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Leben im Dreierpack: Familie, Beruf, Studium

Michael Käseberg (47) schafft Hochschule ohne Abitur Leben im Dreierpack: Familie, Beruf, Studium

Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Michael Käseberg hat nach sechs Semestern alle Prüfungen absolviert. Er hat nur noch das Praxissemester und seine Bachelorarbeit vor sich, spätestens Mitte 2017 ist er studierter Betriebswirt. Das Besondere: Der Brandenburger ist 47 Jahre alt, voll berufstätiger Familienvater und studiert ohne Abitur.

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Sohn Lucas und Ehefrau Karina unterstützen Betriebswirtschaftsstudent Michael Käseberg

Quelle: Heike Schulze

Brandenburg/H. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches: Michael Käseberg hat nach sechs Semestern alle Prüfungen absolviert. Er hat nur noch das Praxissemester und seine Bachelorarbeit vor sich, spätestens Mitte 2017 ist er studierter Betriebswirt. Das Besondere: Der Brandenburger ist 47 Jahre alt, voll berufstätiger Familienvater und studiert ohne Abitur an der Technischen Hochschule Brandenburg (THB).

Im Gegensatz zu den meisten Studenten blickt Michael Käseberg schon auf ein fast 30-jähriges Berufsleben zurück. Nach zehn Jahren an der Lenin-Oberschule und der Ausbildung zum Facharbeiter für Maschinen- und Anlagenbau hat er als Instandhalter im Baumaschinenkombinat (BMK Ost) und in der VEB Folienerzeugnisse gearbeitet.

Bei seinem heutigen Arbeitgeber ZF in der Caasmannstraße hat er sich seit 1992 vom Monteur zum Verantwortlichen im internen Logistikbereich hochgearbeitet. „Ohne Hochschulabschluss habe ich damit das Ende der Fahnenstange erreicht“, erzählt der Vater von Janine (23) und Lucas (5). Neben seinem Beruf paukte er als Fernstudent der THB, um den Bachelor in Betriebswirtschaftslehre (BWL) zu erreichen.

Michael Käseberg steht voll im Berufsleben

Michael Käseberg steht voll im Berufsleben.

Quelle: Heike Schulze

„Ich wollte eigentlich immer studieren, aber dann sprachen entweder zeitliche, familiäre oder gesundheitliche Gründe dagegen“, erzählt der Göttiner. Der Wechsel bei ZF in die Logistik sei so etwas wie die Initialzündung für den schlummernden Studienwunsch gewesen. Doch es gab ein hohes Hindernis, nämlich das „Killerkriterium Abitur“. Ohne Abitur keine Hochschulzulassung.

Erfolgreiches Studium auch ohne Abitur

Seit Jahren wächst die Zahl der Studenten ohne Abitur kontinuierlich, zuletzt waren bundesweit gut 46 000 Menschen aus der Gruppe immatrikuliert, fast doppelt so viele wie 2010, haben das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und der Stifterverband für die Wissenschaft errechnet.

An der Technischen Hochschule Brandenburg (THB) können Studieninteressierte auch ohne formale schulische Hochschulzugangsberechtigung ein Studium aufnehmen.

Voraussetzung ist der Meisterabschluss oder eine berufliche Vorqualifikation, in Brandenburg der Schulabschluss Sekundarstufe I, ein einschlägiger Ausbildungsabschluss und zwei Jahre Berufserfahrung.

Im Wintersemester 2014/15 hatten 170 der 2606 Studierende an der THB (6,5 Prozent) keine formale Hochschulzugangsberechtigung. Im berufsbegleitenden Format studieren etwa 25 Prozent ohne Abitur.

Das durchschnittliche Alter der Studierenden im berufsbegleitenden Bachelor Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der THB liegt bei 27 Jahren. Die älteste Studierende ist 51 Jahre alt.

Die Erfahrungen aus den berufsbegleitenden Studiengängen der THB zeigen deutlich, dass ein Abitur nicht ausschlaggebend für einen erfolgreichen Studienabschluss ist, berichtet Eva Friedrich, die das Zentrum für Durchlässigkeit und Diversität (ZDD) an der THB leitet.

Das . Anfang 2014 gegründete ZDD ist Ansprechpartner für alle Fragen des berufsbegleitenden Qualifizierens auf hochschulischem Niveau und der Verknüpfung von beruflicher und hochschulischer Bildung. Das Zentrum berät und bietet Brückenkurse und Vorbereitungskurse an (Telefon: 033 81 / 35 52 86, E-Mail: zddinfo@th-brandenburg.de).

2012 ermöglichte die Fachhochschule seiner Heimatstadt unter bestimmten Voraussetzungen erstmals auch Menschen ohne Abitur den Zugang. Michael Käseberg erfüllt zwar diese Voraussetzungen. „Doch ohne den Rückhalt meiner Frau und meiner Familie hätte ich das trotzdem nicht geschafft“, versichert er.

Nicht nur das Geld fürs Fernstudium muss erst einmal aufgebracht werden: 611 Euro pro Semester, ein vergleichsweise günstiger Tarif. Die Zeit ist für einen voll berufstätigen Menschen mit Familie knapp bemessen. Michael Käseberg opferte den gemütlichen Feierabend mehrmals in der Woche den Stunden am Schreibtisch.

Eva Friedrich leitet das Zentrum für Durchlässigkeit und Diversität an der TH Brandenburg

Eva Friedrich leitet das Zentrum für Durchlässigkeit und Diversität an der TH Brandenburg.

Quelle: Heike Schulze

Jeden zweiten Freitagnachmittag und den kompletten Samstag steuerte er die Vorlesungen und Übungen in der Magdeburger Straße an, um die ständigen Klausuren mit Erfolg zu bewältigen.

Michael Käseberg setzte sich zunächst kleinere Ziele: die Vorbereitungskurse bestehen, die mathematischen Kenntnisse verbessern, Grundlagen in der englischen Sprache erwerben, denn an seiner Schule hatte er keinen Englischunterricht bekommen. Nach zwei Semestern wurde klar: Das Ziel Bachelorabschluss ist erreichbar.

Ob und inwieweit der akademische Abschluss das berufliche Weiterkommen fördert ist offen. „Ich erweitere aber bestimmt meine Möglichkeiten“, sagt der BWL-Student. Ihn motiviert nicht nur der künftige Berufsweg, sondern auch die persönlicher Weiterentwicklung.

Für sich selbst hat der Getriebewerker durchs Studium viel gelernt, das wissenschaftliche Recherchieren zum Beispiel, das strukturierte, prozessorientierte Abarbeiten von Aufgaben, der bessere Blick für betriebs- und volkswirtschaftliche Probleme und Lösungen.

Ein Theoretiker ist aus Michael Käseberg gleichwohl nicht geworden. Sein Studium sei praxisnah, die einzelnen Module des Studiengans erlebt er als praxisnah. So hat auch das Thema seiner Bachelorarbeit einen handfesten Bezug. Sein Thema dreht sich um Material- und Transportflüsse innerhalb eines Unternehmens.

Davon versteht der Profilogistiker etwas. Seit mehreren Jahren arbeitet er bei Zf verantwortlich im Behältermanagement. „Strukturiert und strategisch zu denken habe ich hier richtig gelernt“, versichert Käseberg.

Von Jürgen Lauterbach

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