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Mehr Therapieplätze für Schwerverbrecher

Justizvollzugsanstalt Brandenburg Mehr Therapieplätze für Schwerverbrecher

Damit mehr Hochrisiko-Häftlinge von Psychologen behandelt werden können, wird die Zahl der Therapieplätze in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg um 30 auf 100 im nächsten Jahr erhöht. Sie sind für Häftlinge aus allen Gefängnissen im Land. Die Behandlung soll verhindern, dass der Täter ein weiteres Verbrechen begeht. Doch nicht immer gelingt die Therapie.

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Häftlinge in der Sotha, der Sozialtherapeutischen Abteilung für Sexual- und Gewaltstraftäter im Brandenburger Gefängnis.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg an der Havel. Hinter der schweren Eisentür zwitschern Wellensittiche. Haustiere in Käfigen für Männer hinter Gittern. Die Wellensittiche gehören einem der 53 Häftlinge der Sozialtherapeutischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Brandenburg (Sotha). Auf den drei Ebenen des Hafthauses ist Platz für 70 Gewalt- und Sexualstraftäter. Sotha-Leiter Steven Feelgood nennt sie Mittel- bis Hochrisiko-Männer. Es geht um die Rückfallgefahr, also die Wahrscheinlichkeit, dass diese Straftäter nach ihrer Haftentlassung erneut Verbrechen begehen. Bei der Gruppe der Hochrisikosexualstraftäter liegt diese weit über 50 Prozent. Mehr als jeder zweite dieser Männer also wird wahrscheinlich eine weitere Straftat begehen. Bei Gewalttätern liegt sie noch höher. Um diese Gefahr zu senken, gibt es die Sotha.

Der gebürtige Australier und studierte Psychologe Steven Feelgood leitet seit 2006 die Sotha in der Brandenburger Justizvollzugsanstalt

Der gebürtige Australier und studierte Psychologe Steven Feelgood leitet seit 2006 die Sotha in der Brandenburger Justizvollzugsanstalt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Feelgood zitiert Forschungsergebnisse, wonach die Rückfallquote um 40 Prozent gesenkt werden würde. „Das ist erstaunlich gut, aber für alle, die in dem Bereich arbeiten, noch nicht gut genug und für die Bevölkerung immer noch zu hoch.“ Tatsächlich ist unter den Sotha-Häftlingen ein bereits rückfällig gewordener Straftäter und in wenigen Tagen kommt ein zweiter Häftling, der die Therapie ebenfalls ein zweites Mal durchläuft, weil auch er nach seiner Entlassung erneut ein Verbrechen begangen hat. „Wenn er reumütig ist oder zumindest selbstkritisch wirkt, wird er gut aufgenommen.“ Die Frage sei aber, „warum ist er rückfällig geworden“, was lag an der Person selbst, was misslang in der Behandlung.

100 Therapieplätze in Brandenburg für Sexual- und Gewalttäter

Damit dennoch mehr Männer in der Sotha von Psychologen und Sozialarbeitern therapiert werden können, wird die Zahl der Plätze dieser Abteilung in der Justizvollzugsanstalt um 30 Plätze auf 100 im kommenden Jahr erhöht. Sie sind für Gewalt- und Sexualstraftäter aus allen Gefängnissen im Land. Für Jüngere gibt es eine Jugend-Sotha in Wriezen.

Ein von einem Häftling gemaltes Frauenbildnis auf einem Zellengang

Ein von einem Häftling gemaltes Frauenbildnis auf einem Zellengang.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Zehn der Sotha-Plätze werden ab 2017 erstmals auch im offenen Vollzug vorgehalten. Feelgood begründet das so: Gesetzlich sei es vorgeschrieben, alle Behandlungsformen auch im offenen Vollzug anzubieten. Zudem sei es für jene Klienten, wie Feelgood die Sotha-Häftlinge nennt, die sich auf ihre Entlassung vorbereiten. „Wir haben einen Mann, der hat eine Arbeit gefunden und hat Schichtdienst, das ist hier im geschlossenen Vollzug nicht zu leisten.“

Die Behandlung soll mit der Haftentlassung enden

Im Schnitt dauert die Behandlung in der Sotha vier Jahre. „Wir haben einen relativ hohen Anteil von Männern, die anschließend in die Sicherheitsverwahrung kommen oder lebenslange Haft verbüßen. Die bleiben sechs Jahre“, so Feelgood. Das Konzept lautet für die meisten, dass die Behandlung mit der Haftentlassung endet ohne zwischenzeitliche Rückkehr in den normalen Vollzug. Denn den Kontakt zu den übrigen Kriminellen in der JVA sei für die Behandlung nicht förderlich, so Feelgood.

Ein Haftraum in der Sozialtherapeutischen Abteilung des Brandenburger Gefängnisses

Ein Haftraum in der Sozialtherapeutischen Abteilung des Brandenburger Gefängnisses.

