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Brandenburg/Havel „Mädchen erleben täglich Pornos im Netz“
Lokales Brandenburg/Havel „Mädchen erleben täglich Pornos im Netz“
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14:19 06.02.2015
Julia von Weiler: Wenn wir früher Mist gebaut haben, wurde das höchstens zum Dorfgespräch. Quelle: J. Steiner
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MAZ: Sie sprechen vom Leben im Zeitalter des digitalen Exhibitionismus. Wer sind die Exhibitionisten: Kinder und Jugendliche?
Julia von Weiler: Nein, nicht nur. Erwachsene twittern auch, sind auf Xing oder anderen Plattformen und stellen sich dar. Natürlich tun das Kinder und Jugendliche auch. Und wenn fast 30 Prozent der 6- bis 9-Jährigen und 70 Prozent der 10- bis 13-Jährigen ein eigenes Smartphone besitzen und somit das Internet immer bei sich tragen, steigt außerdem die Gefahr, dass sie mittels digitaler Medien mit Pornografie konfrontiert oder gar zu Opfern sexualisierter Gewalt werden.

Wie das?
Von Weiler: Die Hochschule der Medien in Stuttgart hat herausgefunden, dass Jungen täglich Pornos schauen und Mädchen täglich Pornos im Netz erleben. Alle Jugendlichen gaben außerdem an, im Internet unfreiwillig sexualisierten Inhalten zu begegnen.

Sind sie damit schon Opfer?
Von Weiler: Ja durchaus – denn häufig sehen und hören sie verstörende Dinge, die sie nur schwer wieder loswerden. Mädchen zum Beispiel finden solche Pornos meistens „ekelig“. Alle Jugendlichen dieser Studie lehnten Gewalt- und Ekelpornografie einhellig ab – zum Schutz der Jüngeren. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass Sexting zunehmend zum Problem wird.

Was ist das?
Von Weiler: Das aus Sex und Texting zusammengesetzte Wort meint das Versenden von sexualisierten Inhalten. Problemtisch kann dieses Sexting werden, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher sich in jemanden verliebt hat, der umgekehrt vielleicht nicht so verliebt ist. Der hält es dann womöglich für eine total lustige Idee, das sexy Bild zu verbreiten. Dann ist schnell kein Halten mehr.

Inwiefern?
Von Weiler: Die Dimension ist heutzutage gigantisch. Die IWF (Internet Watch Foundation) hat herausgefunden, dass 88 Prozent der Sexting-Fotos auf parasitären, oft pornografischen Seiten im Internet landen. Wenn wir früher Mist gebaut haben, haben wir einander Stein und Bein geschworen, dass wir nichts erzählen. Wenn jemand in einem unbedachten Moment doch was gesagt hat, war das vielleicht eine Woche Dorfgespräch. Aber es gab in der Regel keine Filme und keine Bilder. Heutzutage gibt es ein Dokument im Internet, das öffentlich bleibt. Das Mädchen oder der Junge sind also permanent bloßgestellt.

Sind andere Jugendliche das Hauptproblem?
Von Weiler: Einerseits sind es andere, oft ältere Jugendliche. Andererseits auch Erwachsene, völlig fremde Leute, die im Netz das Vertrauen von Kindern gewinnen.

Wie schaffen das solche Fremden?
Von Weiler: Sie haben durch die digitalen Medien ein ganz neues Spielfeld gewonnen. Damit bekommen sie einen direkten und vor allem total ungestörten Kontakt zum Kind. Die Täter gehen strategisch auf sie zu, loten deren Bedürfnisse aus, prüfen, mit welcher Art von Zuwendung sie sich annähern können.

Woher wissen die so gut Bescheid?
Von Weiler: Sie nutzen Plattformen wie Facebook, Whatsapp und Instagram oder bieten sich Kindern als Partner bei eigentlich harmlosen digitalen Spielen an. Darüber gewinnen sie Eindrücke von dem jeweiligen Kind und finden Anknüpfungspunkte, um den Kontakt zu vertiefen. Die Mühe, sich körperlich zu nähern, womöglich Kindern an einer Schule aufzulauern, müssen Täter sich nicht mehr machen. Kinder sind oft arglos und haben ganz schlechte Chancen, die Strategie der Älteren zu durchschauen. Eltern drücken ihren Kindern oft Smartphones in die Hand und sagen sinngemäß: Nun geh’ aber reflektiert damit um! Doch so einfach funktioniert das nicht.

