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Kindesmissbrauch: „Er hat mein Leben versaut“

Täter kommt frei, Opfer leidet weiter Kindesmissbrauch: „Er hat mein Leben versaut“

Melanie ist noch ein Kind, als der Stiefvater sie fesselt, prügelt, vergewaltigt. Immer wieder. 2007 muss Peiniger Jürgen G. (50) für 8 Jahre ins Gefängnis. Während er auf seine Entlassung vorbereitet wird, versucht Melanie abzuschließen, was sie bis heute in ihre Alpträume verfolgt und ihr Leben versaut hat. Das ist nicht einfach.

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Melanie Fettchenhauer (19) lacht häufiger als ihr danach zumute ist.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Melanie Fettchenhauer lacht oft, obwohl ihr gar nicht danach zumute ist. „Als Kind durfte ich nicht weinen, da musste ich alles weglächeln“, erklärt die 19 Jahre alte Brandenburgerin. Sie musste weglächeln, dass ihr Stiefvater sie und ihre etwas ältere Schwester im Kindesalter fast drei Jahre lang immer wieder vergewaltigte, sie fesselte, würgte, prügelte, ehe er in sie eindrang. Die Striemen von den Gurten und eine Narbe am Bauch sind immer noch zu sehen. Dagegen bleiben die Verletzungen der Seele hinter dem Lachen der jungen Frau verborgen.

Während der im Jahr 2007 zu acht Jahren Haft verurteilte Jürgen G. (50) hinter Gittern auf seine Entlassung vorbereitet wird, versucht Melanie Fettchenhauer mit dem abzuschließen, was sie bis heute in ihre Alpträume verfolgt, ihre Kindheit ruiniert und ihr Leben „so ziemlich versaut“ hat, wie sie es selbst beschreibt. „Die Vergewaltigungen sind nicht so schlimm wie damit leben zu müssen“, sagt sie. „Man denkt, man schafft es, aber es holt einen immer wieder ein.“ Von Therapeuten erwartet die junge Frau inzwischen keine Hilfe mehr.

„Ich will anfangen, ihn zu hassen“

Melanie Fettchenhauer will nach traurigen Jahren im Heim, abgebrochenen Behandlungen und jahrelangem Drogenmissbrauch beginnen, sich selbst zu therapieren. Dazu gehört, dass sie ihren Peiniger wiedersehen will, der die Kleine nach jeder Vergewaltigung mit der Drohung zum Schweigen brachte, er würde ihre Mutter ermorden, wenn sie etwas verrate.

Melanie als kleines Kind

Melanie als kleines Kind.

Quelle: Privat

„Ich will anfangen, ihn zu hassen, er hat ja mein Leben versaut“, sagt die junge Frau und lacht wieder. Sie gesteht, dass sie Jürgen G. noch immer „irgendwie lieb“ habe, auch wenn ihr Verstand weiß, dass das falsch ist. „Er war wie ein Vater für mich und hat sich um mich ja auch gekümmert, bei Hausaufgaben geholfen, mich zum Angeln mitgenommen“, erklärt sie das Unerklärliche.

Die Mitschuld der Justiz im Fall Jürgen G.

Im November 2007 verurteilt die 2. Strafkammer des Landgerichts Potsdam den Betonbauhelfer Jürgen G. (50) zu acht Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung, weil er die Töchter seiner Partnerin in elf Fällen zwischen dem Sommer 2006 und Sommer 2007 gequält und vergewaltigt hat.


Unberücksichtigt blieben Gewaltexzesse in der Zeit davor, sie begannen nach der Erinnerung von Melanie Fettchenhauer im Jahr 2008. Damals war sie acht Jahre alt.

Kinderchefarzt Hans Kössel sprach seinerzeit von der „schlimmsten Geschichte” in seiner Laufbahn als Kinderarzt.

Jürgen G. wird seine Strafe in Kürze verbüßt haben. Nach Informationen der MAZ hat er viele Jahre in der sozialtherapeutischen Abteilung des Brandenburger Gefängnisses verbracht und sich der Therapie erfolgreich gestellt. Offizielle Angaben gibt es dazu nicht.

Ziel einer solchen Therapie ist aber, Sexualstraftäter auf ein auch für die Allgemeinheit sicheres Leben in Freiheit vorzubereiten. Soweit bekannt, hatte Jürgen G. bereits begleiteten Ausgang.

