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Kein Sicherheitsglas: Mangelhafte Scheiben in der Tram

Brandenburg an der Havel Kein Sicherheitsglas: Mangelhafte Scheiben in der Tram

Mit Produktfälschungen wird man nicht nur auf dem Basar oder beim Einkauf im Internet konfrontiert. Die Verkehrsbetriebe hat es nun beim Umrüsten ihrer Langläufer-Tatra-Straßenbahnen erwischt. Ein Hersteller hat dem Großhändler Fensterglasscheiben statt Sicherheitsglas untergejubelt. Beim Einbau ging eine der falschen Scheiben zu Bruch – der Schwindel flog auf.

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Gefälschte Tatra-Scheiben zersprangen wie Fensterglas und erfüllten nicht die Normen von Sicherheitsglas. Zum Dokumentieren wurde der Rest farbig markiert.

Quelle: Rolf Nothnagel

Brandenburg/H. Opfer von Produktfälschungen sind offensichtlich die Verkehrsbetriebe Brandenburg VBBr geworden. Ausgerechnet beim zehnten und letzten „Langläufer“-Tatrazug, der gerade aufgemöbelt und saniert wird, passierte es: Beim Einbau der Scheiben im tiefergelegten Mittelteil der Straßenbahn zersprang eine der acht auszuwechselnden Scheiben in tausend Stücke. „Das ist gebrochen wie Fensterglas, darf aber nicht passieren, weil wir nur Einscheibensicherheitsglas verwenden. Das ist mit Folie geschützt, beim Bruch zerbröselt es zwar, hält aber noch zusammen – wie bei einer Pkw-Frontscheibe“, erläutert VBBr-Betriebsleiter Rolf Nothnagel. Ein Monteur habe sich noch leicht an der berstenden Scheibe verletzt.

Beim Untersuchen stellte sich heraus, dass das Prüfsiegel, welches normalerweise auf die Scheibe geätzt und gedruckt wird, nur aus einem durchsichtigen Aufkleber bestand. Normalerweise kennzeichnen die Hersteller ihr Glas mit einer Schlüsselnummer und dem ESG-Zeichen – bei Einscheibensicherheitsglas ein „E1“.

Was folgte, waren Aufregung und Überstunden: Alle acht 4-Millimeter-Scheiben für das Mittelteil waren gefälscht. Noch am selben Abend haben die Verkehrsbetriebe sämtliche Straßenbahnen überprüft, doch waren in allen vorigen Fällen die richtigen Scheiben geliefert und eingebaut worden.

Der Großhändler, der die falschen Scheiben geliefert hatte, wurde umgehend informiert. „Es war ihm unheimlich peinlich, er hat Ersatz besorgt und alle Zusatzkosten übernommen, die uns entstanden sind“, sagt Geschäftsführer Jörg Vogler. Auf den Großhändler will er nichts kommen lassen, man arbeite mit ihm seit fünf Jahrzehnten vertrauensvoll zusammen, es habe nie Beanstandungen gegeben. Vogler hat auch keine Anzeige wegen Betrugs erstattet, das soll der Großhändler gegen den Lieferanten übernehmen. Namen will er partout nicht nennen, der Großhändler sei Monopolist, sitzen in den neuen Bundesländern, man brauche ihn noch.

Für die Verkehrsbetriebe ist das Ersatzteilproblem für mehr als 40 Jahre alte Straßenbahnen groß. Zwar gibt es noch Lieferanten für Tatra- und Gotha-Bahnen, doch die nachträglich eingebauten Mittelteile sind nicht original und haben andere Scheibenabmessungen. Deshalb müsse auch der Händler immer wieder neu nach Herstellern suchen. Sicherheit werde bei den Verkehrsbetrieben groß geschrieben, beteuern Vogler und Nothnagel. Alle Busse und Bahnen werden abends beim Einfahren auf den Betriebshof nicht nur nach Verschmutzungen und Vandalismusschäden untersucht, sondern auch einer kompletten verkehrstechnischen Prüfung unterzogen.

Die Wartungsintervalle für die betagten Straßenbahnen seien sogar kürzer als gesetzlich vorgeschrieben. So wurde bei dem vorher sanierten „Langläufer“ ein Haarriss im äußeren Knick einer Portalachse unter dem Mittelteil entdeckt – an der Achse hängen einzelne Räder, mdie nur mitlaufen, aber nicht angetrieben werden. Weil man den Riss nicht einfach schweißen konnte, wurde die alte Naht mittels Laser „scheibchenweise“ abgetragen und durch eine neu ersetzt. Herkömmliches Schweißen hätte zu viel Wärme in die Achse gebracht, die sich ausgedehnt hätte. „Hier kommt es auf Hundertstel Millimeter an“, sagt Nothnagel.

Von André Wirsing

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