Unschuld in Gefahr

Julia von Weiler (45) ist Psychologin und seit 2003 Geschäftsführerin des Vereins „Innocence in Danger“ (Unschuld in Gefahr), der sich mit Spenden finanziert. Bekannt ist Julia von Weiler aus Fernseh-Talkshows.
„Innocence in Danger“ ist ein internationales Netzwerk gegen sexuellen Missbrauch von Kindern, besonders gegen die Verbreitung von Kinderpornographie durch die neuen Medien.
Der Verein mit Sitz in Berlin will aufklären und vorbeugen im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern mit Fokus auf das Internet.
In Seminaren und Theaterstücken trainiert der Verein bundesweit Eltern, Lehrer, Kinder und Jugendliche.
Stephanie zu Guttenberg war bis 2013 Präsidentin, sie ist noch Mitglied im Präsidium. Ihre Nachfolgerin ist die Anwältin Marina von Achten.

Von welcher Altersgruppe sprechen Sie? Wo fängt das an?
Von Weiler: Das LKA Berlin hat mir von einem Fall erzählt, in dem ein Täter im Netz auf neun bis zehnjährige Jungen und Mädchen losgegangen ist. Die Kinder sind doppelt hilflos. Sie sind ohnehin kognitiv unterlegen und es fehlen ihnen wichtige Signale, wenn sich ihnen jemand mit böser Absicht nähert. Sie haben ja keinen direkten Kontakt. Eindrücke von Mimik, Gestik, Körperhaltung, Atmung, Stimme und – auch das ist wichtig – Geruch fallen weg. Darauf basiert sehr häufig unser Eindruck von unserem Gegenüber. Vielleicht sitzen einige Mädchen gemütlich zu Hause und glauben, alles sei nur Spaß und sie hätten die Situation in der Hand. Wenn sie dann merken, dass etwas schief läuft, tun sie etwas total Natürliches. Sie schalten alle Geräte aus und denken, damit wird alles gut. Doch schalten sie ihr Smartphone wieder an, merken sie: Nichts ist gut, sie sind erpressbar geworden. Der Täter fordert beim nächsten Kontakt immer mehr.

Was bewirkt das bei den Mädchen?
Von Weiler: Missbrauch ist immer wahnsinnig beschämend. Die Mädchen – oder auch Jungen – haben Angst, bloßgestellt zu werden, denken vielleicht: Wenn meine Mama das sieht, sieht sie mich nie mehr so an wie vorher. Die Kinder oder Jugendlichen glauben leider in den meisten Fällen, sie seien schuld. Auch weil der Täter oder die Täterin ihnen das einredet.

Das sind sie nicht?
Von Weiler: Nein. Aber es ist ein ganz mühsames Geschäft, ihnen beizubringen, dass sie nicht schuld sind, dass sie vielleicht ein Risiko eingegangen und nicht so rasend clever gewesen sind. Aber Schuld und Verantwortung dafür, was daraus entsteht, trägt derjenige, der das Bild, den Film oder was auch immer verbreitet.

Was können Eltern tun?
Von Weiler: Zu allererst müssen sie verstehen lernen, dass Facebook, Whatsapp etc. eine Öffentlichkeit bedeuten, in der ihre Kinder zu finden sind – Orte, an denen Täter gezielt auf die Suche gehen. Opfer brauchen Erwachsene, die sie verstehen, Ruhe bewahren können, hinsehen und eingreifen. Sie müssen sich mit dem eigenen Verhalten und dem der Jugendlichen auseinander setzen, mit ihnen gemeinsam Präventionsstrategien entwickeln.

Das klingt etwas einfach. So bedauerlich das ist, aber Eltern sind in bestimmten Entwicklungsphasen bei Jugendlichen oft nicht mehr so hoch angesehen. Die Kinder sagen ihren Eltern einfach nicht mehr alles. Was kann man da machen?
Von Weiler: Wichtig ist, dass ein Kind schon vor der Pubertät andere Vertrauenspersonen kennt. Das können Freunde sein, das sind nach meiner Erfahrung oft auch die Großeltern, manchmal Vertrauenslehrer oder Schulsozialarbeiter. Geschwister, vor allem ältere, können ganz wichtige Ansprechpartner sein.

Können sich Eltern so ein bisschen aus der Verantwortung stehlen?
Von Weiler: Das ist nicht gemeint. Aber sie können das Signal geben: Wenn du Stress hast und dich nicht wohl fühlst, mir das zu sagen, ist das okay, auch wenn mir das schwer fällt. Dann rede bitte mit deiner Patentante, dem Vertrauenslehrer, der großen Schwester. Ein Kind muss wissen, dass Mutter und Vater nicht beleidigt sind, wenn sie als Vertrauensperson einmal nicht erste Wahl sind.

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