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Kein Anzug, dafür Clownskostüm aus Krepp

Bewegende Lesung im Brandenburger Paulikloster Kein Anzug, dafür Clownskostüm aus Krepp

Der kleine Fred ist Manfred Haertels Romanfigur, die als kleiner Junge oft verspottet und gedemütigt wurde – gerade von den Lehrern. Dennoch will er selber einer werden, und schafft es sogar bis zum Rektor.

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Vorleser Reinhard Scheunemann (links) und Buchschreiber Manfred Haertel mit dessen Jugendbildnis.
 

Quelle: MaloszykVolkmar

Brandenburg/H.  Lesen kann jeder für sich allein. Warum sich also vorlesen lassen? Ein gutes Argument ist Reinhard Scheunemann. Aber auch Manfred Haertel. Aus dessen Buch „Ein Musterschüler wurde Fred nie“ hat Scheunemann am Freitagabend vor knapp 50 Gästen im Kreuzgang eine ganz eigene Welt aufleben lassen. Die Welt des kleinen Fred.

Ganz ehrlich, eine gewisse Skepsis regt sich schon, wenn hinter einem Buch der Verlag Books on Demand steht. Solch ein Werk hat es bei der heutigen Bücherflut nicht leicht. Ein Fürsprecher, wie das Brandenburger Theater, kann daraus jedoch eine Veranstaltung entstehen lassen, die man so schnell nicht vergessen wird.

Wie alle Gäste, lauscht auch Manfred Haertel den Worten des Schauspielers und Synchronsprechers Reinhard Scheunemann. Die eigenen Worte aus dem Mund eines anderen zu hören, dessen Modulation und Betonung zu erleben, ist für den in Lehnin lebenden Autor, der sonst selbst aus seinem Buch liest, eine ganz neue Erfahrung.

Nur ein kurzer Augenblick und schon hat sich die Persönlichkeit Scheunemann aufgelöst und ist zu Fred geworden. Fred Willicke, der Anfang der 1950er Jahre zur Schule kommt und unbedingt einen Anzug mit langem Hosenbein zur Einschulung möchte. Ein braun-grauer, kurzbeiniger mit kariertem Hemd ist daraus geworden. Und auch kein schönes weißes Hemd, wie es die anderen Jungen alle tragen. Das strenge Gesicht der Lehrerin mit Dutt und Glubschaugen, Fräulein Kuhbrake, verfolgt ihn schon am ersten Tag und das gewaltige braune Holztor macht die Schule für den kleinen Jungen, der als viertes Kind bei seiner Mutter und ohne Vater aufwächst, zum Gefängnis. Bauchweh muss dieser Knirps gespürt haben. Dieses Gefühl hat eine äußerst einfühlsame Celia Shaun in Töne verwandelt. Mit ihrer Violine, die mal stöhnen und mal klagen, aber auch träumen und lachen kann, spielt sie einen so vollmundig, satten und erzählenden Klang, wie man ihn selten von einer Violine hört. Das scheint wiederum Scheunemann anzuspornen, noch lebendiger in Freds Welt einzutauchen und so freut man sich mit ihm an dem lustig bunten Clownskostüm mit Krepp, das er stolz zum Fasching trägt. Mit all der Hoffnung ausgestattet, von der Lehrerin nicht bloß als „hoffnungsloser Fall“ angesehen zu werden, den man lediglich mit „Willicke“ betiteln kann, während andere Kinder ganz liebreizend mit Reini oder Klausi gerufen werden. Doch selbst die Mutter lässt sich von der Lehrerin erniedrigen und gibt sich mit dem Satz: „Die sind eben was Besseres“ zufrieden. Die ganze Machtlosigkeit eines Kindes vor der ungerechten und verlogenen Erwachsenenwelt bricht sich Bahn und mit ihr Freds Wut, so das aus dem schönen Kostüm hässliche Fetzen werden.

Ein asoziales Element nennt ihn der dicke Lehrer Fliebert und aus dem hilflosen Jungen Fred wird mit der Zeit ein nachdenklicher aber auch aufmüpfiger Jugendlicher. Als die gemeine Kleinborn, seine Mathelehrerin, ihn mit Bastard einer Hottentotten-Familie beschimpft und schikaniert und ihm klar wird, dass er sitzenbleibt, weiß er: „Ich muss mich umbringen“.

In der Heimat

Manfred Haertel wurde 1945 in Brandenburg geboren.

Absolvierte von 1966-1970 sein Diplomlehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule

Magdeburg.

Er war von 1970-1985 Lehrer am Jugendwerkhof Lehnin.

Nach Ausreiseantrag und Übersiedelung nach Uelzen kehrte er 1991 zurück nach

Lehnin.

Bis zum Ruhestand 2007 war er Rektor der Realschule in Damsdorf.

Er hat mehrere Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane veröffentlicht.

Sitzenbleiber, Kartoffelreiber rufen ihm die Klassenkameraden hinterher. Diese Schmach will er seiner armen Mutter ersparen, ihr keine Schande mehr machen. Doch der selbstausgedachte Gifttrunk will nicht wirken. Er ruft nur Erbrechen hervor. Ein schmerzhaftes, dissonantes Klagen, in dem all das Aufbegehren, die Wut, der Zorn, all die Ungerechtigkeit und Bitternis aufbrechen, schallt durch den Kreuzgang und lässt beinahe vergessen, das hier eine Violine erzählt.

Die AG Junge Verkehrspolizisten und eine Lehrerin, die gute Witwe Bündler, machen aus dem Sitzenbleiber doch noch einen ehrgeizigen jungen Mann, der unbedingt Lehrer werden will.

„Und, Lehrer geworden?“ erkundigt sich einer der Gäste nach der Lesung. „Ja, sogar Rektor“ antwortet ein lachender Manfred Haertel inmitten von alten Freunden und Bekannten, wie Schauspielerin Christiane Ziehl oder sein ehemaliger Lehrer Wilfried Schwarz.

Ein Stück Geschichte einer ganzen Generation hat Haertel so festgehalten und dabei die Verantwortung eines jeden Erwachsenen gegenüber der empfindsamen Kinderseele ins Bewusstsein gerückt.

Von Ina Schidlowski

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