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Manfred Krugs heiße Zeit in Brandenburg

Wie der Schauspieler lernte und liebte Manfred Krugs heiße Zeit in Brandenburg

Der verstorbene Schauspieler Manfred Krug hat als Jugendlicher in Brandenburg/Havel gelebt. Dort am Gördensee hat er mit einem Freund sein erstes Sexabenteuer erlebt. Eine fünf Jahre ältere Tanzpartnerin aus dem Waldcafé begleitete den 16-Jährigen kurz darauf zu einem einmaligen Liebesabenteuer nach Hause. Hart war dagegen die Arbeit „mit den Wahnsinnstypen“ im Stahlwerk.

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Manfred Krug bei der Probenentnahme mit seinem Vater Rudolf im Brandenburger Stahlwerk.

Quelle: Archiv Industriemuseum Brandenburg

Brandenburg/H. Der am 21. Oktober gestorbene Schauspieler Manfred Krug hat als Jugendlicher in Brandenburg/Havel gelebt. Dort am Gördensee hat er mit einem Freund sein erstes Sexabenteuer erlebt. Eine fünf Jahre ältere Tanzpartnerin aus dem Waldcafé begleitete den 16-Jährigen zu einem einmaligen Liebesabenteuer nach Hause.

Solche Erlebnisse und die Eindrücke von der Lehre und dem Arbeitsleben im Brandenburger Stahl- und Walzwerk sind nachzulesen in Manfred Krugs autobiografischen Buch „Mein schönes Leben“ von 2003.

Mit 14 Jahren war gebürtige Duisburger 1951 über die Zwischenstation Leipzig nach Brandenburg/Havel gekommen. Sein Vater Rudolf Krug war Stahlwerksleiter geworden und sorgte dafür, dass Sohn Manfred eine Lehre im Stahlwerk absolvierte.

Der spätere Schauspieler erlernte den Beruf des Eisenhütten-Facharbeiters und besuchte gleichzeitig die Abendschule, um sich auf das Abitur vorzubereiten. Er arbeitet 1951 bis 1954 im Stahlwerk, trug etliche Narben am ganzen Körper davon, die von glühenden Stahlsplittern herrührten.

Diese Unfälle mögen für Krug ein Grund mehr gewesen sein, dass er seinen Willen durchsetzte und 1954 nach Berlin an die Schauspielschule ging. Die markante Narbe im Gesicht ist keine Erinnerung aus der Lehrzeit, sondern resultiert aus einem späteren Besuch im Stahlwerk, berichtet Marius Krohn, der das Industriemuseum leitet.

Die MAZ hat zwar kein Interview mehr mit Manfred Krug über seine Brandenburger Zeit führen können. Aber die folgenden Originalantworten sind der erwähnten Autobiografie des Schauspielers entnommen.

MAZ: Wo wohnten Sie in Brandenburg?

Manfred Krug: Die Gegend heißt Görden, ein Arbeiter- und Laubenpiepervorort. Hier in der Nähe sind auch die Irrenanstalt und der Knast.

In welcher Straße waren Sie dort zu Hause?

Krug: In der Brucknerstraße 22. Unter einer Villa stelle ich mir etwas anderes vor. Es ist ein kleines Einfamilienhaus mit Garten an einer sandigen Straße. Alle Möbel, die mein Vater zusammengekauft hat, sind gebraucht, sie sehen ärmlich und prunkvoll zugleich aus. Chippendale muss eine Möbelart mit krummen Beinen sein.

Wie sah die Berufsausbildung aus?

Wir haben zweimal in der Woche Berufsschule, sonst täglich sieben Stunden Grundausbildung. Da lernen wir die Kaltverformung des Stahls, Feilen, Bohren, Fräsen, Alles was auch Schlosser lernen.

Was ist Ihnen am Sozialismus aufgefallen?

Krug (ironisch): Im Sozialismus ist alles gut geregelt, und es wird mit jedem Tag besser. Keine Knechtschaft, die Ausbeutung ist vorbei, denn die Arbeiterklasse kann sich nicht selbst ausbeuten. Streik gibt es nicht, wir sind die Besitzer, wir wären schön dumm. Im Sozialismus ist Stahlwerker ein Facharbeiterberuf. Im Sozialismus wird die Gleichberechtigung der Frau durchgesetzt, also können in meinem Jahr erstmalig auch Frauen den Stahlwerkerberuf lernen.

Wie haben Sie die Kolleginnen erlebt?

