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Lilly aus Wust wird mit weiten Wegen bestraft

Mutter wehrt sich gegen Schulamt Lilly aus Wust wird mit weiten Wegen bestraft

Wenn Lilly (12) aus dem Brandenburger Ortsteil Wust in diesem Sommer in die 7. Klasse wechselt, erhält sie eine saftige Strafe des Staatlichen Schulamtes. Weil ihre Familie so weit draußen wohnt, darf Lilly nicht auf ihre Wunschschulen gehen, sondern soll einen viel weiteren Weg nach Hohenstücken in Kauf nehmen. Die Mutter wehrt sich mit einer Rechtsanwältin.

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Manche Schulweg sind lang. Die Route unten zeigt die Radstrecke zwischen Haltestelle und den Schulen.

Quelle: dpa

Brandenburg/H. Wenn Lilly (12) aus Wust in diesem Sommer nach der 6. Klasse die Fontaneschule verlässt, erhält die Schülerin erst einmal eine saftige Strafe der Schulverwaltung. Weil ihre Familie so weit draußen wohnt, darf sie nicht auf ihre Wunschschulen in Nord oder am Nicolaiplatz wechseln, sondern muss um 6.36 Uhr in ihrem Dorf losfahren, um zum Unterricht pünktlich am anderen Ende der Stadt anzukommen. Das Staatliche Schulamt will sie nach Hohenstücken in der Otto-Tschirch-Schule schicken. Die Mutter hat eine Anwältin eingeschaltet.

Heike Flade aus Wust hatte ihre Tochter Lilly für die Oberschule Nord und als Zweitwunsch für die Nicolaischule angemeldet. Doch beide Schulen lehnten die Sechstklässlerin ab, weil sich dort mehr Schüler angemeldet haben als sie aufnehmen können. In solchen Fällen gewinnt, wer relativ nah an der Schule wohnt. Die Oberschulen legen also Elle und Zollstocke an und rechnen aus, welche Kinder am nächsten dran sind. Den Zuschlag nach dem Wohnortprinzip sieht das Schulgesetz des Landes vor.

Keine Chance auf einen Platz in der Stadt

Wer also in der Neustadt, in der Altstadt oder in Nord wohnt, muss sich nie Sorgen machen, von den nahe gelegenen Oberschulen Nord oder Nicolai abgelehnt zu werden. Das Nachsehen haben Schüler wie Lilly, die in den Ortsteilen der Stadt oder in den angrenzenden Gemeinden der Stadt leben. Sie haben geografisch nie eine Chance gegen ihre innerstädtischen Altersgenossen.

Die Route unten zeigt die Strecke zwischen der Bushaltestelle in Wust und der Otto-Tschirch-Schule in Hohenstücken, die Lilly alternativ mit dem Fahrrad zurücklegen könnte, vorbei an der Nicolaischule und der Oberschule Nord.

Die SPD-Stadtverordnete Nicole Näther aus Gollwitz ist empört über diese ortsteilkinderfeindliche Praxis des Ü7-Auswahlverfahrens. Sie hat daher kritische Fragen an die Schulverwaltung gestellt. Näther versteht auch nicht, warum manche Kinder im noch weiter entfernten Gollwitz ihre Wunschschule in Nord oder in der Stadtmitte bekommen haben, andere wiederum nicht.

Gleiches gilt für Wust, wo nur Lilly in Hohenstücken zwangseingewiesen werden soll – als einzige aus ihrem Dorf und aus ihrer Grundschulklasse.

Anwältin will Auswahlverfahren angreifen

Ob sie künftig tatsächlich die lange Reise – an ihren Wunschschulen vorbei – von Wust nach Hohenstücken antreten muss, hängt vom Ausgang des Widerspruchsverfahrens ab. Lillys Mutter hat Rechtsanwältin Heike Hase eingeschaltet, um es ihrer Tochter zu ersparen, den frühen Bus um kurz nach halb sieben zu nehmen und dann nach ihrer Ankunft in Hohenstücken rund 40 Minuten auf den Unterrichtsbeginn zu warten. Spätere Bus-Bahn-Verbindungen würden zu spät an der Tschirch-Oberschule ankommen.

Auswahlverfahren: West siegt gegen Wust

Krux im Übergangsverfahren ist die gesetzliche Regelung, dass bei Oberschulen abgesehen von Härtefällen nur die Entfernung einer Schule zum jeweiligen Wohnort der Schüler zählt.

Alle Oberschulen (außer Kirchmöser) liegen westlich der Havel. Wer dort wohnt, kann sich die Schule aussuchen. Schüler östlich der Havel sind gegen sie chancenlos, kritisiert Rechtsanwältin Heike Hase das Gesetz.

Den Widerspruch im Fall Wust begründet sie mit dem „fehlerhaften Auswahlverfahren“. Sie vermisst die ermessensgerechte Abwägung der Härtegründe unter den Schülern.

Die Anwältin will im Falle Lilly das Auswahlverfahren angreifen und auf die persönlichen Härten hinweisen. Heike Hase hat Akteneinsicht genommen und ist auf einige Widersprüche und Kuriositäten gestoßen. So darf ein Schüler locker auf die Nord-Oberschule wechseln, auch wenn er nur 300 Meter entfernt wohnt von der Oberschule in Hohenstücken.

Verteilungsproblem hat sich verschärft

Lilly ist kein Einzelfall, die die SPD-Politikerin Näther herausgefunden hat. Die Verwaltung bestätigt ihr, dass 18 Kinder über die Wohnortregelung des Gesetzes gestolpert sind und von beiden Wunschschulen abgelehnt wurden. Sieben von ihnen leben in Kirchmöser oder Plaue, je drei in Gollwitz/Wust und Wilhelmsdorf, je zwei in Pritzerbe und Radewege und eins in Roskow.

Die städtischen Oberschulen nehmen insgesamt 29 Kinder aus dem benachbarten Landkreis auf. Das Verteilungsproblem ist in diesem Jahr deutlicher als in den Vorjahren, weil mehr Eltern ihre Kinder zulasten der Gymnasien an den Oberschulen angemeldet haben.

Von Jürgen Lauterbach

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