Quelle: JACQUELINE STEINER

In den offenen Vollzug dürfen jene Sotha-Häftlinge wechseln, „die ihre Kernbehandlungsphase mit ausreichendem Erfolg abgeschlossen und die intensive Betreuung nicht mehr nötig haben“, sagt Feelgood. Zudem müssten „Flucht- und Missbrauchsgefahr bezüglich straffälligen Verhaltens vertretbar gering sein, also im niedrigen Bereich liegen“, betont der studierte Psychologe.

Im Sotha-Team arbeiten auch Frauen

Auf drei Etagen leben derzeit die Häftlinge. Bewacht, betreut und behandelt werden sie von 25 Vollzugsmitarbeitern, sieben Sozialarbeitern und fünf Psychologen. Zur Hälfte besteht das Sotha-Team aus Frauen. Das ist gewollt. Die Therapie-Gruppen würden von einem Psychologen-Duo geleitet beiderlei Geschlechts. „Auf Frauen reagieren die Männer ganz anders, oft gereizter.“ Das zu erkennen sei für die Therapie wichtig. Es sei vorgekommen, dass ein Mann sich in eine Frau im Sotha-Team verliebt habe. „Die sitzen hier lange ein und dann ist eine Frau nett zu ihnen. Aber die Grenzen müssen immer klar sein.“

Auch dieses von einem Häftling gemalte  Bild hängt in einem Zellenflur in der Sotha

Auch dieses von einem Häftling gemalte Bild hängt in einem Zellenflur in der Sotha.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Auf dem Flur hängt das Bild einer dunkelhaarigen Schönheit, die ihren Kopf auf die nackten Arme legt. Entstanden ist es im Atelier unter dem Dach. Das Malen sei eine Form der Meditation, so Feelgood. „Wir sind nicht so idealistisch zu glauben, dass es sich auf die Rückfälligkeit auswirkt. Es ist vielmehr eine Mischung zwischen Behandlung und Freizeitangebot.“ Um narzisstische Neigungen nicht zu fördern, sollten die Häftlinge gleichaussehende Bilder in Gitterform malen. Weiße Linien umrahmen knallbunte Quadrate. „Es kommt Kreatives heraus, aber es ist nicht zu erkennen, wer es gemalt hat“, beschreibt es Feelgood. „Einige glauben nach dem Malen, sie seien Künstler.“ Dieser Irrglaube solle erst gar nicht entstehen, sagt der 49-Jährige.

Keine Zwangsversetzung in die Abteilung

Der Tagesablauf ist stramm organisiert. „6 bis 12 Uhr Arbeit, Schule, Ausbildung“, steht auf einem Stundenplan am Schwarzen Brett. Zwischen 13 und 17 Uhr folgen die „Behandlungsmaßnahmen“, heißt es dort weiter.

Wer in der Sotha arbeitet, hat es mit einem besonders hohen Anteil von Schwerstkriminellen zu tun. Auch Pädophile sind in der Sotha. Jeder der Männer hat einem anderen Menschen schwerstes Leid angetan. „Viele JVA-Bedienstete wollen nicht in der Sotha arbeiten“, so Feelgood. Das sei verständlich. Es würde niemand gezwungen. Wie er selbst den Job aushalte? „Wir sind fokussiert auf das Ziel der Behandlung, auch wenn wir beleidigt oder abgewertet werden.“ Sein Ansatz sei der Respekt für Häftlinge, „die an sich arbeiten und in ihre tiefsten psychischen Abgründe schauten. Aber wir werden nie Freunde sein.“

Behandlung von Schwerstverbrechern

Es sind Mörder, Totschläger, Vergewaltiger und Missbrauchstäter, die Häftlinge in der Sozialtherapeutischen Abteilung (Sotha) der Brandenburger Justizvollzugsanstalt. Frauen, Männer und auch Kinder wurden ihre Opfer. Wer in der Sotha therapiert werden soll, muss Voraussetzungen mitbringen: Neben der Behandlungsbedürftigkeit ist dies der Wille, psychologisch an sich zu arbeiten. Drogensüchtige oder Männer, die für Gefangene oder Therapeuten zur Gefahr werden könnten, sind ausgeschlossen.

Steven Feelgood ist gebürtiger Australier. Seit 2006 leitet er die Sotha. Der studierte Psychologe arbeitete nach seinem Umzug nach Deutschland trotz seines Masters in Forensischer und Klinischer Psychologie drei Jahre lang als Reinigungskraft, bevor er die deutsche Sprache erlernte. Bevor der heute 49-Jährige in den Justizdienst wechselte, war er am Institut für Sexualwissenschaften an der Berliner Charité beschäftigt und therapierte dort auch Pädophile, die fürchteten, sich irgendwann strafbar zu machen.

 

Von Marion von Imhoff

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