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Brandenburg/Havel Letzte Braki-Hose kommt aus Ziesar
Lokales Brandenburg/Havel Letzte Braki-Hose kommt aus Ziesar
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10:58 09.10.2017
Die ehemaligen Braki-Näherinnen Marina Brückner, Sieglinde Miethe und Helgas Drost (v.l.) mit der am Wochenende genähten letzten Kinderhose. Quelle: Silvia Zimmermann
Ziesar

Noch einmal setzt sich Sieglinde Miethe an die Nähmaschine. Zuerst die Taschen, es folgen Schlitz und Knopfleiste. Dann sind Seitennähte, Schrittnähte und Gesäßnaht an der Reihe. Zwischenbügeln, Bund und Bein säumen, Knöpfe annähen. Und zum Schluss staffieren und säumen. Fertig ist die Kinderhose „Made in Ziesar“. Im Heimatmuseum geht es nicht mehr um Planerfüllung, Leistungslohn und den Weltfrieden. Die endgültig letzte Braki-Hose aus blauem Jeansstoff entsteht unter immer noch flinken Händen als Erinnerung an die Lebensleistung vieler Näherinnen.

Zwölf Betriebsteile

Die Produktion von Kinderbekleidung in Ziesar wurde am 27. September 1957 aufgenommen. Daneben gab es auch noch Heimarbeitsplätze. Die Nähmaschinen in den Brigaden „Freundschaft“ und „Ernst Thälmann“ schnurrten von 6 bis 23 Uhr.

Viele Frauen stiegen ungelernt in die Produktion ein. Nebenbei absolvierten sie ihre Facharbeiterausbildung. Geprägt wurde der Betriebsteil Ziesar über lange Jahre durch die in diesem Jahr verstorbene ehemalige Produktionsleiterin Hanna Andree. Das tägliche Soll belief sich je nach Hosenform auf 1000 bis 1600 Hosen.

Der VEB Brandenburger Kinderbekleidung (Braki) mit Hauptsitz in der Rosa-Luxemburg-Straße (Kirchhofstraße) hatte zwölf Betriebsteile. Neben Ziesar auch in Lehnin und zeitweise in Golzow. Braki gehörte zum VEB Kombinat Oberbekleidung Erfurt.

Dass zu DDR-Zeiten hunderttausende Kinderhosen den Ziesarer Werkteil des VEB Kinderbekleidung Brandenburg (Braki) verließen, wäre beinahe in Vergessenheit geraten. Doch mit einer Sonderausstellung würdigt der Kultur-und Heimatverein ein nicht unbedeutendes Stück Industrie- und Alltagsgeschichte. Großbetriebe in Brandenburg nutzten das Arbeitskräftepotenzial auf dem Lande. An die 100 Frauen nähten in der ehemaligen Konservenfabrik Krause in der Ernst-Thälmann-Straße (heute wieder Brandenburger Tor), für Quelle, Neckermann, C & A und die Sowjetunion. „Der Produktionsstart vor genau 60 Jahren gab den Anlass die Arbeit der Braki-Frauen noch einmal zu würdigen“, sagte Vereinsvorsitzende Silvia Zimmermann der MAZ.

Bernhard Schragow richtet die Nähmaschine für die letzte Braki-Hose ein. Quelle: Frank Bürstenbinder

Die ehemaligen Näherinnen zeigten sich dankbar. Viele halfen mit Fotos, persönlichen Erinnerungen, Garn, Schnittmustern , Stoffen und Nähmaschinen aus. Zur Eröffnung der Sonderausstellung waren fast alle Plätze im Glassaal der Burg gefüllt. „Die große Resonanz zeigt, welche wichtige Rolle Braki in der Erinnerung immer noch spielt. Wir haben alle hier gelebt und viel geschaffen“, sagte Bürgermeister Dieter Sehm (SPD) unter dem Beifall der Gäste. Heute kann die Stadt von so vielen gut bezahlten Industriearbeitsplätzen für Frauen nur träumen. Denn im Sommer 1991 war Schluss. Braki machte auch das Werk in Ziesar dicht. Für Ziesar und viele umliegende Dörfer ein Zäsur.

Los geht´s: Nach 26 Jahren greift Sieglinde Miethe wieder zum Braki-Stoff. Quelle: Frank Bürstenbinder

„Die Leistung musste kommen. Davon hing der Lohn ab. Aber es war eine schöne Zeit bei Braki“, erinnert sich die ehemalige Näherin Regina Requardt. In guten Monaten waren schon mal 800 Mark drin. Das war mehr als mancher Mann in der LPG verdiente. Doch es wurde nicht nur gearbeitet. Die Brigade- , Frauentags- und Faschingsfeiern in Ziesar waren legendär. Gemeinsam ging es in die Kartoffelernte. Und wenn es wieder einmal zur Auszeichnung als Kollektiv der sozialistischen Arbeit gereicht hatte, musste die Urkunde begossen werden.

Blick in die Braki-Produktionsstätte Ziesar. Quelle: privat

Auch aus dem Brandenburger Stammwerk kamen ehemalige Braki-Mitarbeiterinnen zur Ausstellungseröffnung. Darunter die ehemalige Haupttechnologin Irmgard Kyritz. Sie übergab dem Kultur- und Heimatverein Original-Stoffproben und Modellzeichnungen.

Ehemalige Braki-Mitarbeiterinnen in der Sonderausstellung im Heimatmuseum. Quelle: Frank Bürstenbinder

Zu den wenigen Braki-Männern gehörten die Hausmeister Willi Andree und Manfred Fatke. Als Mechaniker kümmerte sich Bernhard Schragow um den Maschinenpark. „Abgebrochene Nadeln konnte jeder selbst wechseln. Aber wenn es an einer Nähmaschine heftiger klemmte, war meine Hilfe gefragt“, erinnerte sich Schragow. Zur Eröffnung der Sonderausstellung übernahm Siegrid Tieke eine besondere Aufgabe. Sie war von 1987 bis zur Schließung Produktionsstättenleiterin. Mit einem Glas Sekt verabschiedete sie damals alle Mitarbeiter in eine ungewisse Zukunft. Diesmal stieß sie mit ihren Leuten auf die wirklich letzte Braki-Hose an.

Von Frank Bürstenbinder

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