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Lehnin: Flüchtlinge lernen fleißig Deutsch

„Plötzlich war ich Lehrerin“ Lehnin: Flüchtlinge lernen fleißig Deutsch

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Das wird auch den rund 100 Kriegsflüchtlingen und Asylbewerbern im Lehniner Übergangswohnheim klar. Hilfe bekommen sie unter anderem von Silke Sander. Sie gibt einmal in der Woche ehrenamtlich Deutschunterricht. Dabei kann es sehr lustig zugehen.

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Silke Sander gibt jeden Montag Deutschunterricht im Übergangswohnheim in der Lehniner Waldsiedlung.

Quelle: Jaqueline Steiner

Lehnin. „Ich zeige euch eine Zahl. Ihr sagt mir, welche es ist.“ Vor ihrer Klasse hält Silke Sander (39) Zettel in die Höhe. Der Reihe nach antworten Männer, Frauen und Jugendliche – oder sie versuchen es zumindest. Jakob aus Afghanistan kommt die 20 schwer über die Lippen. Die deutsche Aussprache ist schwierig. Bei Z wie Zahn sagen fast alle Schüler SSSahn. Deshalb ringt auch Jakob mit der SSSwansig, unermüdlich korrigiert von der ehrenamtlichen Lehrerin. Ungeduldige Vorsager ruft die stets lächelnde, aber resolute Silke Sander zur Ordnung. Dann die nächste Schwierigkeitsstufe. „Den ganzen Satz, bitte!“, fordert sie ihre Schützlinge auf. Bei „Der Wecker kostet 15,80 Cent“ holpert es noch mächtig im deutschen Sprachschatz der Flüchtlinge. Aber gemeinsam kommt die Klasse voran.

Jeden Montag gibt Silke Sander eine Doppelstunde Deutsch in einem renovierten Kellerraum der Lehniner Waldsiedlung. Wo noch bis im vergangenen Jahr Saisonkräfte für die Spargelernte untergebracht waren, leben derzeit um die 100 Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge. Ohne Deutschkenntnisse ist eine erfolgreiche Integration undenkbar. Deshalb ist die Nachfrage im Übergangswohnheim riesig. „Die Ankömmlinge wollen unbedingt schnell Deutsch lernen und fragen laufend die Sozialarbeiter, wann es endlich Unterricht gäbe. Am liebsten täglich. Plötzlich war ich Lehrerin“, berichtet Silke Sander. Sie selbst lebt in Lehnin und arbeitet tagsüber als Produktionskoordinatorin für verschiedene Filmgesellschaften. Ihr Beruf hat sie um die halbe Welt geführt. In andere Kulturen einzutauchen, gehört für die junge Frau zum Alltag.

Ehrenamtliche Helfer

„Miteinander in Kloster Lehnin“ nennt sich eine ehrenamtlich organisierte Gruppe von Bürgern in Kloster Lehnin, die sich für den guten und sicheren Aufenthalt von Flüchtlingen in der Gemeinde stark macht. In mehren Arbeitsgruppen kümmern sich die Männer und Frauen unter anderem um Spenden, Sprache, Patenschaft, Freizeitangebote, Medizin & Therapie und Vernetzung. Erst vor wenigen Tagen wurde im Übergangswohnheim Waldsiedlung eine Kleiderkammer eröffnet. Das Engagement der Arbeitsgruppe wird durch die Gemeinde Kloster Lehnin unterstützt.

In Kloster Lehnin gibt es derzeit drei Standorte, an denen Flüchtlinge untergebracht sind. Für Erwachsene und Familien ist das Übergangswohnheim in der Lehniner Waldsiedlung zuständig. Alleinstehende Jugendliche werden in der Lehniner Gohlitzstraße sowie in der Damsdorfer Hauptstraße aufgenommen.

Afghanen, Iraner und Pakistani – alles, was Silke Sander ihren Schülern beibringt, basiert auf ehrenamtlichem Engagement. „Das ist jetzt meine Klasse“, sagt sie stolz. Mit ihrem freiwilligen Nebenjob will Silke Sander ein Zeichen setzen gegen Horrormeldungen, Fremdenhass und Intoleranz. Sie spricht kein Persisch, nicht Arabisch und auch kein Pashto, eine in Afghanistan gesprochene Sprache. Aber dafür fließend Englisch. Und Französisch geht auch ganz gut. Ein Iraner, der schon passabel Deutsch kann, hilft bei der Übersetzung für die Perser. „Manche im Kurs können gar nicht schreiben, andere nur in ihrer Landessprache. Meine jüngsten Schüler sind knapp 18, die ältesten Mitte 40. Auch die Berufe sind bunt gemischt. Es gibt Kaufleute, Bauern, Frisöre, Studenten. Einer war sogar Panzerfahrer. Es ist also keine besonders homogene Gruppe. Aber es geht. Und es ist lustig. Manchmal sogar sehr lustig“, beschreibt Silke Sander die Stimmung in ihrem Abendkurs.

Zu Silke Sanders Klasse gehören Flüchtlinge  aus drei Nationen

Zu Silke Sanders Klasse gehören Flüchtlinge aus drei Nationen.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Zum Beispiel wenn die ersten deutschen Sätze geübt werden: Ich heiße Silke, Jawad, Mohammad, Jaoub, Hadi und so weiter.“ Nein, nicht „ich scheiße Ali“ – sondern ich h-heiße. Es ist ein Unterschied, ob ich heiße oder scheiße. Dank zweier Übersetzer grinst die ganze Klasse. Jedem leuchtet ein, dass es auf die richtige Aussprache ankommt. Manchmal wird im Unterricht geschimpft wenn es zu laut wird, weil zu viele Männer gleichzeitig probieren, sich gegenseitig die Aussprache von seltsamen deutschen Begriffen beizubringen. Dann gibt es traurige Momente, wenn Wörter wie Mutter und Vater gelernt werden. Dann wandern die Gedanken nach Hause zu den Lieben.

Dass es im Übergangswohnheim überhaupt einen Unterrichtsraum mit Schultafel, Kreide, Tischen und Stühlen gibt, ist vielen Spendern zu verdanken. Noch sind die ehrenamtlichen „Teacher“ auf sich allein gestellt. Der vom Heimträger angekündigte professionelle Unterricht lässt auf sich warten. Die fleißigen Deutschschüler wissen sich bis zum nächsten Unterricht zu helfen. Sie pauken in der Nacht mit dem Mann vom Wachschutz. Der muss sich nicht langweilen und Silke Sanders Schüler lernen schneller dazu.

Von Frank Bürstenbinder

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