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Arbeitsmarkt verkraftet die 8,50 Euro

Ein Jahr Mindestlohn Arbeitsmarkt verkraftet die 8,50 Euro

Der Mindestlohn gilt seit einem Jahr. Arbeitsplätze sind durch die Einführung in Brandenburg nicht in nennenswertem Umfang verloren gegangen. Auch Taxifahrer bewerten die angekündigte Tariferhöhung kritischer als den gestiegenen Stundenlohn. Allerdings ist die Zahl der Taxis in der Stadt 2015 deutlich gesunken.

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Taxiunternehmer Harald Schlundt hat den Mindestlohn bisher verkraftet.

Quelle: J. Lauterbach

Brandenburg/H. Das Auto streikt, der letzte Bus ist längst abgefahren, es schneit – wie komme ich bloß nach Hause? Gerade bei den derzeitigen Temperaturen kein ungewöhnliche Situation. Früher hätte man sich einfach ein Taxi gerufen. Das geht im Jahr Zwei nach der Mindestlohn-Einführung immer noch. Doch in Stoßzeiten müssen Fahrgäste vermutlich länger warten als früher.

„Schauen Sie sich doch mal um, wie viele Taxis noch auf den Straßen sind“, empfiehlt Taxiunternehmer Nico Schleusner. Er hat zwei Autos, fährt selbst und beschäftigt drei Angestellte. „Doch in kann meine Wagen nur so einsetzen, dass sie das Geld auch einfahren“, sagt der Unternehmer. Das bedeutet: am Sonntag ist kein normalerweise Schleusner-Taxi draußen. Standzeiten ohne Fahrgäste sind bei 8,50 Euro Stundenlohn einfach zu teuer.

Weniger Taxis unterwegs

Warten aufs Taxi muss aber auch, wer in stark nachgefragten Zeiten von A nach B gebracht werden will. Vor dem Zeitalter des Mindestlohns im Dezember 2014 waren nach Angaben von Fachbereichsleiter Michael Scharf l 29 Taxiunternehmen mit 71 Lizenzen in der Stadt Brandenburg am Start. Aktuell gibt es dort 28 Unternehmen mit 55 Lizenzen.

Mindestlohn belastet den Arbeitsmarkt nicht

Die Arbeitsagentur Brandenburg registriert keine negativen Auswirkungen des Mindestlohns, keine Entlassungen aus diesem Grund in nennenswerter Zahl. Eher im Gegenteil. „Wir haben so viele Stellenangebote wie nie zuvor“, berichtet die Leiterin Monika Obuch.

Wo Arbeitslose früher vielleicht gesagt haben, für sechs Euro stehe ich nicht auf, ist die Motivation inzwischen höher, Arbeit anzunehmen oder auch mal eine Stunde länger zu arbeiten, sagt die Arbeitsmarktexpertin.

Das Jobcenter Brandenburg erkennt ebenfalls „ keine signifikanten Auswirkungen auf Basis der Einführungen des Mindestlohnes“. Wohl seien Fluktuationen zu beobachten, ohne dass diese sich im Hartz-IV-Bereich verfestigen, teilt Geschäftsführer Michael Glaser mit.

Ständiger Streitigkeiten um die Zahlung des Mindestlohns haben nach Glaser Kenntnis bisweilen zu Kündigungen geführt. Aber die Betreffenden hätten dann sofort eine alternative Beschäftigung gefunden.

Harald Schlundt hatte sich vor einem Jahr von einem Fahrer getrennt. Seit Februar ist der Unternehmer aus Gollwitz aber wieder komplett. Mit seiner Tochter und einem Angestellten teilt man sich zwei Autos. Die Einnahmen seien im ersten Jahr zwar nicht eingebrochen.

Doch so wenig wie sein Unternehmerkollege will sich der Mann, der seit 1969 Taxi fährt, in Sicherheit wiegen. Auch wenn der aktuell recht niedrige Spritpreis die Stimmung hebt, bleibt eine große Sorge: die abermalige Erhöhung der Taxitarife durch die Stadtverordneten. Wer Taxi fährt, kann sich nicht sicher sein, dass die Kundschaft dann am Ball bleibt.

Bleibt Kundschaft am Ball?

Bei den Brandenburger Friseuren hat es wie im gesamten Handwerk zwar keine massenhaften Entlassungen gegeben, wohl aber Veränderungen. Neue-Linie-Geschäftsführerin Brita Meißner hat die Zahl der Standorte auf 13 reduziert, um Kosten zu sparen, und in einem Fall außerdem zwei Filialen zu einer zusammengelegt. Andere Friseurunternehmer haben ähnlich reagiert

An den gestiegenen Personalkosten haben die Salons ihre Kunden mit höheren Preisen beteiligt. Niedrigpreise wie früher beobachtet Brita Meißner kaum noch. Ihre Bilanz nach einem Jahr: „Wir haben eine Vorlaufzeit gehabt und sind nun im großen und Ganzen zufrieden.“

„Auswirkungen auf die Personalsituation im brandenburgischen Handwerk haben wir nicht festgestellt“, teilt Ralph Bührig mit, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Potsdam. Die Arbeitsmarktdaten und Konjunkturumfragen der Kammer ergäben keine nennenswerten Einflüsse durch den Mindestlohn. Das habe er aber auch nicht anders erwartet, sagt Bührig und nennt dafür den Grund: „In vielen Branchen liegen die tariflichen Mindestentgelte seit Jahren deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn, im Bau etwa bei über 11 Euro, im Dachdeckerhandwerk bei mehr als 12 Euro.“

1000 Betriebe gefragt

Etwas Wasser gießt Detlef Gottschling in den Wein. Die Indus­trie- und Handelskammer (IHK) Potsdam berichtete im Dezember über ihre Befragung von knapp 1000 Betriebe gefragt. Die Hälfte davon sahen zwar keine Folgen für ihr Unternehmen durch den Mindestlohn, auch wegen der sehr guten Konjunktur.

In den Branchen Verkehr und Tourismus meldeten aber 40 Prozent der Firmen negative Auswirkungen. Reagiert hätten sie mit Preiserhöhungen – im Verkehr 30 Prozent der Betriebe und im Tourismus fast die Hälfte. Hotels und Restaurants reagierten zudem mit Arbeitszeitverkürzung.

Annik Rauh, Gastronomin in Brandenburg, bestätigt diese Aussage nicht. Allerdings lasse sich noch nicht sagen, wie der Mindestlohn das Geschäft beeinflusse. Das Jahr 2015 für die Stadt wegen der Bundesgartenschau einfach außergewöhnlich gewesen und daher nicht repräsentativ. Persönlich finde sie den Mindestlohn in der Gastronomie auch nach einem Jahr noch gut, weil ein harter Job auch anständig bezahlt werden müsse.

Von Jürgen Lauterbach

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