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Jugendamt verweigert Lerntherapie für Schülerin

Brandenburg an der Havel Jugendamt verweigert Lerntherapie für Schülerin

Eine 15-Jährige hat trotz Lernbehinderungen Chancen die 10. Klasse zu schaffen – wenn sie professionelle Unterstützung erhält. Diese Lerntherapie gab es, als die Familie Hartz IV bekam. Das Jobcenter bewilligte entsprechende Anträge. Jetzt ist das Jugendamt zuständig und die Hilfe wurde nicht genehmigt. Dagegen klagte die Familie. Auch der Richter konnte es kaum glauben.

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Auch wenn sie nicht gewonnen haben, strahlen Melanie und Diana Unkert nach der Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Potsdam.

Quelle: Jürgen Lauterbach

Brandenburg an der Havel. Melanie Unkert (15) hat Chancen, trotz Lernbehinderungen die 10. Klasse zu schaffen und eine Lehrstelle zu bekommen. Den rechtlichen Kampf um die vom Jugendamt geförderte Lerntherapie hat die Schülerin bisher nicht gewonnen. Fördergeld ist zuletzt nur geflossen, als ihre Familie kurzzeitig in Hartz IV abgerutscht war. Das Verwaltungsgericht Potsdam weist auf Versäumnisse beim Jugendamt hin.

Schwächen im System

Auch wenn Diana Unkert und ihre Tochter Melanie den ersten von aktuell vier Rechtsstreite mit der Stadtverwaltung in dieser Woche vor dem Verwaltungsgericht Potsdam nicht gewonnen haben, sind sie mit dem Prozessverlauf zufrieden. „Nach vielen Jahren hat sich endlich jemand mit unserem Problem beschäftigt und die Schwächen des Systems aufgezeigt“, sagt die Aldi-Kassiererin aus Brandenburg an der Havel nach gut anderthalb Stunden vor Gericht.

Die Oberschülerin Melanie hat neben seelischen Einschränkungen auch Schwächen beim Rechnen, Schreiben und Lesen, so dass sie mit der ständigen Gefahr zur Schule geht, im Stoff nicht mitzukommen und überfordert zu sein, was dem seelischen Gleichgewicht dann erst recht schadet.

Klagen gegen Ablehnung

Zwischen 2011 und 2013 hat die Brandenburger Stadtverwaltung Lerntherapien bezahlt, die der Schülerin helfen sollte, ihr Ziel zu erreichen und die zehnte Klasse zu schaffen. Tatsächlich erreichte sie mal größere, mal kleinere Lernfortschritte. Das Jugendamt war gleichwohl immer weniger vom Sinn dieser Förderung überzeugt und lehnte daher die entsprechenden Anträge ab.

Familie Unkert hat daher für die Jahre 2014 bis 2017 vier Klagen eingereicht mit dem Ziel, dass die Stadt die Kosten für die außerschulische Lerntherapie ihrer zu 60 Prozent schwerbehinderten Tochter übernimmt.

Seit März 2015 haben die Unkerts die meiste Zeit selbst in die Tasche gegriffen und 265 Euro im Monat für ihr einziges Kind zusammengekratzt – in der Summe 7000 Euro, wie Diana Unkert vorrechnet. Zuletzt musste die Abfindung von Vater herhalten, die eigentlich für die Alterssicherung geplant war.

Sozialer Hindernislauf

Nicht immer muss die Familie selbst für die teure Mathe-Lerntherapie aufkommen. In dem Moment, als sie einige wenige Monate lang Anspruch auf Hartz-IV-Bezüge hatte, öffnete sich für sie die Sozialkasse, über die nicht das Jugendamt, sondern das Jobcenter wacht. Diese Behörde zahlt für „Bildung und Teilhabe“und damit aus einem Topf, dessen Deckel sich sofort wieder schließt, sobald ein paar Euro mehr auf dem Konto der Familie ankommen und das Jobcenter nicht mehr zuständig ist.

Auf diesen sozialen Hindernislauf mit verschiedenen Zuständigkeiten kam auch der zuständige Potsdamer Verwaltungsrichter im Prozess zu sprechen. Im ersten von vier Prozessen, der sich auf das Jahr 2014 bezog, wies er die Klage der Familie Unkert ab – allerdings aus eher formalen Gründen, weil eine rückwirkende Gewährung von Lernhilfe nicht möglich sei.

Der Richter setzte sich mit der Klage gleichwohl inhaltlich auseinander und bemerkte im Umgang mit der Schülerin deutliche Schwächen beim Jugendamt, aber auch bei der Jugendpsychologin. So stellte er fest, dass das erzwungene Aussetzen der Lerntherapie „fatale Folgen“ für Melanie gehabt habe, die sich in dieser Zeit auffällig verhielt. Richter Georg Wegge: „Das war ziemlich bitter, das ist in die Hose gegangen.“

Richter wundert sich über Jugendamt

Der Verwaltungsrichter hätte vom Jugendamt erwartet, dass es sensibel werde, und wundert sich, dass es trotz allem kein Hilfeplanverfahren auf den Weg gebracht hat. Wegge: „Anträge hat man zwar bearbeitet, aber dass man sich eine Übersicht verschafft hätte, ist nicht zu erkennen.“ Dabei wirke sich die Lerntherapie durchaus positiv auf das Mädchen aus.

Der Jurist äußerte die Auffassung, dass ein Jugendamt präventiv vorgehen könne und nicht warten müsse, bis „die Hütte brennt“. Er gab der Familie und der Vertreterin des städtischen Rechtsamtes einschlägige Urteile an die Hand, die eine Unterstützung der Schülerin nahe legen. Denn es liege bei Melanie auf der Hand: „Wenn man nichts macht, rutscht sie ab.“

Die Mutter will sich nicht zermürben lassen im Kampf gegen bürokratische Hürden. Oft genug hat sie Briefe bekommen, in denen das Amt wieder einmal Unterlagen nachfordert oder Widersprüche zurückweist. Die berufstätige Frau versucht, den Schriftverkehr im Interesse ihrer Tochter zu managen. Schließlich soll sie nach der Schule eine Malerlehre machen können.

Nach derzeitigem Stand sind noch drei Klagen in Potsdam anhängig.

Von Jürgen Lauterbach

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