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Kirchmöser erfindet sich immer wieder neu

Besonderheiten des Ortsteils Kirchmöser erfindet sich immer wieder neu

Was macht Kirchmöser besonders, unterscheidet den Ortsteil im Westen der Stadt Brandenburg von anderen Gemeinden im Land? Nicht nur die tolle Wasserlage und die doppelte Netto-Ortsmitte. Hier musste man sich ständig neu erfinden, sagt Sebastian Kinder, Professor für Wirtschaftsgeografie. Er wurde hier vor 42 Jahren geboren.

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Sebastian Kinder aus der Seestraße kennt die Geschichte Kirchmösers vorzüglich.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Kirchmöser. Was macht Kirchmöser besonders, unterscheidet den Ortsteil im Westen der Stadt Brandenburg von gleich großen Gemeinden im Land? Nicht nur die tolle Wasserlage. „Kichmöser musste sich ständig neu erfinden“, sagt Sebastian Kinder, Professor für Wirtschaftsgeografie, vor rund 42 Jahren in die Wusterwitzer Straße hinein geboren.

Das erst 1915 von Möser in Kirchmöser umbenannte Straßendorf war bis ins vergangene Jahrhundert hinein beschaulich, abgeschieden, es ernährte seine wenigen Einwohner von Landwirtschaft und Fischfang, berichtet der Wissenschaftler, der an der Universität Tübingen Studenten ausbildet.

1915 wurde der Ort umbenannt

Den ersten großen Einschnitt markierte das Jahr 1816, als 18 Ackerbauern 7000 Morgen Land des aufgelösten Gutes kauften und untereinander aufteilten und Kirchmöser damit ein neues Gesicht gaben. Die Eisenbahn dampfte gleichwohl noch viele Jahrzehnte lang am Dorf vorbei. Sie hielt erstmals 1904 an dem unbedeutenden Haltepunkt namens Gränert.

Trotzdem beginnt das Dorf mit der Bahnanbindung und der Anlegestelle sein Gesicht zu verändern. Berliner und Brandenburger errichten Wohnhäuser als Sommer- oder Altersruhesitz, eine kleinere Neuerfindung, Vorbote größerer Veränderungen. „Kirchmöser stand danach immer wieder auf der Kippe“, sagt Sebastian Kinder.

Der Erste Weltkrieg und die 1915 aus dem Ackerboden gestampfte Pulverfabrik brachte den bäuerlich-bürgerlichen Alterswohnsitz nicht nur ins Wanken, sondern regelrecht zum Explodieren. Die Landwirte verloren ihr Land an den Staat. Dort wo bisher knapp 300 Menschen lebten, mussten relativ plötzlich mehr als 3000 Frauen und Männer untergebracht werden.

Pulverfabrik wurde aus dem Boden gestampft

In neuen Wohnbaracken. Sebastian Kinder spricht bezogen auf seinen Geburtsort von einem „kleinen Schmelztiegel“. Bayern, Thüringer, Schlesier und andere Volksgruppen kamen und ließen sich nieder.

Die Wohnungsnot blieb groß, als Kirchmöser in den 20-er Jahren den nächsten gewaltigen Einschnitt erlebte. Die Reichsbahn machte sich dort breit, wo die Pulverfabrik schon Geschichte war. Friedrich Neesen, ein junger Ingenieur, baute auf dem Gelände der heutigen Feuerverzinkerei das Lokwerk mit seiner seinerzeit mustergültigen Produktionstechnik auf und beschäftigte im Jahr 1923 fast 1500 Menschen. Zwischen 1923 und 1928 wurden der Bahn sei dank 527 Wohnungen in der West- und 387 in der Ostsiedlung gebaut.

Bestens im Bilde

Sebastian Kinder aus der Seestraße kennt die Geschichte Kirchmösers vorzüglich. Der Professor für Wirtschaftsgeografie an der Uni Tübingen wurde in Kirchmöser geboren, wuchs aber in Berlin auf, wo er zur Schule ging und studierte. Seine Diplomarbeit schrieb er über Kirchmöser. Dorthin zog es ihn im Jahr 2004 zurück, nach drei Jahren in Brandenburgs Innenstadt. „Als Erwachsener habe ich Kirchmöser für mich wiederentdeckt“, sagt er.

Am Ende des 2.Weltkriegs fand sich Kirchmöser am Abgrund wieder. Das Werk sollte in der NS-Zeit in die Ostukraine verlegt werden. Der Aufbau dort gelang zwar nicht, aber der Flick-Konzern und die Brandenburger Eisenwerke produzierten in der alten Lokhalle nun Flakgeschütze und andere Kriegsgüter. Dort, auf einem überdachten Gleis, parkte auch Hermann Görings Zug, wenn er nicht unterwegs war. „Das Volk wusste davon“, sagt Sebastian Kinder.

Nach Kriegsende erlebte Kirchmöser wieder eine Neuzeit. Der Ort wurde zur riesigen Durchgangsstation für Flüchtlinge, berichtet der Wirtschaftsgeograf. Zugleich entwickelte sich das einst so friedliche Dorf zu einem Armeestandort.

Nach dem Krieg erlebte „Kimö“ eine Neuzeit

Nach der Demontagephase wurde das industrielle Kirchmöser ein zweites Mal Bahnstandort, zunächst als Ausbesserungswerk für Güterwaggons, nach der Eingemeindung 1952 als Hersteller von Weichen und Gleisbaufahrzeugen. Hinzu kam als bestimmenden Faktor das große Walzwerk „Willi Becker“.

Nach der Wende hat sich Kirchmöser im globalisierten Kapitalismus das bisher letzte Mal neu gesucht und vielleicht noch nicht ganz gefunden. Die großen Bahnbetriebe wurden privatisiert, riesige Bahnflächen kommunalisiert und saniert, das Walzwerk eliminiert.

Sebastian Kinder sieht seinen Heimatort in seiner aktuellen Entwicklung auf halber Strecke. Er wünscht sich neue Impulse. Hilfreich wären die zuletzt ausgebliebenen großen Investitionen und ein naher Autobahnanschluss.

Was sonst fehlt: eine echte Ortsmitte. Kirchmöser zerfasert in mindestens zwei Teile – mit den beiden Netto-Supermärkten als jeweilige Zentren. Die alte Teilung in den Westen mit seinen besser gestellten Bewohnern und dem Osten mit eher „einfachen Leuten“ wirkt im Großen und Ganzen bis heute nach.

Von Jürgen Lauterbach

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