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Kau-Falle und Chinaersatzverkehr

Kaufhallen in Brandenburg Kau-Falle und Chinaersatzverkehr

Geschichten aus den DDR-Tagen der Stadt Brandenburg an der Havel hat Alfred Drol in seinem Buch „Ost Cola – Erinnerungen“ notiert. Dazu zählen auch seine Erlebnisse in Kaufhallen und die Idee, einen Walkman selbst zu bauen.

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Ein typisches Bild aus der Zeit vor 40 Jahren: Kaufhalle im Brandenburger Stadtteil Nord auf einer Ansichtskarte von 1971.

Quelle: Sammlung Hesse

Brandenburg/H. Diese Kaufhalle hatte mit Mozart rein gar nichts zu tun, sie lag nur im sogenannten Musikerviertel der Stadt Brandenburg, direkt am Mozartplatz und blickte auf die Haydnstraße – jene Straße, in der ich vier merkwürdige Jahre meines Lebens verbrachte. Ich war zu dieser Zeit zwar kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen, und mein Schulweg führte mich täglich an dieser Kaufhalle vorbei. Der Begriff Kaufhalle war mir lange etwas undurchsichtig. Denn genauso wie ich beim Wort Chinasatzverkehr nie richtig wusste, was die Chinesen mit Zugausfall zu tun haben könnten, wusste ich auch nicht, was mit Kau-Falle gemeint sein könnte. Aber ich kannte mich auf jeden Fall gut aus dort.

Rückblickend kann ich übrigens nicht sagen, dass es dort nichts gab. Bestenfalls könnte man vielleicht sagen, dass es dort nur die Sachen gab, die man nicht haben wollte beziehungsweise mangelte es an Sachen, die man gerne gehabt hätte.

Jeder vermisst, was nicht verfügbar ist

Heute ist es genau andersherum. Man bekommt Sachen, von denen man glaubt, dass man sie haben wolle und kann sich gar nicht mehr vorstellen, was man eigentlich gern gekauft hätte, denn schließlich kann man nur vermissen, was eben nicht verfügbar ist. Grundsätzlich ist heute jedoch alles vorhanden. Das einzige was fehlt, ist die Vorstellung von Dingen, die man gerne kaufen würde, aber nicht kaufen kann, weil sie überhaupt nicht im Sortiment sind.

Die Mozartkaufhalle am Brandenburger Mozartplatz

Die Mozartkaufhalle am Brandenburger Mozartplatz.

Quelle: Sammlung Paselk

Dem Kauf fehlt der Konjunktiv. Ein „Dies hätte ich gerne“ oder „Jenes würde ich gerne“ lässt sich heute nicht mehr auf die gleiche Weise formulieren. So sehr ich mich auch anstrenge, mir fällt wirklich nichts ein, wonach ich heute eine Sehnsucht hätte, die mit der von damals vergleichbar wäre. Was soll ich mir denn noch alles kaufen?

Ost-Cola-Buch

Das Buch „Ost Cola – Erinnerungen“ ist zum Preis von 23 Euro in der MAZ-Ticketeria in der St.-Annen-Galerie in Brandenburg an der Havel erhältlich.

Die nächste Lesung aus diesem Buch findet am Donnerstag, 10. November in der Jacobstraße 12, Brandenburg an der Havel, in den Räumen der Akademie 2.Lebenshälfte statt. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr.

Ein bisschen vermisse ich den Mangel und diese Sehnsucht. Früher brauchte man gar nicht erst nach bestimmten Dingen zu suchen, weil man ganz genau wusste, dass es diese ohnehin nicht geben würde. Wünsche konnten Wünsche bleiben.

