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Brandenburg/Havel Nach 28 Jahren: Kostümverleiherin sucht Nachfolger
Lokales Brandenburg/Havel Nach 28 Jahren: Kostümverleiherin sucht Nachfolger
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15:55 15.04.2019
Mehr als 4000 Kleidungsstücke gehören zum Bestand der Brandenburger Kostümverleiherin Roswitha Seidel. Sie sucht nach 28 Jahren im Dienst einen Nachfolger. Quelle: André Großmann
Brandenburg/H

 21 Stufen führen in der Hauptstraße 15 hinauf in die 95 Quadratmeter große Welt der Kostüme. Hier kümmert sich die Brandenburgerin Roswitha Seidel in drei Räumen um mehr als 4000 Kleidungsstücke wie Polizeiuniformen, Clownskostüme, historische Kleider und Superheldenoutfits. Seidel verleiht seit 28 Jahren Kostüme und sucht einen Nachfolger.

Die Brandenburgerin Roswitha Seidel verleiht seit 28 Jahren Kostüme und sucht einen Nachfolger für ihr Geschäft und mehr als 4000 Kleidungsstücke

Kostümverleih als Familientradition

Bislang gab es nur einen Interessenten, die Brandenburgerin gibt die Hoffnung aber nicht auf. „Das Herz und die Seele hängen dran, es ist nicht einfach. Mir tut es einfach Leid, wenn ich manche Kostüme verkaufe, kommt schon eine Träne“, sagt die 65-Jährige der MAZ.

Der Beruf fasziniert sie seit ihren ersten Lebensjahren, Seidel will so auch das Erbe ihrer Mutter Katharina „Kitty“ Jakwert bewahren, die im Jahr 1956 einen Kostümverleih in Brandenburg an der Havel gründete. Ihr Geschäft lag ebenfalls in der Hauptstraße 15 und nur ein Stockwerk höher.

„Als Kind hab ich in einer Lumpenkiste geschlafen, das war herrlich. Im Raum gab es auch eine Menge Kinderkostüme“, sagt Seidel der MAZ. Ein Rokokokleid erschien ihr als zu fein und extravagant. Doch als Frosch mit grünen Strumpfhosen und Taucherflossen verkleidete sie sich gern.

Superhelden und Prinzessinen waren immer beliebt

Doch welche Kostüme sind im Laufe der Jahrzehnte besonders beliebt? Jungen sind laut Seidel begeistert von Superhelden. „Star Wars ist ein Klassiker, auch Batman und Superman“, sagt die Brandenburgerin.

Bei den Mädchen waren hingegen meist Rotkäppchen, Pippi Langstrumpf und Prinzessinenoutfits gefragt. Bei Erwachsenen stehen laut Seidel Piratenkostüme hoch im Kurs. Der Frack ist hingegen ein zeitloser Klassiker und beliebt bei Männern und Frauen.

„Das ist wie bei einem alten Haus. Wenn dieses bewohnt wird, zerfällt es nicht. Und wenn ein altes Kleidungsstück getragen wird, ist es immer in Bewegung und bleibt am Leben“, sagt Seidel.

Zweimal am Tag läuft ihre Waschmaschine, die Brandenburgerin bewegt sich durch die Räume, sieht einen losen Knopf an einem Schneewitchenkostüm und legt diesen sofort zu ihrer Veritas-Nähmaschine. „Das muss neu gemacht werden, denn wenn man die kaputten Sachen im Regal lässt, wird es nicht besser“, sagt die gelernte Konditorin.

System und Zeitplanung gehören für Seidel zum Berufsalltag. Die Brandenburgerin erfüllt es mit Stolz, wenn ihre Kleidung getragen wird. Mit Freude denkt sie an ein Storchenkostüm, dass sie zu Junggesellenabschieden und Hochzeiten aushändigte.

Seidel übergab Dutzenden Brandenburgern Kleidungsstücke zum mittelalterlichen Rolandfest und gestaltete Kleider für das Rahmenprogramm der Havelköniginnenwahl.

Rotkäppchen-Kostüm für Dietlind Tiemann

Auch die frühere Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann lieh sich im Jahr 2014 für eine Büttenrede des Brandenburger Karnevals Club (BKC) ein Rotkäppchen-Kostüm. Seidel erinnert sich deshalb bis heute an ihre Notiz „Rotkäppchen Tiemann“.

Zwischen Rathenow, Falkensee, Bad Belzig und Brandenburg an der Havel ist Roswitha Seidel im Umkreis von 50 Kilometern seit mehreren Jahren die einzige Kostümverleiherin.

Sie übernahm Kleidungsstücke aus dem Fundus des Brandenburger Theaters, kaufte Kostümverleihe auf und Gewänder der Berliner Staatsoper. „Das ist wie bei einem Briefmarkensammler, nur dass die Kostüme mehr Platz einnehmen“, sagt Seidel.

In diesem Jahr verleiht die Brandenburgerin zwischen 50 und 100 historische Kleidungsstücke für den Festumzug zum 800-jährigen Bestehen des Ortes Golzow. Zu ihren Stammkunden gehören Kindergärten, Schulen, Karnevalsvereine und buddhistische Mönche in Päwesin. Doch seit mehreren Jahren wurde die Konkurrenz für die Kostümverleiherin durch das Internet und den Preiskampf der Discounter größer.

Roswitha Seidel sprach auch mit ihrer Tochter Sabine über eine mögliche Nachfolge. Da diese aber voll im Berufsleben steht, wird sie nur Seidels Weihnachtsmannwerkstatt mit mehreren Kostümen übernehmen.

Die Brandenburgerin akzeptiert das, brauchte aber bis zum Januar 2018 Zeit für den endgültigen Entschluss aufzuhören. Die Schilder mit der Aufschrift „Nachfolger gesucht“ stehen seit ein paar Wochen in der Brandenburger Hauptstraße. „Ich bin jetzt 65 Jahre alt und will die Entscheidung mit klarem Verstand treffen“, sagt Seidel.

Hoffnung auf einen Nachfolger

Wenn sie keinen Nachfolger findet, kann sich die Brandenburgerin vorstellen, ihre Kostüme themenbezogen zu verkaufen. Seidel hofft aber, dass ein Interessent bereit ist, ihre 4000 Kostüme komplett zu erwerben und den Verleih vollständig zu übernehmen. „Die Nachfrage nach Immobilien ist groß, aber einen Kostümverleih sucht kaum jemand“, sagt Seidel.

Sie ist sich dennoch sicher, dass es immer einen Grund zum Feiern gibt, an Halloween, Ostern und zum Karneval. Nach dem Verkauf des Kostümverleihs und der Kleidungsstücke will sich Seidel mehr um ihren Hund „Paulchen“ kümmern und ehrenamtlich arbeiten.

Sie hofft, dass sich die Brandenburger an sie erinnern. „Ich wünsche mir, dass diejenigen, die noch nie hier waren, noch mal diese schmale Tür durchschreiten“, sagt Seidel. Für sie werden die 21 Stufen bis zu ihrem Kostümverleih so auch immer zum Symbol der Hoffnung.

Von André Großmann

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