Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg/Havel „Keinen Bock auf Nazis“: Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet im Interview
Lokales Brandenburg/Havel „Keinen Bock auf Nazis“: Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet im Interview
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:11 09.11.2018
Christoph Sell (l) und Jan "Monchi" Gorkow von der Band Feine Sahne Fischfilet. Quelle: Danny Gohlke/dpa
Brandenburg/H

Feine Sahne Fischfilet haben ein grandioses Konzert im Brandenburger HdO gegeben. Musiker Christoph Sell spricht im MAZ-Interview über Ansichten der Band und warum in der Havelstadt ihre Tour begonnen hat.

Herr Sell, Ihre Band Feine Sahne Fischfilet ist mit dem aktuellen Album „Sturm & Dreck“ bis auf Platz drei der deutschen Charts gestiegen, warum beginnen Sie Ihre Tournee trotzdem im eher kleinen
Haus der Offiziere in Brandenburg an der Havel
?

Christoph Sell: In kleineren Clubs übertragen sich Emotionen sofort. Wir spielen gerne in Städten, in denen Punk und Rock sonst nicht so oft zu Hause sind, weil wir selbst aus kleinen Orten in der Nähe von Greifswald kommen und wissen, dass jenseits der Metropolen ein schweißtreibendes Konzert, bei dem es allen gut miteinander geht, wirklich noch ein großes Ereignis ist. Wenn wir politische oder soziale Projekte anschieben, dann gerne auf dem Land, weil sich dort die große Politik selten blicken lässt und sie das Problem des Rechtsrucks nicht in den Griff bekommt.

Wie bewerten Sie die Absage Ihres Konzerts für das ZDF am Bauhaus in Dessau? Die Entscheidung wurde kontrovers diskutiert, weil einige die Furcht vor rechten Protesten in der Begründung als Einknicken kritisierten.

Das Bauhaus hat eine ganz klar linke, antifaschistische Geschichte, von den Nazis wurde es verboten, die Künstler mussten ins Exil flüchten oder wurden umgebracht. Jetzt ist es zum ersten Mal passiert, dass dort ein Konzert – unser Konzert – von der Bauhaus-Stiftung abgesagt wurde. Diese Stiftung ist nach der Quotierung des Parlaments in Sachsen-Anhalt zusammengesetzt, das sehr konservativ geprägt ist. Die rechte Mehrheit wollte uns in Dessau nicht sehen, das ist auch das Zeichen eines Rechtsrucks. Neonazis und AfD hatten angekündigt, Radau zu machen, das war der offizielle, sehr schwache Grund der Absage, doch die konservative Mehrheit der Stiftung hatte sowieso keine Lust auf uns.

Sie haben dann eine andere Lösung gefunden…

Stattdessen haben wir jetzt unser eigenes Konzert in Dessau gespielt, im Brauhaus statt im Bauhaus. Ein altes, sehr schönes Gebäude, das mit der Ästhetik des Bauhauses mithalten kann. Das Konzert war innerhalb einer Stunde ausverkauft, es passen fast fünf Mal so viele Menschen hinein wie ins Bauhaus. Wir haben am 6. November gespielt, dem Tag, für den auch der Auftritt im Bauhaus geplant war.

Es gibt Menschen, die werfen Ihnen Ihre frühen Texte vor, die sie als aggressiv und radikal empfinden, etwa „Die Bullenhelme, die sollen fliegen / Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein!“

In der Diskussion werden Sachen aus dem Zusammenhang gerissen. Gerade beim zitierten Lied „Staatsgewalt“ geht es darum, wie es für junge Leute ist, die 16 oder 17 Jahre alt sind und gegen Nazis auf die Straße gehen, dort dann aber einen Polizeiknüppel ins Gesicht bekommen. Das ist eine Beschreibung der Wut von diesen Menschen, es ist eine sehr subjektive Rolle im Lied, die dort beschrieben wird, aber es ist kein Aufruf der Band zur Gewalt. Das ist ein Liedtext und kein Flugblatt. Wir spielen den Song schon lange nicht mehr auf Konzerten, weil er uns vor allem musikalisch nicht mehr gefällt.

Wie würden Sie Ihre aktuelle politische Haltung beschreiben?