Ein Walkman mit Schaumstoff aus dem Sofa

Ich zum Beispiel hätte gern einen Walkman besessen. Mit einem Walkman war man anwesend und abwesend zugleich und alles mit Musik. Aber da damals nur der Mangel komplett vorrätig war und ein Walkman in diese Kategorie gehörte, blieb er ein unerfüllter Wunsch. Nicht lange jedoch, denn ich hatte beschlossen, mir so ein Ding selbst zu bauen. Das war grundsätzlich gar nicht so schwer. Aus einem alten Telefonhörer baute ich die Minilautsprecher aus, lötete zwei Drähte an, fügte alles in zwei Plastikbecher, bog mir einen Bügel zurecht, beklebte das Ganze noch mit Schaumgummi aus einer alten Couch und hatte einen Top-Kopfhörer für mein kleines Transistorradio! Eigentlich.

Aber da man diesem Kopfhörer ziemlich genau das ansehen konnte, was er war − ein bemitleidenswert kläglicher Versuch, die Lässigkeit eines echten Walkmans zu ersetzen − war ich in Bezug auf dieses Ding ein bisschen hin und hergerissen. Einerseits war mir klar, dass meine Konstruktion mit dem filigranen Wesen eines echten Walkmans nichts zu tun hatte. An Stereosoundqualität war auch nicht zu denken und obendrein sah ich aus, als hätte ich mir zwei Plastikbecher an die Ohren getackert. Anderseits war ich auch stolz auf meinen Erfindergeist und irgendwie war es ja doch ein Walkman.

Also musste ich den Prototyp zumindest einmal ausprobieren und beschloss, kurz rüber in die Kaufhalle zu gehen − natürlich mit Walkman. Weil ich meine Scham jedoch nicht ganz überwinden konnte, zog ich meinen ziemlich hässlichen Anorak an und konnte mittels der fast ganz zugebundenen Kapuze meinen selbstgebauten Kopfhörer ein bisschen verstecken. Nun hatte ich zwar rechts und links zwei merkwürdige Beulen, was aussah, als hätte ich auf beiden Seiten Zahnschmerzen, aber mein Top-Kopfhörer war nicht zu sehen und ich konnte endlich als Walkman durch die Haydnstraße spazieren.

Ich fand mich ziemlich cool, hatte ein mehr oder weniger kleines Geheimnis unter der Kapuze, hörte Musik und hatte meine Optik als wandelndes Michelin-Männchen schon fast vergessen, bis sie um die Ecke kam. Sie, das war so ziemlich das schönste Mädchen der ganzen Schule. Hinzu kam, dass sie Verwandtschaft im damaligen Reich der Träume hatte. Und was trug sie deshalb mit sich herum? Einen Walkman − und zwar einen echten! Der leichte Kopfhörer mit seinem schmalen Bügel und den kleinen schwarzen Muscheln hatte ihr geschickt die blonden Haare über die Schulter gelegt. Wie ein Engel mit Heiligenschein aus Metall und Musik.

Ich hätte meine Kapuze am liebsten vollkommen zugezogen, aber es war zu spät. Sie kam auf mich zu und fragte mich etwas, das ich nicht richtig verstehen konnte. Es bezog sich aber eindeutig auf meine Beulen am Kopf. Gleichzeitig streifte sie ihren Kopfhörer so lässig herunter, dass er sich wie ein Ring um ihren Hals legte. Gerne hätte ich es ebenso getan, ganz nebenbei und selbstverständlich, mit nur einer Hand, so als wäre ein Walkman das Normalste auf der Welt.

Keine Chance! Das Ding auf meinen Kopf hatte mir zwar diese unverhoffte Zusammenkunft verschafft und gerne hätte ich mit ihr auch über Musik geplaudert, aber Samstagnachmittag, vor der Mozartkaufhalle, mit blauem Anorak und zwei Plastikbechern auf dem Kopf? Ich nickte nur verlegen und ging schnell weiter. Im Radio lief gerade Sandras Maria Magdalena. Das war echt zu viel.

info: Der Beitrag stammt aus dem Buch „Ost Cola – Erinnerungen“.

Von Alfred Drol

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