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Nach Feierabend in die „Bude“

Wo die Pritzerber Schiffer wohnten Nach Feierabend in die „Bude“

Der Ausbau des Finowmaßkahns „Ilse Lucie“ zu einem Vereinsschiff für den Pritzerber Schifffahrtsverein kommt weiter voran. Nach der Einrichtung einer Dauerausstellung im Laderaum, kann ab sofort eine dem Original nahe kommende Eignerkabine besichtigt werden. Die Matrosenkajüte muss noch warten.

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Platz für zwei Betten gibt es in der Eignerkabine, die Jürgen Patzlaff vom Pritzerber Schifffahrtsverein an Bord der Ilse-Lucie eingerichtet hat.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Pritzerbe. Ihr Lebensmittelpunkt erstreckte sich über 15 Quadratmeter. Die „Bude“ im Heck des Lastkahns musste reichen zum Schlafen, Kochen und Klönen auf der guten Couch des Eigners. Manche Pritzerber Schiffer verbrachten das ganze Jahr in der Kabine, während die Kinder von den Großeltern aufgezogen wurden. Andere Familien hatten noch Haus und Land. An Bord befand sich alles, was der Schiffer zum Leben brauchte: Bettstelle, Kohleherd, Tisch und Schrank, Waschschüssel und Küchenausrüstung. Sogar ein abgetrenntes Klo gab es, wenn es auch nur ein Eimer unter einem Sitzbrett war.

Am Wochenende geöffnet

Der 1927 erbaute Schleppkahn „Ilse-Lucie“ lief zwar nicht in Pritzerbe vom Stapel, kommt aber den bei Paelegrimm, Günther oder Heuser gebauten Kähnen in Form und Maßen sehr nahe. Das an der Ablage festgemachte Schiff ohne eigenen Antrieb gehört dem 2011 neu gegründeten „Pritzerber Schifffahrtsverein 1776“.

In Pritzerbe gab es einmal über 60 Schiffseigner, drei arbeitende Werften, eine überregionale Schiffsversicherung, eine Fahrschule und ein Verein als berufsständische Interessenvertretung. Schleppkähne mit dem Heimathafen Pritzerbe waren die Packesel auf Havel, Spree und Elbe.

Eine gute Stunde Zeit sollten sich Besucher für einen Rundgang an Bord der „Ilse Lucie“ nehmen. Eintritt wird nicht erhoben. Aber für eine Spende sind die Vereinsmitglieder immer dankbar. Geöffnet ist die Ausstellung der Pritzerber Schifffahrtsgeschichte sonnabends und sonntags von 14 bis 17.30 Uhr.

 

Wie die Menschen zur Blütezeit der antriebslosen Lastkähne an Bord gelebt haben, zeigt ab sofort der Pritzerber Schifffahrtsverein sehr anschaulich auf seinem Vereinsschiff „Ilse-Lucie“, das an der Pritzerber Ablage festgemacht hat. Wo bisher nur die nackte Bordwand zu sehen war, richtete Jürgen Patzlaff im Heckbereich eine dem Original nahe kommende Eignerkabine ein. Bullaugen achteraus und ein Oberlicht sorgen dafür, dass es tagsüber auch ohne elektrisches Licht ausreichend hell im Domizil des Schiffsführers ist. Rund 100 Arbeitsstunden brachte der pensionierte Kapitän der Binnenschifffahrt auf, um die Erinnerung an das Leben der Schiffer auf engstem Raum wach zu halten.

Die Küchenecke mit Nassstrecke und Kohleherd war für die Schiffer überlebenswichtig

Die Küchenecke mit Nassstrecke und Kohleherd war für die Schiffer überlebenswichtig.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Historische Fotos mit der Ausstattung der Kabinen gibt es nur wenige. Dafür kann sich Patzlaff bestens bei den eigenen Erinnerungen bedienen. Schon als Schuljunge fuhr er in den Ferien bei seinem Onkel auf der „Marie“ mit. „Trotz der beengten Verhältnisse war es immer eine schöne Zeit“, berichtet der Vereinsvorsitzende. Die Kabine mit den zwei übereinander gestellten Schlafzimmerbetten, einer Petroleumlampe aus Messing mit kardanischer Aufhängung und dem verzinkten Eimer für Trinkwasser ergänzt die vor einem Jahr eröffnete Dauerausstellung im Laderaum des ehemaligen Finowmaßkahns. Zahllose Exponate zur Pritzerber Schifffahrtsgeschichte haben Patzlaff und seine Mitstreiter dort zusammengetragen, wo einst Kohlen, Rüben, Kartoffeln und Getreide gebunkert wurde.

An den Wochenenden hält Jürgen Patzlaff das Vereinsschiff an der Pritzerber Ablage offen

An den Wochenenden hält Jürgen Patzlaff das Vereinsschiff an der Pritzerber Ablage offen.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Mit der Einrichtung der Eignerkabine ist ein wichtiges Puzzle im spannenden Leben der Pritzerber Berufsschiffer hinzugekommen. Denn in der Kabine haben Menschen gelebt. Manche Kapitäne hatten ihre Frau dabei. Andere kamen mit einem Matrosen aus, der seinen eigenen Wohnraum im Vorderteil des Schiffes hatte, von den Schiffsleuten die „Pflicht“ genannt. Das Reich des Eigners dagegen war die „Bude“ im Heck. Zumindest ist das bei der 1927 in Oderberg gebauten„Ilse-Lucie“ so. Die Werften an der Weser zum Beispiel fügten den Kabinenteil in der Mitte des Kahns ein. Ein Vorteil hat die Bauart des Finowmaßkahns, die auch von Pritzerber Werften übernommen wurde. In wenigen Schritten war der Schiffer im Ruderhaus, das sich genau über seiner Wohnung befindet.

Blick in die Dauerausstellung im Laderaum

Blick in die Dauerausstellung im Laderaum.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Eine Treppe führt von der Eignerkabine an Deck. Für Besucher geht der Weg in den Bauch der „Ilse-Lucie“ jedoch über eine eigens gebaute Gangway zunächst in den Laderaum mit der Dauerausstellung. Eine Tür, die es im Original nicht gibt, verbindet die Ausstellung mit der Eignerkabine. Deren Ausstattung ist ähnlich standardisiert, wie es der Schiffskörper war. „Die geringen Abmessungen ließen ohnehin nicht viel Gestaltungsraum“, berichtet Patzlaff. Allerdings hatte auch vor 80 oder 100 Jahren jeder Eigner seine Vorstellungen über die Beschaffenheit der Kabine. Davon zeugt ein bis heute erhaltener Bauauftrag aus dem Jahr 1907 an die Pritzerber Schiffswerft von Robert Heuser. Darin legte der Schiffer und Auftraggeber fest, dass die Eisenwände der „Bude“ mit doppelter Dachpappe und Kiefernschalung zu verkleiden sind. Die Treppe hatte aus Eisen zu sein.

Die Ilse-Lucie ging  nach umfangreicher Sanierung  an der Pritzerber Ablage vor Anker

Die Ilse-Lucie ging nach umfangreicher Sanierung an der Pritzerber Ablage vor Anker.

Quelle: Frank Bürstenbinder

Der Matrose an Bord dürfte noch bescheidener gelegt haben. Die Einrichtung seiner Kabine ist derzeit Zukunftsmusik, aber vom Schifffahrtsverein nicht vergessen.

 

Von Frank Bürstenbinder

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