Gesellschaftliches Zusammenleben ist komplex, ich bin gegen zu große Vereinfachung und klar für Basisdemokratie und eine Welt, in der der Mensch und seine Bedürfnisse an erster Stelle stehen und nicht Eigentum und Waren. Es gibt in den Diskussionen um gesellschaftliche Mitbestimmung großen Nachholbedarf. Wir wollen mit den Liedern einen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen ohne Rassismus miteinander leben und jeder in seinen Bedürfnissen ernst genommen wird. Es regt mich auf, wenn wir kriminalisiert werden, weil wir darüber singen, wie Morde an Geflüchteten verschwiegen werden oder Waffen an die Türkei geliefert werden, wo Menschenrechte kaum noch gelten. Wir sind ein Sprachrohr von jungen Leuten, die wütend auf solche Realitäten sind, den Rechten sind wir deswegen immer ein Dorn im Auge.

Vielleicht auch deshalb, weil Ihr Sänger Monchi mal ein leeres Polizeiauto angezündet hat?

Das ist eine alte Geschichte von ihm aus seiner Zeit als jugendlicher Fußballfan von Hansa Rostock und war völlig unpolitisch. Das lässt sich nicht in Zusammenhang mit der Band bringen. Aber ganz ehrlich: Wir leben in einer Gesellschaft, die dabei zu schaut, wenn täglich Menschen vor den Grenzen Europas ertrinken. Das stört kaum jemanden, obwohl da Menschen sterben. Wenn aber ein Polizeiwagen brennt, drehen alle durch. Diese Realitäten, die aufzeigen, dass wir eben in keiner friedfertigen und gerechten Gesellschaft leben, machen mich wütend, und solange das so ist, werde ich mich nicht empören, wenn ein Polizeiwagen brennt. Zudem sind wir geprägt von den Angriffen auf Flüchtlingsheime in Rostock-Lichtenhagen. Wenn es dort nicht Menschen gegeben hätte, die sich mit Motorradhelmen den Angreifern entgegengestellt hätten und das Haus mit geschützt hätten, wären Menschen gestorben. Es hilft nicht, Blumen auf die Straße zu streuen. Denn auf die Polizei war kein Verlass. Die hat zugesehen, als das Sonnenblumenhaus brannte. Das sind doch die wirklichen Probleme und nicht die Fußballrandale. Damals, Anfang der 90er-Jahre und auch heute gilt es für uns, dass man sich immer wieder der Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit in den Weg stellen muss, um zu verhindern, dass Menschen sterben. Das sehe ich als meine moralische Pflicht an, auch wenn es gefährlich ist und ich Angst davor habe.

Sind Sie seit dem „Wir sind mehr“-Konzert gegen rechte Selbstjustiz in Chemnitz eine linke Symbolband für Neonazis geworden und steht noch nachdrücklicher in deren Visier?

Wir machen seit zehn Jahren Musik und wurden von Anfang an angefeindet. Wenn du in Mecklenburg-Vorpommern als Punkband in Kleinstädten unterwegs bist und sagst, du hast keinen Bock auf Nazis, kriegst du sofort Stress. Wir wissen damit mittlerweile umzugehen, denn wir haben ein gutes, vertrautes Netzwerk mit Freunden aufgebaut, das uns und unsere Auftritte schützt. Übers Internet und soziale Netzwerke Media werden wir von rechter Seite weiterhin angegriffen, doch da muss man kühlen Kopf behalten.

Aktuell berichten „Spiegel“ und „Stern“ groß und positiv über Sie – mögen Sie das, nun als Stars zu gelten?

Ich sehe das noch nicht, dass wir Stars sind (lacht). Wir haben immer das gemacht, worauf wir Lust hatten, wir haben über persönliche und politische Themen gesungen, zu denen wir stehen können, weil wir sie erlebt haben. Wir möchten Leute mit unseren Liedern berühren, weil sie es vielleicht ähnlich wie wir erfahren haben. Das kann ich aber nicht, wenn ich immer eine kleine, unbekannte Band bleibe. Was aber nicht heißt, dass wir um jeden Preis größer und populärer werden wollen. Wir möchten nicht in die Großstädte ziehen, sondern an der Ostsee wohnen bleiben, weil wir die Menschen gut kennen und wir es deshalb am sinnvollsten finden, uns dort musikalisch, politisch und sozial zu engagieren.

Von Lars Grote

Von rechts verhasst, vom Bundespräsidenten empfohlen: Die Band Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern hat es zu erstaunlichem Ruhm gebracht. Jetzt haben sie in Brandenburg an der Havel gespielt.

10.11.2018

Warum eine Niederlage auch stärker machen kann: Unternehmer aus Brandenburg berichten von ihrem Scheitern und wie sie sich danach wieder aufgerappelt haben.

09.11.2018

Das Kinderdorf in der Magdeburger Landstraße ist seit 25 Jahren in der Trägerschaft des DRK. Das Jubiläum bietet nun die Möglichkeit, einen Blick in die spannende Vergangenheit der Kita zu werfen.

13.11.2018