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Kein Wahllokal für Vergessliche

Infomobil des Bundestages in Brandenburg Kein Wahllokal für Vergessliche

Eine Potsdamerin hat am Montag das Infomobil des Deutschen Bundestags in der Innenstadt von Brandenburg an der Havel entdeckt. Was sie dort fragte, war äußerst überraschend – die Dame wollte tatsächlich noch am Montag ihre Stimme abgeben. Auch eine weitere ungewöhnliche Frage erreichte das Info-Team an diesem Tag eins nach der Bundestagswahl.

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Gabriele Pia Schnurnberger, Karl Schlich und Friedrich Anders (v. l.) vor dem Infomobil des Deutschen Bundestages in Brandenburg.
 

Quelle: Marion von Imhoff

Brandenburg/H.  Staatstragend mit zwei Flaggen der Bundesrepublik Deutschland auf dem Dach parkt das Infomobil des Deutschen Bundestages auf dem Neustädtischen Markt in Brandenburg. Für Sigrid Altenburg aus Potsdam wie gerufen.

Die 67-Jährige steigt die fünf Stufen zu dem Truck empor und wendet sich an Friedrich Anders, der dort an diesem Tag eins nach der Bundestagswahl auf Besucher wartet: „Ich habe da mal eine Frage. Kann ich noch wählen gehen?“, möchte die Rentnerin wissen. Friedrich Anders bewahrt die Fassung, erläutert, dass das leider nicht mehr ginge. Sonntag sei Wahl gewesen. „Was? Hat sich heute erledigt? Naja, da habe ich Pech gehabt“, sagt Sigrid Altenburg.

Die Bundestagswahl 2017 ist leider vorbei

Wie bitter, das Ergebnis wäre ein ganz anderes geworden, hätte sich die ältere Dame nicht vertan. Nein, Spaß beiseite. „Ich hätte die SPD, nee, die CDU gewählt.“ Die Wahlbenachrichtigung sei ihr aus dem Briefkasten gestohlen worden. Dass am Sonntag Bundestagswahl war, hat sie nicht mitbekommen. „Ich dachte, ich könnte heute noch mal wählen gehen.“

Gabriele und Christian Fauth möchten im Infomobil des Bundestages in Brandenburg von Karl Schlich (von links) erfahren, wie es jetzt nach der Bu

Gabriele und Christian Fauth möchten im Infomobil des Bundestages in Brandenburg von Karl Schlich (von links) erfahren, wie es jetzt nach der Bundestagswahl dort weitergeht.

Quelle: Rüdiger Böhme

Friedrich Anders erläutert freundlich, dass jeder auch ohne Benachrichtigungskarte wählen gehen könne. Man brauche nur den Personalausweis. Und muss halt das Datum kennen.

Die drei Honorarkräfte informieren im Auftrag der Öffentlichkeitsabteilung des Bundestages nach bestem Wissen über einen Bundestag, den es so im Bewusstsein der Bevölkerung seit Sonntag nicht mehr gibt.

Bundestagsbroschüre bald nur noch von Sammlerwert

So ist die Zeitung von gestern aktueller als das, was im Infomobil teilweise als Info ausliegt. Wie „Kürschners Volkshandbuch Deutscher Bundestag, 18. Wahlperiode, aktualisiert“. Mit der Konstituierung des nächsten Bundestages spätestens 30 Tage nach der Wahl hat das 317-Seiten-Werk nur noch antiquarischen Wert.

Wie groß der nächste Bundestag sein, wie viele Überhangmandate er haben wird, welche Fraktionen in der Regierung sein werden, all diese Fragen können Friedrich Anders und seine Kollegen Gabriele Pia Schnurnberger und Karl Schlich an diesem Tag eins nach dem Wahlsonntag beim besten Willen nicht beantworten. Minütlich kommen neue Meldungen, was sich im dann 19. Bundestag tun wird. Wahlnachlese deutschlandweit, ja weltweit steht an diesem 25. September an.