Krug: Der Architekt, der die Lehrwerkstatt gebaut hat, konnte nicht wissen, dass es Frauen geben würde. Deshalb gibt es nur Herrentoiletten, eine unten und eine im ersten Stock. Die obere ist provisorisch in eine Mädchentoilette umbenannt worden.

Wo ist das Problem?

Krug: Die Urinale sind nicht abmontiert. Als ich nichts ahnend dort reingehe, sehe ich drei Mädchen breitbeinig vor dem Pinkelbecken stehen. Sie haben die Schlosserhosen auf Kniehöhe runtergezogen und versuchen in hohen Bogen, rein zu zielen. Unglaublich, sie schaffen es, irgendwie können sie es steuern.

War das nicht peinlich für Sie?

Krug: Die drei Mädchen kreischen los, als ob es um Leben und Tod ginge, und als ich mit Herzklopfen die Toilettentür hinter mir zuknalle, sehe ich dass ,Männer’ durchgestrichen ist und ,Frauen’ daneben geschrieben.

Hatten Sie andere angstvolle Momente?

Krug: Quietschende Bahnräder, den scheppernden Schrott, der an die Elektromagnete springt, das Heulen der Kräne. Oft gehe ich auf die Ofenbühne, um die Angst zu verlieren und mich an den Anblick der verwegenen Menschen zu gewöhnen, die meine Kollegen sein werden.

Worin sehen Sie den Unterschied zwischen der Arbeit im Stahlwerk und der Schauspielerei?

Krug: Vielleicht ist der Beruf Schauspieler wirklich langweilig, aber angenehmer als die Schinderei am Ofen ist er sicher. Auch im Stahlwerk muss man immer die gleiche Arbeit machen, aber jeder Film geht einmal zu Ende, das Stahlwerk ist ewig.

Wie gefährlich haben Sie die Arbeit im Stahlwerk erlebt ?

Krug: Zwei Pfannen kommen aus einem Ofen. Jede fasst 70 Tonnen kochenden Stahl, der knallt und zischt und manchmal überschwappt, was zu einem Platzregen aus glühenden Tropfen führt, Diese Tropfen fallen gern in die Schuhe der Schmelzer, dann kann man seltsame Tänze sehen, und die Tänzer schreien, dass ihnen die Adern aus dem Hals treten.

Wie schlimm ist der Schmerz?

Krug: Es ist die Hölle. Der Betrieb ist neu, und doch sieht er aus, als würde er schon seit hundert Jahren an dieser Stelle vor sich hinrotten.

Konnte man sich nicht schützen?

Krug: Im Stahlwerk gibt es wenig Schutzkleidung. Es gibt Schuhe mit Stahlkappen, einen alten Filzhut muss sich jeder selbst besorgen. An seiner Krempe befestigt man die blaue Brille, die durch einen Korken, von der verschwitzen Stirn ferngehalten wird. Wir sehen abenteuerlich aus, halb Cowboys, halb Bettler, ein wüster Haufen.

Das klingt beinahe romantisch?

Krug: Der Nimbus des Romantischen am Stahlkocher macht nicht nur der Filzhut mit der blauen Brille, nicht nur die Schweißkristalle, nicht nur das Fauchen des Feuers und die großartigen Posen bei der Arbeit.

Was dann?

Krug: Vor allem ist es Kühnheit, man kann sagen Heldenmut. Und oft bin ich stolz dazuzugehören. Das ist ein gutes Gefühl, wenn du das Monster von Ofen in Schach gehalten hast und zusammen mit den anderen Wahnsinnstypen nach dem letzten Kampf deinen Liter lauen Tee runterschluckst. So was gibt’s nur in der Kohlengrube, im Krieg und im Stahlwerk.

Haben Sie die Arbeit insofern genossen?

Krug: Ich arbeite nicht gern, weiß Gott nicht, aber feige will ich nicht sein. Das würden sie sofort meinem Vater erzählen.

Der Stolz überwiegt also?

Krug: Die meiste Zeit bin ich nicht stolz, sondern einfach fertig. Ich frage mich ob das mein Leben sein wird.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Vater?

Krug: Als ich ein kleiner Junge war, fiel es mir leichter, ihn zu lieben, Jetzt kommt es mir vor, als müsste ich die Wesenszüge, die ich an ihm bewundere, mühsam zusammensuchen.

Wie reagiert Ihr Vater, als sie ihm eröffnen, dass Sie die Abendschule verlassen werden?

Krug: Er schaut angeekelt zur Seite. Er gibt auf.

Von Jürgen Lauterbach

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