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Junges Theaterprojekt hat große Ziele

MAZ-Sterntaler-Aktion Junges Theaterprojekt hat große Ziele

Im Kinder- und Jugendfreizeitclub in Hohenstücken in Brandenburg an der Havel proben 16 Leute ein neues Stück. Sie wollen es im nächsten Jahr im Brandenburger Theater vor großem Publikum aufführen. Damit es überhaupt gelingen kann, helfen MAZ-Leser mit ihren Spenden.

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Mögen die Themen ernst sein – mit Spaß spielt es sich viel besser: Theaterprobe im Kiju in Hohenstücken.

Quelle: Jacqueline Steiner

Brandenburg/H. Mobbing, Furcht, Glücklichsein, Zukunft, Vergangenheit, einmal sogar Tod – das alles sind Schlagworte, welche die Mädchen und Jungen, die Frauen thematisiert wissen wollen. Ein bisschen geht es auch um Zuhause, Liebe und Freundschaft.

Der Tag wird bestimmt von den immer gleichen Handlungen und Zwängen. „Maschinell, maschinell. Klickediklack, klickediklack, klack, klack“, hallt es durch den Theaterraum. Kevin Adam löst die Anspannung, lässt alle auf den Boden legen. Durchatmen. Was spüren die jungen Menschen? Den Übergang von laut zu leise, das Kennenlernen des Bodens, das Abschalten nach dem Reinfühlen, Entspannung, Fantasie – die Antworten kommen erst zögerlich, dann schneller.

Hier schläft keiner, das gehört zur Probe

Hier schläft keiner, das gehört zur Probe

Quelle: Jacqueline Steiner

Ein Mädchen fühlt sich im Alltag „überfordert wie ein Roboter“, ihre Nachbarin will „alles richtig machen wie ein Sklave“, der Junge daneben diagnostiziert „ein Vergessen der eigenen Bedürfnisse vor lauter Arbeit“.

Manchen in der Runde fällt es allerdings sichtbar schwer, genaue Beschreibungen von persönlichen Aggregatzuständen und Gefühlen abzugeben, mancher behilft sich mit einem „Wie bei...“ „Theaterwerkstatt“ nennt sich die bunte Truppe, die sich jeden Donnerstag im Kiju trifft. Ihr Traum: Ein eigenes Stück am Brandenburger Theater aufzuführen. Im Haus der Offiziere waren sie schon einmal.

Traum vom Selbstwertgefühl

In der „Freien Theaterwerkstatt des Kiju“ sind alle Brandenburger, egal welchen Alters oder Herkunft, willkommen.

Die Gruppe gründete sich vor anderthalb Jahren im KiJu. Die Idee dazu hatte der Sozialpädagogik-Student Kevin Adam. Fast alle Teilnehmer kommen aus Hohenstücken und erlebten Stigmatisierung und Ausgrenzung im Alltag.

Das Theaterprojekt soll diesen Brandenburgern Selbstwertgefühl geben und gleichzeitig Lebensalternativen aufzeigen.

Für ihr selbstgesetztes Ziel, einmal im Brandenburger Theater aufzutreten, benötigen sie für Aufführung und Kostüme etwa 2000 Euro.

Die MAZ-Sterntaler-Aktion wird neben der Kinderküche im Kiju auch dieses Projekt unterstützen.

Die Mitglieder sind zwischen 11 und 50 Jahre alt, zwei Mütter haben sich „eingeschlichen“, Corinna (50) und Nicol (39). Auch Anush spielt mit, ein 22 Jahre alter Afghane. Selina (15) hat ihren Hamster „Ossi“ genannt, sie stammt aus Baden-Württemberg und lebt heute in einer betreuten Wohngruppe. Für Tim (15) ist es wichtig, dass sein neuer Computer 16 Gigabyte Arbeitsspeicher hat und die hyperschnelle Grafikkarte die Bilder auch in komplexen Spielen ruckelfrei laufen lässt.

Bewegende Probe im Kiju

Bewegende Probe im Kiju

Quelle: Jacqueline Steiner

Alles egal – sie haben Spaß zusammen, ermahnen sich auch mal leise oder soufflieren dem Nachbarn.

In ihrem Stück verabreichen sie sich selbst schwere Kost: Es geht um das Haus des Lebens, in dem jeder ein Zimmer bewohnt, eines ist noch frei. Für den neuen Mitbewohner stellen sie in einem Casting Fragen, der Prüfling sieht die Fragenden aber nicht, die sich im Dunkeln hinter ihren Taschenlampen verstecken: Die Frage „Hast du Haustiere?“ folgt prompt auf „Hast du Angst vor einem Terroranschlag in Deutschland?“ Später kommt: „Würdest du sagen, dass du im Luxus lebst?“

Irgendwann stellen sich die neuen Nachbarn vor. Das haben sie fürs Publikum bereits zu Beginn der Aufführung erledigt: Jeder sagt seinen Namen, sein Alter und sein Mitbringsel – einen Gegenstand, der ihn charakterisiert: ein Medaillon, das letzte Selfie mit der fortgereisten Freundin, die eigene Babydecke, ein Plüschtier.

Im Kreis

Im Kreis.

Quelle: Jacqueline Steiner

Kevin Adam führt die Gruppe mal behutsam, mal aufgeregt, kaum bestimmend – typisch Sozialarbeiter, meint man. Er studiert gerade, vor 18 Monaten hat er ein Praktikum im Kiju absolviert, und ist dabeigeblieben. Er kennt die Klientel, weiß, was er ihr abverlangen darf, dass sich Ernst und Spaß abwechseln und lange Konzentrationsphasen erst geübt werden müssen.

Und er hat auch eine ellenlange Anrede ins Intro geschrieben. Begrüßt werden Dünne, Dicke, Nerds, Banker, Faule, Perfektionisten, Lehrer oder Arbeitslose...

Da verwundert es nicht, wenn Adam sagt: „Unser Leitsatz lautet. ,Ich bin wer und ich kann was. Ich komme aus Hohenstücken, nicht aus dem Ghetto und wehre mich gegen das Stigma’.“

Von André Wirsing

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