Drei Tage steht das Infomobil in Brandenburg

Gabriele Pia Schnurnberger erschüttert das nicht. „Ich informiere über die Aufgaben des Deutschen Bundestages. Das Wahlergebnis ändert an den Aufgaben des Bundestages gar nichts. Wir sind hier noch der 18. Deutsche Bundestag. Heute, Montag, Tag eins nach der Wahl ist für uns die Situation für den Truck unverändert.“

In Brandenburg steht das Infomobil drei Tage lang. An diesen Tagen werden sich in Berlin vielleicht schon CDU, FDP und Grüne zusammensetzen für erste Sondierungsgespräche für eine mögliche Jamaika-Koalition. Wer an diesen Tagen die fünf Stufen erklimmt, der hat wohl andere Fragen auf den Lippen als jene Menschen, die vor einem Jahr den Info-Truck betraten.

Wählerwut bekommt auch das Team im Infomobil zu spüren

Wählerunmut, Wählerwut, kommt das an im eleganten Inneren des Lastwagens? „Wer wie enttäuscht oder entzückt von dem Ergebnis ist, das kriegen wir auch mit. Kernaufgabe aber bleibt, die Aufgaben des Parlamentes zu erklären.“ Bei der Frage, wie sich der Bundestag denn nun zusammensetze, hat Gabriele Pia Schnurnberger auch eine Antwort parat: „Im Moment mit 630 Abgeordneten. Erst bei dem endgültigen Ergebnis des Bundeswahlleiters werden wir erklären können, wer welche Sitze hat. Im Moment wissen wir nur, es sind sechs Fraktionen. Wir wissen auch, wer die stärkste, zweitstärkste, drittstärkste und so weiter Fraktion ist.“

Seit über zehn Jahren tourt Gabriele Pia Schnurnberger mit dem Truck durch Deutschland. Tag eins nach einer Bundestagswahl ist nichts neues für die studierte Germanistin, Historikerin und Kunsthistorikerin. Auch das ist ein Grund dafür, dass für sie dieser Tag so unerschütterlich zu sein scheint wie an anderen Tagen im Bundestag-Truck.

60 freiberufliche Honorarkräfte gehen abwechselnd auf Tour

Das Team umfasst 60 freiberufliche Honorarkräfte. Die Berlinerin ist sonst unterwegs im Besucherdienst des Deutschen Bundestages. Außerhalb der Schulzeit bleibt der Truck eine Woche an seinen Destination. „Destination“ steht im Bundestag-Truck für Reiseziel.

Immer wieder erleben die Kollegen auch Unzufriedenheit der Besucher. „Aber nie Pöbeleien – Zorn, Unmut ja. Das sind Ausrutscher nach unten.“ In Ostdeutschland, wo am Sonntag jeder zweite Mann AfD gewählt hat, sei das nicht schlimmer als in Westdeutschland. „Ostdeutscher sind solche Unmutäußerungen nicht. Aber männlicher.“ Das Infomobil des Deutschen Bundestages ei auch „ein Magnet für unzufriedene Menschen. Aber das kann man aushalten. Die allerwenigsten können sich dann auf ein Gespräch nicht einlassen.“

Am Mittwoch geht es weiter nach Potsdam

Ein einfach zu lösendes Problem taucht in diesem Moment auf: Eine junge Frau betritt den Truck. „Ich habe den Bundestags-Beutel meines Mannes gewaschen und er ist eingelaufen“, gesteht sie. Von diesen hellgrauen Stoffbeuteln, die es samt Broschüren für jeden Besucher gibt, lagern im Truck unzählige.

„Wollen Sie einen neuen Beutel leer mitnehmen oder gleich mit Infomaterial“, fragt Karl Schlich. „Geben Sie ihn mir mit Material. Mein Mann ist Politiklehrer. Da ist das immer willkommen.“ Wenig später verlässt die Frau mit einem neuen Beutel den Truck. Gabriele Pia Schnurnberger lacht: „Sehen Sie, wir haben es mit allem zu tun.“

Von Marion von Imhoff

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