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Krankenschwestern beklagen den Dauerstress

Brandenburg an der Havel Krankenschwestern beklagen den Dauerstress

Von Streik spricht bisher niemand. Doch auch die Krankenschwestern im städtischen Klinikum Brandenburg/Havel arbeiten unter Dauerdruck. Die Gewerkschaft Verdi will daher über einen Tarifvertrag Entlastung verhandeln. Geschäftsführerin Gabriele Wolter verweigert sich nicht, benötigt aber die Zustimmung des Rathauses. Kommt von dort ein Nein, drohen Warnstreiks.

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Eine Krankenschwester versorgt einen Patienten.

Quelle: epd

Brandenburg/H. Von Streik wie in der Berliner Charité spricht bisher niemand. Doch auch die Krankenschwestern und Pfleger im städtischen Klinikum Brandenburg/Havel arbeiten unter hohem Stress und Dauerbelastung. Die Gewerkschaft Verdi will daher mit der Klinikleitung über einen Tarifvertrag Entlastung verhandeln. Geschäftsführerin Gabriele Wolter verweigert sich nicht, benötigt aber die Zustimmung des Rathauses. Sagt die Oberbürgermeisterin nein, drohen Warnstreiks.

Am Montag führten Arbeitgeberin und Gewerkschaft ein erstes Gespräch über das Thema tarifvertragliche Entlastung der Pflegekräfte im Klinikum in der Hochstraße. Bis zum nächsten Gespräch in rund fünf Wochen will Verdi seine Vorstellungen konkreter formulieren.

Die Klinikum-Geschäftsleitung wird sich mit ihrem Gesellschafter verständigen, also der Stadt Brandenburg. Denn ein Tarifvertrag hätte wahrscheinlich finanzielle Folgen, also Defizite, die im Zweifel an der Stadt als Krankenhausträger hängen bleiben würden.

Auch wenn die Beschäftigten, die Gewerkschaft, der Betriebsrat und die Geschäftsleitung die Pflegesituation im Haus im Detail unterschiedlich bewerten, wissen alle Beteiligten um die hohe Belastung und Personalengpässe in der Pflege.

Mehrere Schwestern und Pfleger berichteten der MAZ über die täglich erlebte Arbeitsverdichtung. 80 bis 90 Prozent der Dienste im vergangenen Vierteljahr habe sie als einzige Fachkraft auf der Station absolviert, berichtet eine Schwester, die sich aus Angst vor möglichen Konsequenzen scheut, ihren Namen zu nennen. Unterstützt werde sie auf Station dann nur von einer Servicekraft, die aber nur zu 50 Prozent pflegerisch tätig sein und auch nicht alles machen dürfe.

Das Verhältnis, das auf 16 kranke Patienten nur eine Fachkraft kommt, sei in Spätdiensten nicht ungewöhnlich, berichten Klinik-Angestellte. Sie schildern die Entwicklung so: Die Patientenzahl steigt, die Schwere der Behandlungsfälle nimmt zu, die Ansprüche der Patienten werden immer höher, die Diagnostik schafft zusätzliche Aufgaben, die Patientendokumentation raubt viel Zeit, nur die Zahl der Pflegekräfte, die nimmt nach den Erfahrungen der Betroffenen nicht zu.

Unter der früheren Oberin habe einst gegolten, dass „niemand in unserem Krankenhaus allein stirbt“. Die Gesprächspartner der MAZ versichern, dass dieser Grundsatz inzwischen nicht mehr gewährleistet werden könne.

„Ich muss meine Arme überall haben“, erzählt eine langjährige Krankennschwester, die einräumt, dass sie im Zweifel Dokumentationspflichten vernachlässigt zugunsten der Arbeit am Patientenbett.

Wegen der Engpässe ruft die Pflegedirektion Beschäftigte auch zu Hause an, damit sie einspringen weil wieder Not am Mann. Die Beschäftigten weisen auf den Zusammenhang von dauerhaft hoher Arbeitsbelastung, steigender Verantwortung des einzelnen und hohem Krankenstand hin. „Man lebt mit der Katastrophe“, formuliert es Verdi-Verhandlungsführerin Heike Spies,

Manche Pflegekräfte, selbst „Urgesteine“, so heißt es, hielten den Druck nicht aus, kündigten, suchten weniger belastende Arbeit. Pflegekräfte würden überall gebraucht. Auch zum Beispiel im benachbarten St. Marienkrankenhaus, in dem die einzelnen Patienten deutlich länger als in einem Akutkrankenhaus wie der städtischen Klinik behandelt werden.

Ehemalige Beschäftigte hätten auch die Patientenpflege im Strafvollzug, im Maßregelvollzug und in der Helios-Rehaklinik in Hohenstücken als angenehmere Alternativen für sich gewählt, berichten ihre Ex-Kollegen aus der Hochstraße.

Die Klinikumleitung belegt mit Zahlen, dass die eigene Personalausstattung verglichen mit anderen Häusern gut ist. Geschäftsführerin Wolter bewertet den Stellenplan des Klinikums daher als ausreichend und weist zudem auf bestehende Regelungen zur Mindestbesetzung auf den Stationen hin.

Die unzureichende Krankenhausfinanzierung und Probleme im Klinikalltag leugnet die Geschäftsführerin gleichwohl nicht. Sie bestätigt sehr wohl die „enorme“ Belastung des Pflegepersonals durch die kurzen Liegezeiten, die strengen Dokumentationspflichten, die zeitweise hohen Krankheitsausfälle und die erheblichen Schwierigkeiten, Stellen in der Pflege nachzubesetzen, etwa bei Beschäftigungsverboten wegen Schwangerschaft. Pflegekräfte sind rar. Wolter: „Die Nachbesetzung dauert dann oft Monate.“

Anfang Oktober könnte eine gewisse Entspannung eintreten. Dann haben 16 Schwesternschülerinnen ausgelernt und treten ihre Stellen im Klinikum an. Im Oktober wird auch der monatelang geschlossene Stationsflügel wieder geöffnet (s. Infobox).

Gewerkschafterin Heike Spies sieht derzeit noch keinen Grund mit Streiks zu drohen, vertraut auf die Aufnahme von Tarifverhandlungen. Nur wenn sich die Stadt als Träger dagegen sperren sollte, könnten -Warnstreiks ein Thema werden. Im Übrigen bestätigt die Verdi-Verhandlungsführerin, dass das Brandenburger Klinikum keineswegs ein Ausnahmefall ist. „In allen Krankenhäusern sieht es katastrophal aus“, sagt sie.

Allerdings rät Heike Spies den Schwestern und Pflegern auf ihre Gesundheit zu achten: „Wenn die Pflegedienstleistung anruft, um wieder einmal Löcher zu stopfen, sollten sie vielleicht nicht ans Telefon gehen.“

Von Jürgen Lauterbach

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