Melanie Fettchenhauer , die im damaligen Prozess Nebenklägerin war, hat das Recht zu erfahren, wenn Jürgen G. sich außerhalb des Gefängnisses aufhalten darf. Auf Antrag muss ihr die Staatsanwaltschaft mitteilen, dass und wann er freigelassen wird.

Der Fall Jürgen G. war damals ein Justizskandal. Denn der Mann stand seinerzeit unter der Aufsicht der Justiz, dennoch gelang es ihm ohne Probleme, Melanie und ihre Schwester immer wieder zu vergewaltigen und zu schinden.

Er war schon vor 2004 doppelt einschlägig vorbestraft, weil er seine eigene (erwachsene) Schwester und ein 13 Jahre altes Mädchen vergewaltigt hatte.

Das Versagen der Justiz führte damals auf Betreiben der Justizministerin Beate Blechinger (CDU) dazu, dass 140 Akten von pädophilen Sexualstraftätern durchkämmt wurden. Das Land änderte damals die Praxis der Führungsaufsicht bei solchen Verbrechern.

Ihr Leben nach der Festnahme des pädophilen Verbrechers Jürgen G. im Juli 2007 läuft von Anfang an aus dem Ruder. Die Therapeuten der Kinderpsychiatrie in Lübben erreichen das verstörte Kind nicht, „das auf Radau macht und Stühle umher schmeißt“. Melanie wird ins Heim gesteckt und bleibt unglücklich, bei Bedarf wird sie weggesperrt. „Bei Wasser und Brot“, behauptet sie.

Das immer noch kleine Mädchen erfährt weiter Gewalt, ist auch selbst gewalttätig, wird nicht geliebt, liebt nicht. Sie erinnert sich: „Ich rastete ziemlich oft aus, war immer auf Ärger aus, gab mir an allem die Schuld und bin da auch immer abgehauen.“ Einmal bleibt sie drei Tage an einem Flussufer einfach liegen, bis sie jemand entdeckt.

Melanie hat mit 10 Jahren bereits etliche Qualen erleiden müssen

Melanie hat mit 10 Jahren bereits etliche Qualen erleiden müssen.

Quelle: Privat

Schon als Heimkind mit zwölf Jahren nimmt Melanie Drogen: Haschisch, Amphetamine, nach ein paar Jahren auch Heroin. Mit 15 Jahren erlebt sie ein Fehlgeburt, etwas später bringt sie einen Jungen zur Welt, an dessen Erziehung die drogenabhängige, viel zu junge Mutter scheitert. Sie gibt ihr Kind in eine Pflegefamilie.

Im Heim ritzen die Mädchen um die Wette

Im Heim beginnt das Mädchen auch mit der Selbstverletzung. „Wir waren zu viert im Zimmer und haben alle um die Wette geritzt“, erinnert sie sich. Das Werkzeug: Spitze Farbsplitter von der Heizung. Der Hang zur Selbstverletzung ist geblieben. Melanie hat auch deshalb die vielen Piercings in ihrem Körper.

„Der Schmerz muss da sein, sonst habe ich nicht das Gefühl, leben zu können“, erklärt sie. Ihre Phasen der Magersucht, in denen das Atmen so verdammt weh tut wie das Sitzen auf fast blanken Knochen, begründet sie ähnlich: „Wenn ich mich bestrafen will, esse ich nichts.“

Melanie Fettchenhauer nennt ihre Krankheit Borderline-Störung. Die Drogen hat sie abgesetzt, umso mehr kommen die Ängste wieder hoch, auch die Angst vor dem Schlafen, vor dem eigenen Ausrasten, vor dem Versagen.

Kein Therapeut hat Melanie bisher wirklich geholfen

„Ich habe viele Therapeuten gehabt, doch alle wollten nur Sachen hören, die ich nicht sagen wollte“, berichtet die Patientin. Melanie hat ihre Krankenakte eingesehen und sich im Gefängnis angemeldet. Voraussichtlich wird es zu einem Gespräch mit Jürgen G. kommen, im Beisein von dessen Therapeuten. „Ich will wissen, wieso er das gemacht hat“, sagt sie.

Melanie Fettchenhauer wagt den Schritt in die Öffentlichkeit, weil sie möchte, dass nicht jeder, der anders ist, gleich verurteilt wird. „Man sollte sich überlegen, ob der- oder diejenige vielleicht etwas Falsches erlebt hat“, sagt die Brandenburger mit ihrem Lachen.

Von Jürgen Lauterbach

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