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Mit Gänsehaut ins Paradies

Vox Nostra auf der Burg Ziesar Mit Gänsehaut ins Paradies

Die Reformation brachte das Aus für den Bischofssitz Ziesar. Die Burg dient heute als Museum. Für ihre Gottesdienste nutzt die katholische Gemeinde die wegen ihrer Ausmalung berühmte Kapelle. Konzerte finden dort nur selten statt. Für das Ensemble Vox Nostra gab es eine Ausnahme.

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Das Ensemble Vox Nostra trat am Reformationstag vor fast 100 Zuhörern in der Burgkapelle von Ziesar auf.

Quelle: Rüdiger Böhme

Ziesar. Der Reformationsabend war noch jung, als Martin Luther den Konzertbesuchern in der Burgkapelle eine Gänsehaut einbrachte. Sein protestantischer Evergreen „Eine feste Burg ist unser Gott“ erklang so archaisch und rein, wie Glockengeläut an einem klaren Wintermorgen. Die Offenbarung für die Ohren gelang den Damen und Herren des Berliner Ensembles Vox Nostra dank eines obertonreichen Vokalklangs, der für den kleinen aber hohen Raum mit dem Kreuzgewölbe wie geschaffen schien. Kein Wunder, dass ausgerechnet dieser bekannte Choral solch einen tiefen Eindruck bei den fast 100 Zuhörern hinterließ.

Auf Musikhandschriften spezialisiert

Das Vokalensemble Vox Nostra wurde 1999 in Berlin von Burkard Wehner gegründet, der sich praktisch und wissenschaftlich auf frühe Musikhandschriften spezialisiert hat. Interpretiert werden ein- und mehrstimmige Musikstücke des Mittelalters und der Renaissance aus Handschriften des 9. bis 16. Jahrhunderts.

Für die Havelländischen Musikfestspiele war das Konzert am Reformationstag die erste Veranstaltung in Ziesar. Am 25. November geht es in der Region weiter. Und zwar um 16 Uhr im Schloss Rogäsen. Frank Wasser (Klavier) und Christoph von Weitzel (Bariton) bringen „Die Winterreise“ von Schubert zu Gehör.

Für die Baugeschichte der Burgkapelle Ziesar war die Amtszeit von Bischof Dietrich von Stechow (1459-1472) von besonderer Bedeutung. Er machte die grundlegende Umgestaltung zu seinem Lebenswerk. Er fand seine letzte Ruhestätte mitten in der neu errichteten Kapelle.

Die ehemaligen Herrscher der bischöflichen Residenz wussten um die Wirkung einer exzellenten Akustik, wenn die Menschen angehalten waren sich Gott zuzuwenden. So ist es bis in die Gegenwart, 500 Jahre nach den Anfängen der Reformation, in Ziesar geblieben. Die wegen ihrer reichen Ausmalungen berühmte Kapelle dient der katholischen Gemeinde als Raum für ihre Gottesdienste. Konzerte gibt es in der 1470 geweihten Gebetsstätte nur sehr wenige im Jahr.

Die ehemalige bischöfliche Hofkapelle mit der schmuckreichen Südfassade vom Bergfried aus gesehen

Die ehemalige bischöfliche Hofkapelle mit der schmuckreichen Südfassade vom Bergfried aus gesehen.

Quelle: Rüdiger Böhme

Entsprechend glücklich zeigte sich der ehemalige Geschäftsführer der Havelländischen Musikfestspiele, Frank Wasser aus Päwesin, über die Premiere der Konzertreihe in Ziesar. Und das an einem Tag, an dem in ganz Deutschland Luthers Thesenanschlag gedacht wurde. „Ein schöneres Konzert an einem so eindrucksvollen und geschichtsträchtigen Ort kann man sich kaum vorstellen“, freute sich Wasser vor dem Höhepunkt der Veranstaltungsreihe „Auf den musikalischen Spuren der Reformation“.

Als das letzte Tageslicht durch die Fenster auf das übergroße Christuskreuz an der Altarwand fiel, spannte Vox Nostra den musikalischen Bogen von der Zeit vor Luther bis über 1539 hinaus. Jenem Jahr, als Kurfürst Joachim II. die Reformation in Brandenburg einführte. Dass nur fünf der vom Veranstalter angekündigten elf Sänger auftraten war zwar schade, tat aber dem Musikgenuss keinen Abbruch. Mit dem Singen aus Kopien der Originalhandschriften gelang dem Ensemble eine unvergleichlich spezifische Interpretation von Choralgesängen und Motetten. Eine im Tempo angemessene, langsam fließende Vortragsweise ließ die reiche Verzierungskunst der Kompositionen gebührend zu Geltung kommen. „Wie die Brandenburger Bischöfe ihre Gottesdienste in Ziesar musikalisch ausgestalteten ist leider nicht überliefert“, bedauert Ziesars Museumsleiter Clemens Bergstedt. Sehr wahrscheinlich haben sie mit ihrem Hofstaat selbst fromme Kompositionen gesungen. Natürlich auf Latein.

Das Konzert am Reformationstag in Ziesar war so gut wie ausverkauft

Das Konzert am Reformationstag in Ziesar war so gut wie ausverkauft.

Quelle: Rüdiger Böhme

Beim ersten Lied, der von Luther eingedeutschten Hymne „Christum wir sollen loben schon“, blieb das ganz in Schwarz gekleidete Ensemble für das Publikum unsichtbar. Wir früher die Kirchenoberhäupter betraten die drei Herren und zwei Damen die Empore der Burgkapelle über den sogenannten Bischofsgang, der vom einstigen Palas aus erreichbar ist. So begann der Einstieg in die musikalische Welt von Martin Luther im Rücken der Zuhörer. Diese konnten mit den Augen ganz das mittelalterliche Bauwerk und seine Ausstattung auf sich wirken lassen.

Blick auf die Altarwand und das ausgemalte Kreuzgewölbe der Burgkapelle

Blick auf die Altarwand und das ausgemalte Kreuzgewölbe der Burgkapelle.

Quelle: Rüdiger Böhme

Vor allem die gut erhaltene und farbenfrohe Gewölbe- und Wandmalerei aus der Zeit um 1500, die den Eindruck einer weinumrankten Laube mit Blick zum Himmel vermittelt, versetzen Betrachter in die Welt des 15. Jahrhunderts. Es sollte das Paradies auf Erden sein. Damals ahnte Bischof Dietrich von Stechow, der das Kirchenamt von 1459 bis 1472 innehatte, nicht, dass seine „Zur Förderung der Frömmigkeit“ errichtete Kapelle samt Burg keine 100 Jahre später mit der Säkularisation von der Bischofsresidenz zu einem kurfürstlichen Witwensitz degradiert werden sollte. „Ein neues Lied heben wir an“, nannte Vox Nostra das Konzert zum Reformationstag. Luthers musikalische Welt brachte vor 500 Jahren eine Zeitenwende auch nach Ziesar. Für Vox Nostra unter Leitung von Ellen Hünigen brachte sie lang anhaltenden Beifall.

Von Frank Bürstenbinder

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