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Künstler zeigen ihre Kindheitserinnerungen

22. Rohkunstbau Künstler zeigen ihre Kindheitserinnerungen

Es liegt im Dornröschenschlaf, das Roskower Herrenhaus, seit 2005 leerstehend, malerisch schön, verwunschen, ein Ort magischer Ausstrahlung inmitten des märkischen Dorfes nahe Brandenburg an der Havel. Im verlassenen Park blühen im struppigem Gras Margeriten. Hier ist nun eine Ausstellung von elf internationalen Künstlern zu sehen.

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Kunst in der Kiste: Wer sie öffnet, hat sichtlich seinen Spaß daran, wie hier Luce William Noel.

Quelle: Maloszyk

Roskow. Es liegt im Dornröschenschlaf, das Roskower Herrenhaus, seit 2005 leerstehend, malerisch schön, verwunschen, ein Ort magischer Ausstrahlung inmitten des märkischen Dorfes nahe Brandenburg. Im verlassenen Park blühen im struppigen Gras Margeriten. An Zweigen baumelnde Schilder warnen davor, auf die altersschwachen Bäume zu klettern.

Von weitem ein graubrauner unsanierter Klotz, erschließt sich die spröde Anmut dieses Bauwerks mit jedem Schritt des Näherkommens und vollends nach dem Öffnen der schweren eichernen Eingangstür, nachdem die Alarmanlage entsichert und der Zutritt so ermöglicht wird. Eine Telefonsprechanlage aus Kaiserszeiten mit Plastikhörer aus DDR-Produktion ist der erste verblüffende Anblick, dann einige Stufen hoch steht der Besucher im Empfangsraum auf fast 300 Jahre alten und unterarmbreiten Bodendielen. Der Geruch eines verstaubten Heimatmuseums durchströmt die Schlosssäle.

Kristina Worthmann von der Heinrich-Böll-Stiftung im Schloss Roskow

Kristina Worthmann von der Heinrich-Böll-Stiftung im Schloss Roskow.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Ab dem 9. Juli, in wenigen Tagen also, erwacht das Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert erneut zu Leben. Erneut ist es die renommierte mittlerweile 22. Rohkunstbau-Ausstellung, die dem Anwesen derer von Katte auf künstlerisch-schillernde und bunte Weise Leben einhaucht. Es wiederbelebt, reanimiert. Wenigstens für ein paar Wochen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat wieder eine illustre Schar internationaler Künstler für die Rohkunstbau-Schau gewonnen, Kurator ist Mark Gisbourne. Zu den elf Künstlern zählen Edouard Barbeaud aus Frankreich, Ammar al-Beik und Hamid Sulaiman aus Syrien, die Deutschen Clemens Krauss, Peter Stauss und der Potsdamer Arne Schreiber. Aus England ist Ryan Mosley, aus Nigeria die Bildhauerin Sokari Douglas Camp, aus den USA stammt Anthony Goicolea und aus China die Konzeptkünstlerin und Kalligraphin Jia.

22. Rohkunstbau

Elf Künstler aus Europa, Afrika, Asien und Amerika umspielen auf Schloss Roskow die Lebens- und Gefühlswelten der Kinder des 21. Jahrhunderts. Die Malereien, Zeichnungen, Skulpturen, Videos und Multimediaarbeiten zeigen Phantasiereisen und Traumwelten. Dabei knüpfen die Künstler an eigene Kindheitserinnerungen an.

Seit 2013 ist die 1994 gegründete jährliche Rohkunstbau im Kulturschloss Roskow beheimatet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebäude Flüchtlingsheim, danach jahrzehntelang die Dorfschule.

Zu sehen ist der 22. Rohkunstbau im Schloss Roskow, Dorfstraße 30, vom 10. Juli bis zum 18. September jeweils samstags und sonntags von 12 Uhr bis 18 Uhr.

Acht der rund 30 Ausstellungsstücke sind aus der Hand von der in London lebenden spanischen Objektkünstlerin Angela de la Cruz, die 2010 für den Turner-Preis nominiert war, dem bedeutendsten Kunstpreis in Großbritannien. In schweren hüfthohen Holzkisten hat eine auf den internationalen Transport von Kunstwerken spezialisierte Speditionsfirma Angela de la Cruz’ Skulpturen bereits angeliefert. Sorgsam stabilisiert sind die empfindsamen Quader aus Aluminium durch gepolsterte Holzleisten im Innern der Kisten.

Kristina Worthmann, Produktionsleiterin des Rohkunstbaus, ist an diesem Tag gemeinsam mit Luce William Noel zum Kulturschloss aufgebrochen. Noel ist der Assistent von Angela de la Cruz, just aus London angereist und selbst Künstler, aber an diesem Morgen Handwerker, der an der Werkzeugausstattung des Gutshauses eigentlich verzweifeln dürfte, es aber lächelnd nicht tut. „Es gibt einfach nichts, es ist alles roh, es ist nichts da, das genau ist das Spannende an diesem Ausstellungsort“, sagt Kristina Worthmann, die im April erstmals das nur spärlich möblierte Schloss betreten hat.

Zerbrechliche Aluminiumquader erblicken das Licht

Traurig findet sie den morbiden Anblick nicht, auch nicht verfallen, sondern künstlerisch spannend, faszinierend. „Running down“, diese englische Bezeichnung passe viel besser zu der Atmosphäre, sagt Worthmann. Selbst die Handtücher musste die 38-Jährige selbst mitbringen. Der eine Stunde zuvor angeschaffte Akkuschrauber erweist sich als unvollständig. So schraubt Noel per Hand die Kisten auf und befördert die zerbrechlichen Aluminiumquader ans Licht, diese faltigen, verbeulten und hochempfindlichen Objekte. Hellgelb lugt das erste aus seinem Holzverschlag hervor.

Sie sehen beschädigt und doch in ihren klaren Farben unversehrt aus, die Skulpturen der 51-Jährigen Künstlerin de la Cruz, die seit einem 2005 erlittenem Aneurysma auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Die Worte Kofi Annans aufgegriffen

Die meisten der Künstler haben die Werke eigens für den Rohkunstbau angefertigt im Auftrag der Böll-Stiftung. Die Objekte sind angepasst dem diesjährigen Leitspruch „Zwischen den Welten – Between the Worlds“. Angelehnt an die Ermahnung Kofi Annans, des früheren UN-Generalsekretärs: Nichts ist heiliger als der Schatz, den die Welt mit Kindern besitzt. Nichts ist wichtiger als sicherzustellen, dass die Rechte von Kindern respektiert werden, dass ihr Wohlergehen garantiert ist, dass sie frei von Angst und Entbehrung leben und in Frieden aufwachsen können.“ Der Titel soll auch an die „zwischen den Welten“ herumirrenden Flüchtlingstrecks erinnern mit Kindern und Jugendlichen. Für sie bedeute der Aufbruch ins Ungewisse oft einen jähen Abbruch der Kindheit oder sogar des Lebens, heißt es seitens der Böll-Stiftung.

Noel und Worthmann hantieren mit der Kunst noch mehrere Stunden an diesem Juni-Vormittag, platzieren sie in einem der frisch gestrichenen Säle - in Erwartung der Vernissage am 9. Juli. Sie wird ein Fest, bunt und fröhlich mit Sekt und Selters, für Kind und Kegel aus dem Großraum Berlin und Brandenburg, im Spannungsfeld zwischen internationaler Kunst und einem sonst einsamen Schloss.

Von Marion von Imhoff

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