kann. Anderes gilt, wenn die Wohnung nicht beheizt oder die Stromversorgung wegen offener Rechnungen gekappt ist.

Jugendamtsmitarbeiter klingeln ohne Ankündigung

Die Familien würden auch später vom Jugendamt betreut, bekämen unangemeldete Besuche, um zu überprüfen, dass die Wohnung dem Kindeswohl entspricht. Nach einiger Zeit werde die Hilfsform überprüft.

Seit 2011 steigt in der Havelstadt die Zahl der Kinder, die in Heimen und Wohngruppen leben, weil ihre Eltern bei der Sorge um ihre Kinder versagen. Waren es 2011 noch 139 Jungen und Mädchen, sind es allein seit Jahresbeginn bis zum 31. Oktober 2015 schon 167. Auch die Gesamtzahl der sozialpädagogischen Familienhilfe ist binnen fünf Jahren um zwölf Prozent auf 172 Fälle gestiegen.

Von Marion von Imhoff

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